Berlin -  Der Aprilscherz muss als Königsdisziplin des Scherzes verstanden werden. Er umfasst so ziemlich alles, was zu einem gelungenen Witz gehört: Überraschung, Vergnügen, Erkenntnisgewinn und Schadenfreude. Und er vollbringt geradezu ein Wunder, denn obwohl alle wissen, dass am 1. April dieser besondere Witz fällig ist, er gewissermaßen eine Institution darstellt, eine gesellschaftliche Verabredung, gelingt es immer wieder, die Menschen in die Irre zu führen. Dabei gibt es nur eine ethische Grenze: Die Lust an der Täuschung mag jemanden zum Idioten machen, darf ihm aber keinen ernsthaften Schaden zufügen.

Eine der Urgeschichten des Aprilscherzes handelt von einem Schwerenöter: Der französische König Heinrich IV. (1553–1610) soll an einem 1. April von einer Dame um ein heimliches Rendezvous in einem Lustschlösschen gebeten worden sein, doch als er zum Tête-à-Tête erschien, begrüßten ihn der gesamte Hofstaat und Gattin Maria de Medici, die sich untertänig bei ihm dafür bedankte, dass er der Einladung zum „Narrenball“ gefolgt sei. Der Mann wurde in „den April geschickt“ und zum sprichwörtlichen „Aprilnarren“ gehalten. Übrigens gilt der 1. April seit der römischen Antike und auch im Christentum als Unglückstag, vergleichbar mit Freitag dem 13.

Woher der Brauch kommt, lässt sich mit letzter Gewissheit nicht klären. Allerdings scheint auch seine Zukunft ungewiss. Und das mag daran liegen, dass hier – anders als etwa beim ebenfalls im Frühjahr gefeierten Osterfest – kaum etwas kommerzialisierbar ist: Es gibt beim Aprilscherz keine Massenevents, keinen Alkoholkonsum, keine Festformen, die industriell hergestellt und verkauft werden könnten. Keine Blumen, kein Konfetti – nichts! Selbst die in den USA am 1. April übliche Grußkarte zum „All fools’ day“ fällt in Deutschland aus. Und dass man sich Frankreich und Italien unbemerkt Papierfische anheftet, macht die Sache auch nicht besser.

Sagen wir’s unumwunden: Der Aprilscherz gehört zu den gefährdeten Arten. Dabei liegt sein ganzer Witz in seinem anarchischen Charme. Der Befreiung und Erleuchtung für einen kurzen glücklichen Moment des Irrsinns, eines schönen und gewollten Irrsinns. Und der ist in diesen tristen – und ungewollt irrsinnigen – Pandemie-Zeiten dringender denn je. Wie wir mit unseren Beispielen unwiderlegbar beweisen können.

1. Wissenschaft

Tiere gehen immer, und die Wissenschaft verkündet Wahrheiten: Ein einfaches Rezept, das 1995 im amerikanischen Wissenschaftsmagazin Discover einem gar absonderlichen Wesen zur Geburt verhalf – dem Heißköpfigen Nackteisbohrer, kurz HKNB. In einem Artikel des Redakteurs Tim Folder wurde eine fleischfressende Tierart von der Größe eines Maulwurfs und der Anmutung eines Nacktmulls beschrieben, die kurz zuvor in der Antarktis entdeckt worden sei. Sie sollte mit ihrem gut durchbluteten, bis zu 43 Grad Celsius „heißen“ Kopf in der Lage sein, sich durch das Eis zu bohren – Gänge hineinzuschmelzen – und ihre darüber liegende Beute, bevorzugt Pinguine, sodann in die Tiefe zu reißen.

Foto: Wikipedia
Au weia! Der Heißköpfige Nackteisbohrer, eine fiktive Tierart, die auf einen Aprilscherz zurückgeht.

Der Artikel enthielt, wie es sich für einen guten Aprilscherz gehört, einige Hinweise. So wurde mit dem räuberisch heimtückischen Wesen des HKNBs das Verschwinden des Forschers Philippe Poisson im 19. Jahrhundert erklärt – „Poisson d’avril“ („Aprilfisch“) ist die französische Bezeichnung für Aprilscherz. Auch ein Nachfahr Poissons kam in dem Artikel vor, der sich für die Ehrenrettung seines Ur-Ur-Großvaters bedankte – seinerzeit habe der Deutsche Heinrich von Derersteapril die Erstbeschreibungen des HKNBs auf Poissons Missbrauch von Absinth zurückgeführt. Und schließlich: Als Entdeckerin des Tieres wurde eine Biologin genannt, eine gewisse Aprile Pazzo – dem italienischen Wort für Aprilnarr.

Ein letzter Hinweis mag auch das Beweisfoto für die sensationelle Entdeckung gewesen sein, denn es zeigte neben dem martialisch die Zähne bleckenden Tier deutliche Spuren der Bearbeitung, gerade des rot eingefärbten Aderwerks. Ein voller Erfolg, das Discover-Magazin hat nie mehr Leserpost bekommen als auf diesen Artikel.

2. Werbung

Kein Scherz ist unschuldig nur zu unserer Belustigung da, sondern mag immer auch seine Seele verkaufen. Das führt bisweilen zu großartigen Ergebnissen, wie sich im folgenden Beispiel aus den USA zeigt, einem mustergültigen Vorbild für erfolgreiches und unterhaltsames Guerilla-Marketing: Kurz vor dem 1. April 1996 schaltete die auf mexikanisches Fastfood spezialisierte Kette Taco Bell in etlichen Zeitungen ganzseitige Anzeigen und teilte mit, die Liberty Bell erworben zu haben, jene Glocke also, die 1776 in Philadelphia bei der Erklärung der Amerikanischen Unabhängigkeit geläutet wurde. Der Kauf des Nationalheiligtums solle es vor dem Verfall retten, lautete Taco Bells patriotische Botschaft.

Foto: Imago/Bill Bachmann
Die Liberty Bell gegenüber der Independence Hall in Philadelphia, Pennsylvania.

Vor allem mit der angekündigten Umbenennung der Glocke in „Taco Liberty Bell“ sorgte die Fast-Food-Kette für Empörung. Zu Hilfe kam dem Unternehmen dann noch, dass Mike McCurry, der offenbar gewitzte Sprecher des damaligen US-Präsidenten Bill Clinton, mitteilte, mit dem Autohersteller Ford Motors über den Verkauf des Lincoln Memorials zu verhandeln und es in „Lincoln Mercury Memorial“ umbenennen zu wollen. Medien in aller Welt berichteten, Taco Bell löste am 1. April den Scherz auf und spendete 50.000 Dollar für den Erhalt der Liberty Bell. Insgesamt kostete die Aktion mitsamt der Anzeigen 300.000 Dollar, der Werbewert der weltweiten Berichterstattung entsprach 25 Millionen Dollar.

3. Lifehacks

Alles, was den Alltag erleichtert, ist hoch willkommen. Das war schon immer so, auch wenn man zu den praktischen Lebenskniffen erst seit relativ kurzer Zeit Lifehacks sagt. Und so dürften nicht wenige australische Hundebesitzer im Jahr 2011 neugierig auf eine Produktneuheit gewesen sein: den Ikea Hundstol Dog Highchair. Ein Hochstuhl also für den besten Freund des Menschen, der nun endlich als vollwertiges Familienmitglied am Essenstisch Platz nehmen kann, so das Versprechen. Der schwedische Möbelriese schien an alles gedacht zu haben: Platz für Wassernapf und Fressschälchen, Gumminoppen geben den Vorderpfoten extra Halt, ja, es gibt sogar ein Loch in der Rückenlehne, damit Fiffi beim Abendbrot ungehindert mit dem Schwanz wedeln kann. 

Zugegeben, spätestens ab dieser Information klingt das Ganze schon reichlich absurd, aber Designer Alvar Karlsson preist fröhlich weiter: Der Stuhl sei ideal für Menschen, die „schon mal üben wollen, wie das später mit ihren Kindern wird“. 

Nicht weniger abstrus: Am 1. April 1962 verkündete der Techniker Kjell Stensson im schwedischen Fernsehen aufregende Neuigkeiten. Eine neue Technologie erlaube es den Zuschauern, ihre Schwarz-Weiß-Geräte für den Empfang von Farbsendungen umzurüsten. Es sei alles ganz einfach, so Stensson: Man müsse nur einen Nylonstrumpf über den Bildschirm ziehen. Das Gewebe breche das Licht auf eine Art und Weise, die das Bild in Farbe erscheinen lasse. Stensson führte das Ganze anschließend vor. Tausende Zuschauer versuchten, es ihm gleichzutun – natürlich vergeblich.

4. Schwachsinn pur

Aprilscherze brauchen nicht immer einen Rahmen, manchmal bahnt sich der Irrsinn auch ohne wissenschaftliche oder alltagspraktische Anbindung seinen Weg ins gutgläubige Hirn. Am 1. April 1957 beglückte die BBC ihre Zuschauer mit einer frohen Botschaft: Schweizer Bauern könnten dank eines milden Winters und der Ausrottung des gefürchteten Spaghettirüsselkäfers eine reiche Spaghetti-Ernte einfahren.

Etwa acht Millionen Engländer schauten an diesem Abend vor den heimischen Empfangsgeräten gebannt dabei zu, wie Bauern im Kanton Tessin bündelweise Spaghetti-Stangen von den Bäumen pflückten. Es sei auf die harte Arbeit mehrerer Generationen zurückzuführen, berichtete der Sprecher, dass die Spaghetti zur Erntezeit alle dieselbe Länge hätten.

Unmittelbar nach dem Beitrag brach die Telefonzentrale des Senders fast zusammen. Viele Briten wollten wissen, wie man zu Hause im Garten selbst einen Spaghetti-Baum züchtet. Diplomatisch riet die BBC ihren Zuschauern, es mit einer Packung Spaghetti zu versuchen, diese in eine Dose Tomatensauce zu stellen und auf das Beste zu hoffen. Es kommt eben auch darauf an beim gekonnten Aprilscherzen: Den Witz nicht kaputt zu machen, nur weil man ihn auflösen will. Sei's drum: Viele Briten waren im Nachgang erbost und stellten die ehrwürdige BBC in Frage. Noch viel später mussten Redakteure der Sendung ihre Landsleute darüber aufklären, dass die damals recht exotische Nudelspezialität tatsächlich in Italien produziert wird und nicht auf Bäumen wächst.