Glitzernde Kälte in „Die Schneekönigin“ in der Tischlerei der Deutschen Oper.
Foto: Thomas Aurin

Berlin"Joooo! Noch hundert Meilen!“, ruft das Rentier, wenn es von Gerda mal wieder gefragt wird, wie weit es denn noch ist bis zum Palast der Schneekönigin. Hundert Meilen, und noch einmal hundert, und noch einmal. Das Rentier (der Tubist Jack Adler-McKean mit plüschigem Geweihhelm) bläst derweil in sein Instrument, dass es röhrt, und freut sich scheckig, wie es nun nach Norden geht in die heimische Kälte. Gerda (Larissa Wäspy) aber will Wärme bringen, wohin es ihren Freund Kay verschlagen hat: zur Schneekönigin mit ihrer eisigen Vernunft.

 Ein Glassplitter im Auge und einer im Herz haben Kay verzaubert. Gerda wurde ihm plötzlich zur dummen Gans, die Welt als Ganzes erhielt – so steht es auch im Original von Hans Christian Andersen – die Anmutung von „gekochtem Spinat“. Wie dem aggressiven Miesepeter helfen? Indem Gerda ihn dazu verführt, über sich selbst zu lachen. Gemeinsam prusten sie über den „gekochten Spinat“, die Schneekönigin spürt, dass ihr in diesem Moment die Macht über Kay entgleitet.

Es ist eine neue Wendung, die sich Regisseurin Brigitte Dethier und Librettist Christian Schönfelder hier ausgedacht haben. Bei Andersens „Schneekönigin“ waren es noch Gerdas Tränen des Mitleids, die die Rettung brachten. Psychologisch ist die neue Version auf Andersens Höhe: Kays böser Perfektionismus ist nicht denkbar ohne ein krankhaft überzogenes Selbstbild.

Für Kinder und Erwachsene

So gelingt bei der Uraufführung in der Tischlerei der Deutschen Oper ein Abend, der Kinder wie Erwachsene zu begeistern vermag. Was ist hier nicht alles zu sehen: eine Blumenkönigin, deren abgehobene Art als eine logische Facette ihres Hippietums erscheint, ein vor Glück dusseliges Prinzenpaar, das mit antiquiertem „Itzo“ und „Ihro“ sein zuckersüß höfisches Leben inszeniert, eine Räubertochter, die auf einer Mülltonne auf die Bildfläche geritten kommt.

Brigitte Dethiers Regie ist von überbordernder Fantasie, Christian Schönfelders Libretto zeigt Lust am Spiel mit der Sprache wie Mut zur Poesie, und Samuel Penderbaynes Musik entfaltet ihre Kraft gerade in der Sparsamkeit ihrer Mittel. Fünf Instrumentalisten bewegen sich über die Bühne, neben den sechs Sängern agieren sie zugleich als Darsteller. Penderbaynes Musik pendelt dabei zwischen klassisch-romantischer Anmut, Jazz und Rock.

Tatsächlich schwebt der aus Australien stammende Komponist über den Stilen, der Ausdruck wird universell wie die Botschaft dieser Schneekönigin-Version: Es gibt nichts rein Gutes und nichts rein Böses, es kommt darauf an, das Gute sehen zu können. Was Oper für Kinder betrifft: in Berlin das Beste seit langer Zeit.