Andreas Mühe: „Altarbild Nr. 1“, 2020  (Ausschnitt).
Foto:  Andreas Mühe/VG Bildkunst Bonn 2020

Berlin - Die Helden liegen, lebensgroß, unter Glas, in Lichtkästen wie in Sarkophagen. Neun solcher durchsichtiger „Särge“ durchziehen jeweils in Dreierfolge den Kirchenraum von St. Matthäus am Kulturforum. Die merkwürdige Anordnung weist zur Apsis. Auch das Altarbild dort ist eine theatralische Großfotografie: Ein mit tiefrotem Stoff überzogener Stein. Keine Figur, kein Kruzifix. Für die feierliche Trauer nur Leere. Davor nur die hohen weißen Altar-Kerzen.

Der Berliner Fotograf Andreas Mühe, Sohn des 2007  verstorbenen Schauspielers Ulrich Mühe, inszeniert seine mit Spannung erwartete Kirchen-Ausstellung „Hagiographie Biorobotica“ in drei Akten und mit wechselnden Bildern bis ins kommende Jahr hinein. Beim Eintritt in das evangelische Gotteshaus am Kulturforum, das von dem Schinkel-Schüler August Stüler erbaut wurde, kollidiert die Dramatik des diffizilen Themas mit dem nüchtern-weißen Inneren des neo-romanischen Baus. Viermal im Jahr stellen hier namhafte Künstlerinnen und Künstler aus und schaffen auch jeweils das – temporäre - Altarbild. Andreas Mühe, 40, arbeitet seit Jahren an seiner „Heldenserie“ und fragt mal ketzerisch ironisch, mal tiefernst danach, was eigentlich Helden sind. Und was Heldentum heute bedeutet. Dafür befragte er in fotografischen Inszenierungen schon die griechische Mythologie, die Romantik und mit krassen Obersalzberg-Uniformierten die NS-Zeit.

Bei diesem Kunstspektakel ausgerechnet in einer Kirche aber geht es um Opfer der Moderne: um jene Männer, die in der Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 oder im Nachgang, bis zum Bau des Sarkophags über dem Ort des Super-GAUs in jüngster Zeit, ihr Leben verloren. Mühe erinnert an die Zahllosen und Namenlosen, die damals, nach dem „Störfall“ (wie Christa Wolf ihr Buch darüber nannte, in dem jeder Satz aus Entsetzen besteht) den Höllenbrand löschten – und löschen mussten. Keiner dieser Helden lebt noch. Wie viele waren es? 500.000 sind nur ein vage Annahme.

Aus der Foto-Serie „Hagiographie Biorobotica“, 2020 von Andreas Mühe in der Kirche St. Matthäus.
Foto: Andreas Mühe/VG Bildkunst Bonn 2020

Der Fotokünstler schafft mit seiner Inszenierung dieser sowjetischen Männer, die sich der Radioaktivität und damit dem Strahlentod aussetzten, einen so ästhetischen wie emotionalen Höhepunkt in seiner Langzeitserie „Helden“. Mühe erfand fiktive, aber gerade darum irritierend reale Gestalten, lebendige Skulpturen, wenn man so will. Er kostümierte einen hochgewachsenen Schauspieler mit völlig nutzlosen Schutzanzügen, Gummihosen, Gummihandschuhen und Lederwesten, die gegen die radioaktive Strahlung, den lautlosen Feind, nichts ausrichten können. Der Fotograf rüstete diesen so abenteuerlichen wie tragischen Heldentypus mit Bleiplatten, Masken, Schaufeln und Geigerzählern aus – wirkungslose Utensilien dieser sowjetischen Kreuzritter gegen den außer Rand und Band geratenen atomaren „Fortschritt“.

Mühe war ein Ost-Berliner Schulanfänger, als die Katastrophe passierte, die im Sozialismus lange tabuisiert wurde. Erst der Nuklearunfall von Fukushima 2011 hat die Welt dann aufgerüttelt. Der Fotograf nennt seine Schock-Gestalten „Bioroboter“, halb Mensch, halb Maschine. Er stellt diese Chimären des technischen Fortschrittsglaubens gegen die uralten Helden-Epen von geheiligten Märtyrern der biblischen wie antiken Mythen, gegen todesmutige Einzelkämpfer für das Gute wie Achilles, Alexander der Große, Spartakus – oder Stauffenberg. Als namenlose Menge, die sich opferte, ohne namentlich in die Geschichte einzugehen. Mühe umhüllt das Narrativ des Heldentums und der bedingungslosen Opferbereitschaft für eine Idee (oder Ideologie), mit Fragwürdigkeit. Das ist in einer Kirche umso verstörender, denn das Kruzifix in jeder christlichen Kirche steht ja dafür, dass Jesus für die Sünden der Menschen ans Kreuz geschlagen, also geopfert wurde.

Aus der Foto-Serie „Hagiographie Biorobotica“, 2020 von Andreas Mühe in der Kirche St. Matthäus.
Foto: Andreas Mühe/VG Bildkunst Bonn 2020

Mit Absicht wählte der Künstler für die Einladung in seine Ausstellung einen Auszug aus Albert Camus’ Roman „Die Pest“: „… ich habe genug von den Leuten, die für eine Idee sterben. Ich glaube nicht an das Heldentum … ich habe erfahren, dass es mörderisch ist.“ Am kommenden Sonntag wird Mühes „Biorobotern“ sogar eine Messe gelesen, den „Liquidatoren“ von Tschernobyl, es geht in der Predigt um Opfer und Sühne.

St. Matthäus-Kirche, Matthäikirchplatz am Berliner Kulturforum. 1. Akt bis 19. November, 2. Akt vom 26. November bis 3. Januar 2021, 3. Akt vom 7. Januar bis 14. Februar 2021, Di–So 11–18 Uhr. Gottesdienst „Opfer und Sühne“ am 11. Oktober, 18 Uhr.