Bart und Lederjacke: Samuel Finzi lässig beim Interview. 
Foto: Markus Wächter

BerlinEr pendelt zurzeit zwischen vier Theaterstücken und drei Filmen. Samuel Finzi bringt dennoch Zeit mit, als wir ihn in Berlin-Mitte treffen. Wir wollen mit ihm über seinen neuen Moderatoren-Job bei der Berlinale sprechen.

Herr Finzi, gab es nach dem Angebot, die Eröffnungsgala und Preisverleihung bei der Berlinale zu moderieren, einen Moment der Panik?

Als die Anfrage kam, habe ich sofort zugesagt. Und am nächsten Morgen dachte ich plötzlich: Oh Gott, was hast du getan? Es ist eine Riesenfreude und Ehre einerseits gewesen und andererseits wurde mir bewusst, dass ich vor einem großen Publikum moderieren werde. Dann aber habe ich mich beruhigt, weil ich ja immerhin Abend für Abend im Theater auf der Bühne stehe. Danach habe ich angefangen, über meinen Auftritt nachzudenken. Ich bin nicht auf mich allein gestellt, habe ein tolles Team hinter mir.

Hatten Sie Bammel, in Anke Engelkes Fußstapfen zu treten? Immerhin glänzte sie in den vergangenen Jahren mit ihren Comedy-Einlagen und ihren Kleidern ...  

Ich habe sehr großen Respekt vor ihr und ihrer Kunst. Ich mag sie sehr gerne als Schauspielerin und Kollegin. Insofern will ich mich nicht an ihr messen, weil ich das gar nicht kann. Ich versuche einfach, die Tür zu dem Festival zu öffnen. Es geht nicht darum, dass ich mich selbst darstelle, sondern dass sich die Menschen auf die Berlinale freuen.

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Sie werden jetzt natürlich noch nicht verraten, wie Sie die Eröffnungsgala moderieren?  

Wir proben bereits, und eins kann ich verraten, es wird ein wenig anders als in den vergangenen Jahren. Das ist aber auch dem geschuldet, dass die Berlinale mit Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek eine neue Leitung hat. Damit steht im Mittelpunkt, womit sie uns wohl überraschen. Und ich freue mich sehr darauf. Deshalb bin ich nicht das wichtigste Glied in der Kette. Ich bin, wie gesagt, nur der Türöffner.

Was erwarten Sie, was anders werden könnte?  

Die Berlinale war immer ein Publikumsfest und das wird sie auch bleiben. Es gibt erstmals diesen weiteren Wettbewerb, Encounters. Da werden unabhängigere, wagemutigere Filme gezeigt als in den anderen Programmen. Und es gibt 18 Wettbewerbsfilme und viele andere in den Foren wie Panorama. Es wird spannend. Der kürzeste Film dauert circa vier Minuten, der längste etwa acht Stunden. Es ist ein sehr breit aufgestelltes Programm.

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Halten Sie es acht Stunden im Kino aus?  

Auf jeden Fall, mir macht das nichts aus. Unsere Sehgewohnheiten haben sich eh geändert. Wir gucken ja auch nächtelang Serien an einem Stück.  

Welche Serie haben Sie zuletzt gesehen?  

Ach, das will ich nicht sagen.  

Eine wie Game of Thrones?

Ich bin wahrscheinlich einer der wenigen, der nie eine Folge davon gesehen hat.  

Sie haben noch nicht mal einen Fernseher zu Hause, wie sehen Ihre Seriennächte aus?  

Ich habe einen Beamer und schaue damit Filme auf der Leinwand. Manchmal lege ich mir eine DVD ein oder streame einen Film. Auch bei Amazon und Netflix laufen inzwischen tolle Kinofilme. Aber ansonsten bin ich nach wie vor ein Kinogänger. Einen Film wie „The Irishman“ würde ich mir nie alleine daheim auf dem Sofa ansehen. Das Kino verbindet. Es ist dazu da, einen Film nicht alleine zu schauen. Das mag ich.

Sie sind 1989 aus Bulgarien nach Berlin gekommen. Was verbinden Sie mit der Berlinale, wann waren Sie das erste Mal dort?

Das war in den 1990er-Jahren. Im Internationalen Forum des jungen Films lief ein bulgarischer Film, in dem mein Vater Itzhak Finzi mitspielte. Damals leitete die Familie Gregor noch das Forum. Für mich war das alles unglaublich aufregend. Ich war Mitte 20, in Berlin angekommen, und ich hoffte, viele bekannte Schauspieler von Nahem zu sehen.

Hat sich Deutschland anfangs sehr fremd angefühlt?  

Es war ja nicht mein erster Ausflug in Europa. Aber es war ein Schock, dass ich Deutsch sprechen musste. Ich hatte die Sprache vorher in Bulgarien gelernt, aber in der Praxis sah es nachher ein wenig anders aus.

Sie sind einer der begehrtesten Schauspieler. Können Sie Ihren Vorsatz einhalten, auf der Berlinale Zeit für Filme zu haben?  

Ganz so kann ich das leider nicht einhalten. Ich habe während der Berlinale vier Drehtage.

Für welchen Film?  

Die „Schachnovelle“ von Stefan Zweig mit Philipp Stölzl als Regisseur. Wir drehen in den vier Tagen glücklicherweise in Berlin, das heißt für mich, dass ich tagsüber am Set bin und abends hoffentlich im Kino. Das habe ich mir fest vorgenommen. Es ist ein bisschen schade, weil ich permanent Filme schauen könnte. Ich saß neulich in der Jury vom Münchener Filmfest und es war ein Genuss, drei bis vier Filme hintereinander zu schauen. Das war großartig.

Vergessen Sie nichts bei dieser Vielzahl an Filmen?  

Ich mache mir Notizen, aber Filme, die einen beeindrucken und bewegen, die bleiben. Ich kann sie auch jetzt noch nacherzählen. Die Bilder sind nach wie vor in meinem Kopf.

Welche Filme beeindrucken Sie?  

Ganz verschiedene. Ich kann mich auf kein Genre festlegen. Ich mag einfache Filme, die später sehr schwer nachzuerzählen sind. Die ich am Ende nicht mit Worten fassen kann. Außerdem sehe ich sehr gerne Dokumentarfilme. Aber ich kann mich auch von einem Blockbuster, einer tollen Geschichte, einem Schauspieler oder einer Schauspielerin mitreißen lassen.

Ich mag es gerne, wenn mir als Zuschauer nicht alles vor gedacht, vorgefühlt und bis ins Letzte interpretiert serviert wird. Ich mag es, mir nach einem Film meine eigenen Gedanken zu machen und Schlüsse zu ziehen. Dann gibt es Filme, denen ich anfangs abgeneigt bin, und plötzlich wendet es sich und ich finde selbst in dem schlechtesten etwas zum Nachdenken. Und wenn es nur ist, wie man einen Film nicht drehen sollte.

Sie waren ja schon für den RBB Filmkritiker bei der Berlinale ...  

Ich habe das sehr gerne gemacht. Es war für mich wieder eine Möglichkeit, ganz viele Wettbewerbs-Filme zu sehen. An die Gesellschaftsparabel „Gesicht“, einen polnischen Film, der 2018 den Silbernen Bären bekam, denke ich heute noch. Mit dem Kameramann habe ich zwei Jahre zuvor „Marie Curie“ gedreht. Ich dachte nur wow, jetzt folgt dieser Film. In der Filmwelt trifft man sich immer mehrmals.

Sind Sie ein Netzwerker?

Das ist eher nicht mein Fall. Ich gehe nicht zu einem Event, um auf mich aufmerksam zu machen. Das können andere besser. Ich bin da ein bisschen altmodisch, ich denke mir, meine Arbeit soll für sich sprechen.

Das macht sie ja. Sie spielen oft Hauptrollen und gelten als Liebling des Feuilletons. Es heißt, manche Rollen seien nur für Sie gemacht.

Ist das so? Ich weiß nicht, was man für mich macht oder wie man über mich denkt. Und wenn es mich interessieren würde, was würde es helfen? Es wirft viele Fragen auf. Gleich fragen Sie mich bestimmt, was ich von mir halte. Das kann ich Ihnen nicht beantworten. Es ist schwierig, über sich selbst zu reden, was man ist oder nicht. Ich rede nicht gerne über mich.

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Man erkennt Sie auf der Straße, mögen Sie das?   

Es hat zugenommen. Ich mag es, wenn man mit mir über Rollen spricht, die vielleicht nicht so bekannt geworden sind. Und klar freue ich mich über ein Lob. Aber diese Fotos nerven manchmal. Viele, die mich auf der Straße treffen, kennen oft nicht mal meinen Namen.

Ich stand mal morgens um 7 Uhr am Münchner Flughafen, vollkommen zerzaust und übernächtigt. Da schoss ein Mädchen auf mich zu, die ein Foto mit mir machen wollte. Sie kannte meinen Namen nicht, beteuerte aber, was ich für ein großes Vorbild für sie sei. Ich habe sie ein Selfie machen lassen.

Was steht in nächster Zeit an?  

Ich muss jetzt noch einen Film beenden und dann drehe ich vor der Berlinale noch in Japan einen Blockbuster. Regisseur ist Robert Schwentke. Das wird ein Riesending, es ist eine Hollywoodproduktion.

Ihre erste?

Ja, ich bin mal gespannt. Wir haben ein paar Drehtage in Tokio. Ich spiele einen Antagonisten. Eine feine Rolle von einem Bösewicht.

Deutsche spielen in Hollywood oft den Bösewicht.  

Ich bin in dem Film kein deutscher Bösewicht, sondern ein unidentified, ein Europäer.

Könnte Ihr nächstes Ziel Hollywood heißen?  

Wenn es so sein sollte, sage ich nicht Nein. Andererseits habe ich hierzulande genug zu tun.

Wie schalten Sie ab?  

Das Kopfkino hört nie auf, aber ich brauche Auszeiten. Anfangs ist es nicht gerade einfach, sich zurückzulehnen und Luft zu holen. Ich brauche oft eine Woche, bis ich einen anderen Zustand erreiche.

Sind Sie rastlos?  

Das sagen wohl andere über mich. Ich habe nicht das Gefühl, denn wenn ich irgendwo bin, bin ich auch da. Ich wohne seit zwei Jahren in Charlottenburg und dort bleibe ich auch erst mal. Ich mag die kleinen Läden und die Altbauten. Es ist da wie in einem kleinen Dorf. Und man lässt sich dort in Ruhe.

Noch einmal zurück zur Berlinale. Unter Dieter Kosslick hieß es oft, sie sei zu glamourös. Sehen Sie das auch so?  

Glamour muss es geben, das gehört zum Filmbusiness dazu. Carlo Chatrian hat als ehemaliger künstlerischer Leiter des Internationalen Filmfests von Locarno einen Hang zu anderen Filmen, daher auch der zweite Wettbewerb. Doch es wird auch die großen Stars geben. Schauspieler wie Johnny Depp und Sigourney Weaver machen einfach gute Filme und die Menschen freuen sich, sie in Berlin zu sehen.

Jeremy Irons ist in diesem Jahr Präsident der Internationalen Jury. Kennen Sie ihn?  

Persönlich leider nicht. Ich habe ihn mal auf einem Festival gesehen. Jetzt werden wir bei der Eröffnungsgala zumindest auf einer Bühne stehen. Und bei der Preisverleihung ebenso.

Sie haben Johnny Depp erwähnt. Würden Sie mit ihm gern ein Bier trinken gehen?  

Der trinkt wahrscheinlich mehr als ich. Ich habe mal in einem Frankreich-Urlaub in seiner Nähe gewohnt, seine damalige Ehefrau Vanessa Paradis habe ich oft im Dorf gesehen, ihn gar nicht. Depp ist ein toller Schauspieler, ich mag seine Filme.

Als bekannt wurde, dass Sie die Berlinale moderieren werden, sagten Sie, es sei Ihnen wichtig Europäer zu sein. Warum?  

Es ist mir sehr wichtig, ich bin auf diesem Kontinent geboren, bin mit dieser Kultur aufgewachsen und kenne auch nichts anderes. Deswegen ist mir auch wichtig, dass sie so erhalten bleibt.

Und wo ist Ihre Heimat?  

Es ist eine Chimäre, was heißt Heimat? Wurzeln bedeuten auch, dass man sich nicht bewegen kann, wenn man verwurzelt ist. Die Blätter fallen ab, werden trocken und verwelken. Ich frage mich, ob Heimat nicht eine Illusion ist, die der Mensch braucht, um sich sicherer zu fühlen? Ich wünsche mir ein noch offeneres Europa. Und wir waren und sind auf dem Weg dahin.

Es gibt Tendenzen, wieder nationalistischer oder besser gesagt regionaler zu sein, siehe zum Beispiel, woher wir unsere Lebensmittel immer mehr beziehen. Das soll auch nicht verloren gehen, aber was gibt es denn Besseres, als ein europäisches Miteinander zu leben?

Machen Ihnen Rechtspopulisten Angst?  

Nein. Wir müssen uns aber mit allen Kräften dagegenstemmen. Trotzdem versuche ich, keine Angst zu haben. Damit kann man nichts erreichen. Ich denke, dass der Teil der vernünftigeren und offenen Europäer überwiegt.

Es gibt schon besorgniserregende Tendenzen.

Ja, und wenn ich nach Bulgarien schaue, das Land, in dem ich geboren bin, erst recht. Was dort an Populismus passiert, erschreckt mich. Die Ursachen liegen aber auch darin, dass die Menschen sich dort sehr verloren fühlen. Nicht zuletzt tragen aber auch viele selbst die Schuld, weil sie sich aus den alten Strukturen nicht lösen konnten.

Jüngst las ich einen Beitrag in der Berliner Zeitung, in dem Rammstein-Keyboarder Christian Flake Lorenz eine fehlende Anerkennung der früheren DDR-Bürger beklagte. Ich kann seine Argumente nachvollziehen, aber ich hoffe, dass es irgendwann nicht mehr so ist. Viele bleiben leider auch in ihrem Leid hängen, das ist menschlich. Obwohl es uns materiell ganz gut geht. Das ist auch ein Paradox für mich in Deutschland. Im Vergleich zu vielen anderen Ländern hat man bestimmte Vorteile, materieller und geistiger Natur, und trotzdem ist diese Unzufriedenheit da.

Sind Sie aufgrund Ihrer jüdischen Herkunft schon angefeindet worden?  

Hier nicht, aber ich bin in Bulgarien angefeindet worden, weil ich bei der Berlinale nicht explizit als bulgarischer Schauspieler vorgestellt worden bin. Ich bin es aber auch nicht. Ich habe eine bulgarische Herkunft, aber mein berufliches Leben hat in Deutschland stattgefunden. Das habe ich auch gesagt, und das hat in Bulgarien einiges ausgelöst bis hin zu antisemitischen Äußerungen.

Ihr Vater ist ein bekannter bulgarischer Schauspieler. Wie hat er darauf reagiert?  

Er sagte zu mir, er stehe hinter mir und finde es richtig, was ich gesagt habe. Ich wollte ja auch niemanden beleidigen. Ich habe lediglich gesagt, dass ich mit dem Ausdruck, stolz auf meine Heimat zu sein, wenig anfangen kann.

Ich kann stolz auf meine Arbeit oder auf mein Leben sein, aber nicht auf eine Heimat. Was nicht heißt, dass ich meine Herkunft verneine. Ich werde weder die eine noch die andere Flagge hissen. Aber ich bin nicht stolz, wenn ich die politische Lage in Bulgarien betrachte.  

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Sind wir eine Neidgesellschaft?  

Das steckt im Menschen drin. Und wenn es gewisse Konstellationen gibt, kommt Neid immer wieder hoch. Ich weiß auch, dass es vielen nicht gut geht und sie vieles entbehren müssen. Es ist aber auch schwer, alles über einen Kamm zu scheren. Es gibt viel Leid, aber es gibt auch viel Freude.

Das ist die Welt, in der wir leben. Sie ist verrückter geworden, auch durch die sozialen Netzwerke. Manchmal weiß ich nicht mehr, was stimmt und was nicht. Wie beispielsweise der Umgang mit dem Coronavirus. Ist es wirklich so schlimm, oder wird nur übertrieben? Vieles ist manchmal verwirrend.

Sie sind gerade 54 geworden.  Herzlichen Glückwunsch. Wie haben Sie gefeiert?  

Ach, das ist schon so lange her. Danke. Ich habe gearbeitet. Irgendwas gab es, aber es war ein ganz normaler Tag.