Gute Filme sind ein Raum, in dem man sich bewegt, sich aufhalten kann, zu dem man sich verhalten kann und muss. Filme sollten ihrem Publikum nichts vorkauen, sondern Schneisen öffnen, und Orte der Sicherheit wie der Herausforderung schaffen. Ein solcher Film ist „La Flor“ (Die Blume), eines der bemerkenswertesten Kinoabenteuer der letzten Jahre, eine einmalige Erfahrung.

Es beginnt mit einer Wüstenlandschaft und einer jungen Frau: Lange braune Haare, ein roter Wollpullover mit Rollkragen. Sie blickt nach vorne, knapp an der Kamera vorbei. Sofort ist man mit diesem Blick im romanischen Kulturkreis. Aus Deutschland könnte das Bild jedenfalls nicht sein, aus Skandinavien auch nicht, aus England und den USA kaum.

70er-Jahre-Stimmung

Die Frau ist Flavia, sie hat tiefe braue Augen und wenig später hat sie eine weiße Strähne im Haar, wie Susan Sontag. Davor wird in der Wüste eine Mumie gefunden, und vieles erinnert bald an eine Film Noir-Detektivstory, an John Hustons „Der Malteser Falke“ vielleicht, in der dann Flavia der Detektiv wäre. Sie trifft dann auch auf einen unangenehmen Mann, ein Ekelpaket, das Frank heißt, wie Dennis Hoppers Figur in „Blue Velvet“.

Der sinnliche Eindruck und die Atmosphäre von „La Flor“, für dessen Inszenierung der argentinische Regisseur Mariano Llinás gemeinsam mit dem Filmkollektiv „Pampero Cine“ zeichnet, erinnern tatsächlich zunächst an Kino von David Lynch, an B-Movie-Thriller, ob von Robert Siodmak oder von Claude Chabrol, und an die Filme von Carlos Saura – denn Musik und Gesang (und zwar Ohrwürmer, gute Schlager) spielen eine sehr wichtige Rolle, wie überhaupt die heiter-resignative Stimmung der 70er-Jahre.

Pathos, Romantik und Paranoia

Ein bisschen wirkt alles auch wie ein Kolportageroman von Eugene Sue. Das Pathos ist das des 19. Jahrhunderts. Im Zentrum der Detektivstory steht ein obskurer Geheimbund und die Suche nach einem Serum (ein „Metatoxin“), das ewige Jugend verleihen soll. Ein Gespräch kreist um „Epiphanie“: Pathos – Romantik – Paranoia sind die Pole zwischen denen sich dieser einmalige Film entfaltet.

Vier Anfänge, vier Hauptfiguren, drei Teile, acht Akte, sechs Geschichten, 14 Stunden Laufzeit mit einer Handvoll „Pausen“: So absurd ehrgeizig und offen monomanisch, zugleich selbstironisch in dieser Monomanie „La Flor“ ist, so leichthändig und selbstverständlich fühlt sich das beim Sehen an. Und unaufdringlich reflektiert: Denn der Regisseur taucht selbst im Film auf, erklärt dessen Funktionsprinzipien – was wiederum ein Teil des Films ist, und weniger einen postmodernen Spleen erinnert als an Shakespeare.

Sinnvoll strapaziertes Sitzfleisch

Auch wenn „La Flor“ nun in Argentinien einige als „den längsten Film der Welt“ feiern, sollte man diese Länge nicht zum Thema machen. Oder die Gliederung in Episoden. Ein Film ist ein Film oder er ist es eben nicht. Und wenn er 14 Stunden lang ist, dann muss er so gezeigt werden - denn man schreibt über eine Filmdauer ja auch nicht, wenn die Filme kürzer sind. Schon Bela Tarrs „Satantango“ oder „Shoah“ von Claude Lanzmann (1985) kratzten seinerzeit im Berlinale-Forum an der 10-Stunden-Marke, die Festivallieblinge Lav Diaz oder Wang Bing strapazieren regelmäßig mit Filmen ab vier Stunden das Sitzfleisch auch der Professionellen.

Auch umgekehrt gilt aber, dass Länge als solche einen Film noch nicht besser macht. Im Gegenteil. Fall von „La Flor“ muss man aber keine Angst haben: alles ist außerordentlich leicht und heiter, musikalisch. Wie beim Bingewatching auf der Couch wird jeder Zuschauer bald eigene Favoriten haben, bestimmte Figuren besonders lieben, eine Lieblingsepisode haben. So ist dies auch ein Film, der auf unsere neuen Sehgewohnheiten eine Antwort findet, die sich im Kino ereignet.

Passenderweise bietet das Arsenal für die Berliner Premiere jetzt gleich zwei Möglichkeiten: An diesem Wochenende läuft „La Flor“ in drei großen Teilen und danach bis zum 28. Juli noch einmal in kleineren Kapiteln separat.

Auf der Fritz-Lang-Straße in Berlin

Ein Kollege hatte in Locarno für „La Flor“ die schöne, treffende Formel gefunden: „Eine Serie, die das Kino meint.“ Trotz seiner Länge sei diese Geschichte von vier argentinischen Frauen, deren Schicksale miteinander verknüpft sind, aber gar keine Serie, insistiert wiederum der Regisseur. Und hat recht: Dies ist eher ein cinephiles Stationendrama, eine vor Ideen überquellende Reise durch Orte, Haltungen und Atmosphären der Kinogeschichte, unter anderem auch durch Horror, Western, Musical, Casanova-Filme und ein Spionagestück aus dem Kalten Krieg. Was man im Kino liebt, eben. Auch Berlin darf nicht fehlen: Dort fährt man wie es sich gehört natürlich auf einer „Fritz-Lang-Straße“.

Ein einzigartiger hochinteressanter Film ist dies, der schwer zu beschreiben und in seinem Erlebnisreichtum nicht mit einem Mal auszuschöpfen ist. Ein offenes Kunstwerk. Und wer bei all dem Labyrinthischen, Rätselhaften auch an Llinás' Landsleute Cortázar und Borges denkt, liegt richtig.

La Flor, in drei Blöcken 12., 13., 14. Juli, in Kapiteln 16. bis 28. Juli, Arsenal, Potsdamer Str. 2