Die bewegte Geschichte von Theater und Komödie: am Kurfürstendamm

Die Schauspieler spielen ihr Stück in einem Theater, das aussieht wie ein verschwenderischer kleiner Palast: In den Logen in den fächerartig gestaffelten Wänden sitzen die Zuschauer umgeben von Säulen, silbern lackiertem Stuck und bläulichem Samt. Auf dem Gebälk thronen Steinfiguren, und an der Decke hat ein Maler in Pastellfarben die „Geburt der Venus“ zelebriert.

Das Stück heißt „Ingeborg“, eine Dreieckskomödie, die Kritiken sind gemischt, aber das ist Nebensache: „Wen riefen die Leute zum Schluss? Den Autor? Vielleicht. Die Darsteller? Möglich. Den Direktor? Kann sein. Den Regisseur? Denkbar… Mit voller Sicherheit riefen Sie: ‚Kaufmann! Kaufmann!‘,“ so schreibt das Berliner Tagblatt am Folgetag.

Ein intimer, eleganter Salon

Oskar Kaufmann ist der Architekt, das Datum ist der 8. Oktober 1921, der Tag, an dem das Theater am Kurfürstendamm eröffnet. Kaufmann, Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie aus Ungarn, hat mit seinen Theaterbauten schon viel Furore gemacht, in Berlin entwarf er das Hebbeltheater, Volksbühne und das Renaissancetheater.  Am Kudamm schuf er ein Boulevardtheater, das leichte Unterhaltung vorgesehen war; dafür erdachte er einen speziellen Stil, „expressionistisches Rokoko.“

Drei Jahre später eröffnet daneben das zweite Haus, die Komödie, es wirkt wie ein intimer, eleganter Salon. Das Publikum wollte im Theater nicht nur sehen, sondern auch gesehen werden. Die Logen ließen sich mit Vorhängen in Separées verwandeln. Die Eröffnung am 1. November 1924 war ein großes Ereignis: Reichskanzler Wilhelm Marx und Außenminister Gustav Stresemann waren zu Gast.  

Der legendäre Theater-Regisseur und -Intendant Max Reinhardt, ebenfalls Jude, führte beide Häuser. Es war die Hochphase der Weimarer Republik; nach diversen wirtschaftlichen Krisen und politischen Unruhen hungerte es die Berliner Gesellschaft nach Vergnügen, und hier, am Kudamm, war es zu finden: Im Anschluss an die Aufführungen gab es Revuen, die Nachtvorstellungen begannen um 23 Uhr.

Das sehr spezielle Flair der Theater, die fast andachtsvolle Stimmung darin, das ist es, wovon Theaterliebhaber bis heute schwärmen: „Das Atmosphärische, das nimmt einen gefangen“, sagt die frühere Grünen-Abgeordnete Franziska Eichstädt-Bohlig, die dem Vorstand des Vereins „Rettet die Kudamm-Bühnen angehört, „man fühlt sich einfach wohl dort, wie in einer Welt, die klein und überschaubar ist.“

Effektive, aber riskanten Strategie

Aber mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten war es mit dieser ersten Glanzzeit vorbei. Max Reinhardt war in Folge der Weltwirtschaftskrise in finanzielle Bedrängnis geraten und musste seine Theater bereits 1932 aufgeben. 1933 emigrierte er, zunächst nach Österreich, dann in die USA. 1934 übernimmt der junge Operndirigent und – regisseur Hans Wölffer die Bühnenhäuser. Doch unter den Nazis ist die Leitung der Theater eine heikle Aufgabe: Die staatliche Kontrolle ist streng, die Zensoren unberechenbar. Stücke werden oft verboten, Produktionen erst kurz vor der Premiere genehmigt.

Dennoch laufen die zwei Theater am Kudamm äußerst erfolgreich. Denn Wölffer folgt einer sehr effektiven, aber riskanten Strategie: Er engagiert beliebte Schauspieler, die an den staatlichen Bühnen nicht auftreten dürfen, er lässt sie unter falschem Namen spielen. Aber die Nazis gehen immer rigoroser gegen unabhängige Köpfe vor: Schließlich muss Wölffer 1942 aufgeben, er wird enteignet, flieht und taucht an der Ostsee unter. Seine Theater unterstehen nun dem NS-Propagandaministerium und heißen „Berliner Künstlerbühnen“. Bei Luftangriffen werden die Häuser zwei Jahre vor Kriegsende schwer beschädigt, bleiben jedoch erhalten.

Schon kurz nach Kriegsende eröffnen sie wieder: Die Komödie zeigt 1946 als erstes Stück Schillers „Kabale und Liebe“, die Stühle sind aus anderen ausgebombten Theatern und Kinos zusammengestückelt. Das Theater eröffnet ein Jahr später mit Shakespeares „Sommernachtstraum“.

1949 bricht im Theater eine neue Phase an: Die Freie Volksbühne übernimmt das Haus, die große Berliner Besucherorganisation mit Wurzeln in der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts. Die eröffnete ihre neue Spielstätte ebenfalls mit Shakespeare, „Hamlet“. Nun inszenieren dort wegweisende Regisseure wie Oscar Fritz Schuh oder Erwin Piscator, große Schauspieler wie Peer Schmidt, Tilla Durieux, Wolfgang Neuss, Wolfgang Spier und Günter Pfitzmann treten auf. Am 20. Februar wird dort „Der Stellvertreter“ von Rolf Hochhuth uraufgeführt, Regie führt Piscator.

Mit der Volksbühne entwickelte sich das Theater zu einer wichtigen Bühne für neuartige, hoch relevante Stoffe, sagt Alice Ströver, ehemalige Kulturpolitikerin (Grüne) und heute Geschäftsführerin der Freien Volksbühne: „Es gab damals sonst niemanden, der sich zeitkritisch mit der Nazizeit auseinandersetzte. Die Bühnen am Kudamm waren das politische Theater in Berlin.“

Fast immer ausverkauft

Etwas anders ging es in der Komödie weiter, dort lief das Kontrastprogramm: Hans Wölffer, der das Haus seit 1950 wieder leitet, renoviert es und erweitert es auf 600 Plätze. Er gibt den Berlinern das, wonach sie sich nach dem Krieg sehnen: Leichte, luftige Unterhaltung. Stars wie Grethe Weiser, Rudolf Platte, Viktor de Kowa, Curt Goetz und Max Hansen begeistern das Publikum.

Das Haus ist fast immer ausverkauft und trägt dazu bei, dass der Kurfürstendamm sich wieder zu einem Mittelpunkt Berlins entwickelt. 1963 übernimmt er auch im Theater wieder die Führung, 1965 macht er seine beiden Söhne Jürgen und Christian zu Mitgesellschaftern, Jürgen wird am 1966 zum Mitdirektor.

1968 wird der Kurfürstendamm zu einem Schauplatz der Studentenunruhen. In der Komödie wird nachts politisches Kabarett gemacht. Unter anderem tritt Wolfgang Neuss dort auf, der „Mann mit der Pauke“, der mit einer Art Trommel auf gesellschaftliche Missstände hinweist.

Vom Einkaufszentrum umschlossen

Im Jahr 1970 folgt eine Zäsur, die sich für die Theater gravierende Folgen haben wird: Der Bau des Kudamm-Karrée beginnt, weniger ein Gebäude als eine verwinkelte Ansammlung von Gebäuden. Die Architektin Sigrid Kressmann-Zschach baut auf dem Areal hinter den Theatern ein 102 Meter hohes Hochhaus.

Die Bühnenhäuser selbst werden von einem Einkaufszentrum umschlossen. Zunächst schadet ihnen das nicht: Für den Woelffer-Betrieb sind die 70er Jahre eine der erfolgreichsten Zeiten überhaupt. Komödie und Theater gelten als Aushängeschilder Westberlins, dort treten die Stars des bundesrepublikanischen Fernsehens auf: Harald Juhnke, Georg Thomalla, Inge Meysel, Curd Jürgens.

1976 übernimmt Jürgen Wölffer die Leitung der beiden Häuser. Fast jedes Stück wird aufgezeichnet und zur besten Sendezeit übertragen; so kommen die Bühnen am Kudamm bundesweit in die deutschen Wohnzimmer. Alice Ströver, die frühere Grünen-Politikerin, erinnert sich noch gut an diese Zeit. Sie studierte damals in Berlin und jobbte als Taxifahrerin.

Damals stiegen ständig Leute bei ihr ein, die zu den Kudamm-Bühnen wollten, sagt sie: „Was ich da Leute hingefahren habe, Abend für Abend.“ Es gab Halteverbote vor den Häusern, damit all die Reisebusse Parkplätze finden, so wie heute vor dem Friedrichsstadt-Palast. Zu einer Berlinreise gehörte ein Besuch praktisch dazu. „Wenn man ins Theater ging, dann in die Kudamm-Bühnen, das war eine Gelddruckmaschine bis weit in die 80er Jahre hinein.“

Das endete mit der Wende, schlagartig. Nun zog es das kulturinteressierte Bürgertum eher zu den Bühnen im Osten. Im Westen dagegen schloss ein Theater nach dem anderen, weil das Publikum wegblieb und ihnen der Senat die Subventionen strich. „In Zeiten knapper Kassen hat das Land Berlin immer versucht, den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen“, sagt Ströver, „und Kultur kaputt machen ist einfacher als alles andere.“

Zugleich wurden die Theater immer stärker in die Preisspirale auf dem Berliner Immobilienmarkt hineingezogen. Das Kudamm-Karree, Baukosten 211 Millionen Mark, gilt heute als klassische 70er-Jahre-Bausünde. Der Komplex steuerte kurz nach seiner Eröffnung in die Insolvenz und musste vom Land gekauft werden. „Die Anlage als solche ist potthässlich und hat wirtschaftlich nie funktioniert“, sagt Franziska Eichstädt-Bohlig, die pensionierte Grünen-Abgeordnete und ehemalige Stadtentwicklungs-Politikerin, „der ganze Komplex ist schlecht gestaltet und schlecht gebaut.“

Für 30 Millionen Mark verkauft

Ein Jahr nach der Wende verkaufte das Land das Areal für 30 Millionen Mark an den jüdischen Unternehmer Rafael Roth. Für die Theater derweil spitzt sich die Situation finanziell stärker zu, die Besucherzahlen sinken. Der Wölffer-Betrieb schreibt zum ersten Mal in seiner Geschichte rote Zahlen. In dieser Phase steigt Martin Woelffer mit ein, er kümmert sich zunächst um die künstlerische Leitung der Komödie. Mit Stücken wie „Pension Schöller“ und „Veronika, der Lentz ist da – Comedian Harmonists“ gelingen ihnen Erfolge, die den Betrieb wieder etwas stabilisieren.

Ende 2002 verkauft Rafael Roth das Kudamm-Karree an Die DB Real Estate Investment GmbH, eine Tochter der Deutschen Bank, für 194 Millionen Euro. In einem ersten Gespräch in Frankfurt erfahren Jürgen und Martin Wölffer, dass ihre beiden Bühnen ersatzlos abgerissen werden sollen. Noch auf der Rückfahrt beschließen sie, dass Martin, der sich anders als sein Vater und Großvater mit oe schreibt, nun die Leitung übernehmen soll  - auch als Signal einer Verjüngung des Boulevardtheaters.

In den Folgejahren häufen die beiden Häuser Mietschulden an. Die Theater arbeiten nicht mehr kostendeckend. Am 100. Geburtstag von Hans Wölffer übergibt Jürgen die Führung des Familienbetriebs offiziell an Martin Woelffer. Der holt Schauspieler wie  Bastian Pastewka, Christoph Maria Herbst, Michael Kessler, Dirk Bach, Katja Riemann, Katharina Thalbach auf die Bühne.

Ende 2005 kündigt die Deutsche Bank dem Theaterbetrieb die Mietverträge zum 31.12.2006. Als der geplante Abriss bekannt wird, formiert sich die Zivilgesellschaft: Es gibt Demonstrationen und Unterschriftenaktionen für das Theater, die Politik gerät unter Zugzwang. „Wir haben gekämpft wie die Wahnsinnigen, zehn Jahre lang“, sagt Ottfried Laur, Präsident des Berliner Theaterclubs, er hat den Verein „Rettet die Kudamm-Bühnen“ gegründet, Briefe geschrieben, die Bezirkspolitiker bekniet und einen Protestmarsch quer durch die Stadt organisiert. Aber es half alles nichts.

Für Ottfried Lauer ist der drohende Abriss der beiden Theater eine Tragödie; wie er es sieht, wird dabei etwas vernichtet, das die Identität West-Berlins ausmacht: „Wenn ich da reingehe, dann atme ich Theaterluft – sofort- In anderen Häusern guckt man sich eine Show an. Dort geht man ins Theater.“

Wechselnde Eigentümer

Die Deutsche Bank Real Estate verkauft das Areal Ende 2006 an den US-Private Equity Fonds Fortress, ein Jahr später erwarb es die irische Ballymore-Group. Im Dezember 2014 wechseln die Eigentümer erneut: Die Firma Cells Bauwelt kauft das Areal angeblich für 170 Millionen für „private Investoren“.

Im Februar 2017 einigen sich Woelffer, der Berliner Senat und der Investor auf einen Kompromiss: Die historischen Bühnen werden abgerissen, Woelffer kann künftig in ein neues, unterirdisches Theater umziehen. Während des Übergangs darf er im Schillertheater spielen. „Ich musste mich entscheiden: Will ich gar nichts? Oder wollen wir den Betrieb retten und in die Zukunft führen?“, sagt Martin Woellfer. Die letzte Spielzeit in Theater und Komödie am Kurfürstendamm endet am 27. Mai.