Der Berliner Restaurator Dirk Jacob vor der zentralen Gruppe des Retabels: Maria, rechts Gottvater, links Jesus, geschnitzt von einem unbekannten Meister um 1515/20.
Foto: Benjamin Pritzkuleit

BerlinWenn diese Zeilen gedruckt sind, begehen wir am Sonntag den Europäischen Tag der Restaurierung. Und da ist der Hochaltar von St. Marien in Bernau, einer der kostbarsten im deutschen Norden, fast wieder komplett. Das Retabel ist restauriert, alles  kommt wieder an Ort und Stelle. Die Gemälde, deutlich schon mit Renaissance-Einflüssen, sind farbstrahlend gereinigt. Und die 32 farbigen Lindenholz-Heiligen im hochgotischen Stil erzählen eine wieder sichtbar gewordene biblische Geschichte.

Fast zwölf Monate hat Dirk Jacob in seiner Werkstatt in Prenzlauer Berg mit diesen Gestalten von Anno 1515 bis 1520 zugebracht. All die Werktage allein mit Maria und Jesu, den Aposteln und Evangelisten und sogar mit einer imposanten Figur, die Gottvater höchstselbst darstellt. Den Altarfiguren von St. Marien – vor 500 Jahren wurde die Kirche nach einem Stadtbrand neu erbaut – hatte der Zahn der Zeit heftig zugesetzt. Staub hatte sich vermischt mit Anstrichen gegen Anobien, winzige Nagekäfer, die schon vor langer Zeit das schmackhafte Lindenholz (Eichenholz verschmähen die Schädlinge wegen der Gerbsäure) durchfressen haben und die so rätselhafte Ornamente aus Löcher-Spuren hinterließen. Zudem fehlten Teile. Heute entschließe man sich zum Glück für die „archäologische Restaurierung“, so Jacob. Die Spuren der Zeit sollten sichtbar bleiben. 

In der Werkstatt steht ein großes Mikroskop. Lupenbrillen liegen griffbereit, im Schrank Gläser mit Pigmenten. Auf dem Tisch eine Batterie Schnitzer-Werkzeuge: Hohleisen, Stechbeitel, Geißfuß. Jacob führt vor, wie Holz vergoldet wird, die alte Technik der Poliment-Vergoldung: Holz, Kreidegrund, Poliment, eine rote Tonschicht. Nach deren Trocknen wird das Blattgold aufgetragen, später mit einem Achat poliert, der wie ein Wolfszahn aussieht. Tatsächlich, so der Restaurator, nahm man dafür im Mittelalter noch echte Wolfszähne.

Die Jesusfigur als Schrein, darin fand der Restaurator kürzlich dieses gut erhaltene Exemplar der Berliner Zeitung vom 16. August 1989.
Foto: Benjamin Pritzkuleit

Jacob ist durch die gestrenge Restauratoren-Ausbildung der Dresdner Kunsthochschule gegangen. 1964 in Thüringen geboren, in Berlin aufgewachsen, wollte der Sohn eines Chirurgen Arzt werden. Doch er bekam keinen Zugang zum Studium. Als Arbeiterkind hätte er bei seinen guten Noten gedurft. Quasi ein Numerus politicus. Dass er eine Begabung fürs Zeichnen und Hände fürs Sensorische, Filigrane, Akribische hat, dazu die Leidenschaft fürs Material und die Kunstgeschichte, wurde zum Glück erkannt. Die Dresdner Restaurierungs-Sektion immatrikulierte ihn sofort. Er studierte bis Anfang der 90er-Jahre, erlebte die Wendezeit in Dresden. Die Turbulenzen und die plötzlich offen stehende große weite Welt hielten ihn nicht ab von der Werkstatt: „Denn das war Prinzenunterricht, ein Professor für drei, vier Studenten. Das gibt’s nie wieder.“ Zurück in Berlin wurde der Restaurator täglicher Leser der Berliner Zeitung.

Vor einigen Wochen, bei der Arbeit an einer der letzten großen Skulpturen, hatte Dirk Jacob eine sonderbare Begegnung mit seiner Tageszeitung. Auf dem Arbeitsregal steht eine etwa 1,10 Meter hohe, segnende Christusfigur,  feines blasses Antlitz, vergeistigter Blick gen Himmel. Mit schulterlangem braunen „Span-Haar“, Gotik-Historiker nennen es so wegen der typischen, mit dem spitzen Geißfuß geschnittenen wellenden Locken, die fast aussehen wie Hobelspäne. Als Jacob die aus dem Stamm geschnitzte Hohlfigur – das Aushöhlung verhindert das Reißen des Holzes – gereinigt hatte und die Gewandverbrämung neu vergolden wollte, öffnete er auf der Hinterseite den türartigen Holzverschluss: „Ich traute meinen Augen nicht. Da war  eine Berliner Zeitung eingerollt, vom 16. August 1989, Einzelpreis 15 Pfennige, acht Seiten, das Papier noch gut erhalten, die Schrift leserlich.“ Was für eine seltsame Reliquie in der Jesusfigur. Was sollte das bedeuten?

Jacob breitet seinen Fund aus: Auf Seite 1 ein einziges kleines Schwarz-Weiß-Foto, ansonsten  Bleiwüste aus heute absurd anmutenden Meldungen: „Die DDR setzt ihren bewährten Kurs fort.“ „Rationalisierung in der Möbelindustrie.“ „Die DDR nimmt als Gast am Gipfel der paktfreien Staaten teil.“ „Treffen Erich Honeckers mit Mikroelektronikern aus Erfurt international stark beachtet.“ „DDR tritt konsequent für Kernwaffen-Teststopp ein.“ Eine winzige Nachricht besagt: dass der SPD-Ehrenvorsitzende Willy Brandt „Grenzen nicht infrage stellen“ möchte, „wegen des Europäischen Friedens“. Das ist die einzige Meldung, die darauf schließen lässt, dass es bereits rappelt im Staatskasten, die Jugend via Ungarn in den Westen strömt.

Dirk Jacob forschte nach und fand heraus, dass im Sommer 1989 am Gesprenge, dem Zieraufsatz des gotischen Altars,  restauriert worden war. Zu dieser Zeit war St. Marien schon Treffpunkt der Friedens- und Bürgerbewegung von Bernau und Umgebung. Dort trafen sich Oppositionelle, die Berlin-Verbot hatten. Wer immer damals die Jesusfigur so flaschenpostmäßig mit der Berliner Zeitung versah, hat wohl geahnt, dass eine Ära endete, wollte das mit dieser „Reliquie“ ironisch sagen – wenn sie denn irgendwann gefunden würde. Den Restaurator bewegt auch das Metaphorische an der Geschichte, dass die Zeitung ausgerechnet in dieser hoch aufrecht stehenden Gestalt des Messias steckte, wo doch damals so viel vom „aufrechten Gang“ die Rede war.

Zu einer weiteren wichtigen Gruppe des Altarretabels von St. Marien Bernau gehören Jakobus, Johannes und die Heilige Katharina.
Foto: Benjamin Pritzkuleit

Aufrecht steht ebenfalls die Johannes-Skulptur, Jesu Lieblingsjünger. Jacob hat auch ihm die Gewandborten neu vergoldet und den Apostel und Evangelisten vom Staub der Jahrhunderte befreit. Jetzt ist der verträumte Ausdruck wieder klar zu erkennen. Daneben steht der kleinere Jakobus, laut Bibel der jüngere Halbbruder von Jesus. Alte Übermalungen hat der Restaurator vorsichtig entfernt. Holzschäden traten zutage. Jacob schnitzte dem Heiligen einen neuen Finger aus Lindenholz. Der vorherige war nur behelfsmäßig aus Zeitungspapier-Mulch und Gips gemacht worden, vor 70 Jahren, kurz nach dem Krieg wohl in Ermangelung von Holz oder fehlender richtiger Schnitztechnik. Kirchen-Restaurierungen standen in der Versorgungskette weit hinten.

Der spätgotische Hochaltar mit den 32 farbigen und vergoldeten Holzskulpturen in ganzer Pracht mit Predella und Gesprenge mit weiteren fünf Heiligengestalten.
Foto: Gemeinde St. Marien zu Bernau

Die Holzheiligen stammen, das ist offensichtlich, von keiner homogenen Bildhauerschule um 1515/1520. Vermutlich waren es erzgebirgische Schnitzer. Kein Name ist überliefert, beredt ist umso mehr die für alle Figuren typische Maniera des spätgotischen Stils, die Standbein-Spielbein-Haltung, die typische Drehung in der Hüftgegend, mal eleganter, mal plumper. Manche Gestalten wirken vergeistigt, vornehm, zart, andere bäuerlicher. Die Heilige Katharina sogar derb, mit hohem Leib, muss ein altmodischer Bildhauer aus dem Lindenholz geschnitzt haben. Auch die Kronzacken der Schutzheiligen der Notleidenden sind geradezu grob gegenüber der filigranen Krone der Jungfrau Maria zwischen den kleinen Engelchen mit den zum Himmel verdrehten Augen. Stilistisch liegen Welten zwischen den Altargestalten. In der Schnitzer-Werkstatt vor etwa 500 Jahren waren also sowohl Feingeister als auch rustikal-bodenständige Künstler-Naturelle tätig. Was sie aber einte, ist der „weiche Stil“ der Spätgotik – diese typische Betonung der in runden, fließenden Mulden herabfallenden Gewänder. Nach 1520, so der Restaurator, wurden kaum mehr solche großen Retabel gefertigt. „Die Reformation brach an, der Prunk wurde abgelehnt. Die Werkstätten erlitten einen empfindlichen Einbruch an kirchlichen Aufträgen. Erste Schäden zeigten sich schon im 18. Jahrhundert, der Anobien-Fraß war enorm.

1880 wurde endlich restauriert – nach damaligen Möglichkeiten. Im Zweiten Weltkrieg hat man den Altar zerlegt und eingelagert im Kaiser-Friedrich-Museum Berlin (heute Bode-Museum), 1946 in den Westteil der Stadt verbracht, ins Haus der Inneren Mission (heute Diakonisches Werk der evangelischen Kirche). Da führte das kostbare Retabel eine Dachbodenexistenz, und der Zustand wurde immer bedenklicher, sodass die Kirchenleute bei den Schwedischen Brüdern und Schwestern um Hilfe ersuchten. Ein wenig wurde restauriert, dann bekam die Marien-Gemeinde Bernau in den 50er-Jahren nach einem diplomatischen West-Ost-Akt ihren Altaraufsatz zurück.

Viel Bleisatz, aber die sich ankündigende friedliche  Revolution und das nahe Ende der DDR gehen daraus nicht hervor. Die Seite eins des Zeitungsfundes bei der Restaurierung.
Foto: Benjamin Pritzkuleit

Dirk Jacob hat die Geschichte des Altars verinnerlicht, seit er und seine zwei Kolleginnen nach der Ausschreibung den Zuschlag für die Restaurierung, bekamen. 300.000 Euro haben ein anonymer Mäzen über das Deutsche Stiftungszentrum, Bund, der Landkreis und die Kirchgemeinde gespendet. Bald wird es ein Hochamt geben, um den neuen Anblick gebührend zu würdigen. Jacob hofft, die nächsten Generationen wertschätzen den Altar, und diese wunderbare alte Kunst ebenso. Denn die Zeit nagt weiter am Holz. „Ich mache meine Arbeit halt nicht für die Ewigkeit“, sagt er. Die Berliner Zeitung, in der diese Geschichte nun aufgeschrieben ist, wird er zusammen mit dem Blatt vom Sommer 1989 zurück in den Hohlraum der Jesus-Figur stecken. Ein Gruß an Berufskollegen, denn: „In 100 Jahren muss sicher wieder restauriert werden.“