Julia Mann um 1880.
Foto: SZ Photo/Sammlung Megele

BerlinVeronika Fuechtner ist vom Wannsee zum Interview nach Kreuzberg gekommen. Sie lebt dort derzeit als Stipendiatin der American Academy und spürt der Vergangenheit der Mutter des Schriftstellers und Nobelpreisträgers Thomas Mann und auch seines Bruders Heinrich nach. Diese stammt aus Brasilien, wuchs auf einer Plantage auf, wurde von afrikanischen Sklavinnen betreut und hatte auch indianische Vorfahren. Dann wurde sie zur Superdeutschen.

Frau Fuechtner, ich habe von Thomas Manns brasilianischer Mutter zum ersten Mal 2014 gehört, in Zusammenhang mit der Fußball-WM in Brasilien. 2018 erst ist hier eine Biografie über sie erschienen. In Deutschland ist ihre Herkunft nicht sehr bekannt, oder?

Es weiß wirklich kaum jemand, obwohl es wissenschaftliche Arbeiten dazu gibt, und Thomas Manns Enkel Frido Mann viel dazu geschrieben hat.

Wer war Julia Mann?

Sie wurde 1851 als Julia Bruhns da Silva in Brasilien geboren und ist auf einer Plantage aufgewachsen. Ihr Vater kam aus Lübeck, er war in Brasilien ein erfolgreicher Unternehmer, der Kaffee und Zuckerrohr angepflanzt und damit gehandelt hat. Er hat Portugiesisch gesprochen, eine Brasilianerin geheiratet, und er ist später auch Brasilianer geworden. Julia hatte engen und herzlichen Kontakt zu den Sklavinnen, die sie erzogen haben. Vor allem zu der Sklavin Anna aus Mosambik. Nachdem Julias Mutter früh gestorben war, wurde sie zu einer Mutterfigur. Der afro-brasilianische und afrikanische Einfluss war also sehr wichtig. Sie ist dann aus dieser von ihr als idyllisch empfundenen Kindheit herausgerissen worden, da ihr Vater sie nach dem Tod der Mutter lieber in Lübeck aufwachsen lassen wollte. Sie kam dort mit ihrer Schwester in ein Internat, ihr Vater blieb in Brasilien. Sie hat auch dann erst, mit sieben Jahren, Deutsch gelernt. In ihren Memoiren beschreibt sie das als das große Trauma ihres Lebens, dieses Herausgerissenwerden aus dem Kindheitsparadies.

Warum ist Julia Manns Herkunft in Deutschland kaum bekannt?

Das ist für mich die Grundfrage. Und es hat meiner Meinung nach mit der Vorstellung von einer homogenen deutschen Kultur zu tun. Für mich geht es bei diesem Projekt auch darum, diese Vorstellung aufzubrechen. Zu zeigen, dass das, was wir als fremd verstehen, im Herzen des Kanons ist. Die Homogenität ist eine Konstruktion. Für mich ging es also nicht um die exotischen Momente, sondern darum, was Thomas Mann besonders deutsch macht. Seine Mutter ist ja sozusagen eine Superdeutsche geworden durch ihre Einwanderung.

Annette Hornischer/American Academy
Zur Person

Veronika Fuechtner wurde als Kind deutsch-brasilianischer Eltern in Rio de Janeiro geboren und ist vor allem in Deutschland aufgewachsen. Sie leitet den Fachbereich Germanistik am Dartmouth College (USA) und lehrt dort auch in den Bereichen Vergleichende Literaturwissenschaft, Judaistik, Gender Studies sowie an der  Geisel School of Medicine.

Fuechtner ist die Autorin von „Berlin Psychoanalytic“ (2011), die Herausgeberin von „Imagining Germany Imagining Asia“(2013) und „A Global History of Sexual Science“(2017). Derzeit ist sie Stipendiatin an der American Academy am Wannsee, wo sie ein Buch über Julia Mann schreibt. Dort hat sie einen Vortrag über ihre Forschung gehalten.

Wie verlief dieses Deutschwerden bei ihr?

Sie hat sich sehr mit Musik beschäftigt, mit Gesang, sie hat sich auf romantische Literatur gestürzt, hat Goethe verehrt. Sie hat eine Goethe-Sammlung angelegt, Artikel zu Goethe gesammelt, aus seinen Werken exzerpiert. Und Thomas Mann wusste diese Sammlung zu nutzen. Gerade die Auseinandersetzung mit Goethe ist zentral für ihn. Und das lief über seine Mutter.

Die brasilianische Mutter überrascht auch deshalb, weil Thomas Mann sich so sehr als deutscher Autor präsentiert hat. „Wo ich bin, da ist Deutschland“, hat er gesagt. Wie ist er mit diesem familiären Hintergrund umgegangen?

Unterschiedlich zu unterschiedlichen Zeiten. In der Forschungsliteratur heißt es oft: Er hat nicht darüber gesprochen, also ist es auch nicht relevant. Aber es ist wichtig, dieses Schweigen zu lesen. Er hat lange sehr verhalten darüber gesprochen, sprach von Latinität, dem Lateinischen in seiner Familie. Er hat das also eher südeuropäisch beschrieben. Das hatte für ihn zunächst nichts mit Indigenität zu tun, mit etwas Außereuropäischen. Julia Mann hatte portugiesische Vorfahren, aber eben auch indianische. Vor der Weimarer Republik war es unmöglich, über so etwas zu sprechen. Es gab enormen Rassismus im Kaiserreich und auch danach.

Wann hat sich das geändert?

Als er ins Exil gegangen ist und auch schon davor. Er beschreibt das dann als eine Herkunft, die ihn zum Kosmopoliten macht. Die ihm auch eine andere Sensibilität verleiht. Er zieht eine Parallele zum Jüdischsein, empfindet seine Herkunft als eine Art Auszeichnung und nicht als etwas mit Scham Besetztes. Frido Mann hat beschrieben, dass er im Exil in Pacific Palisades bei Spaziergängen viel über seine Mutter gesprochen hat, darüber, wie ihn ihre Kindheitserzählungen aus Brasilien geprägt haben.

Thomas Mann hat seinen Gang ins Exil politisch begründet, spielte seine Herkunft dabei überhaupt eine Rolle?

Es gab rassistische Attacken auf ihn. In der Zeitung „Angriff“ hieß es 1932 über Mann: „Wir müssen mit aller Schärfe verlangen, daß diese schreibende Mischung zwischen Indianern, Negern und Mauren und weiß der Teufel was sonst noch sich nicht mehr ,deutscher Dichter und Schriftsteller‘ nennen darf.“ Es wird unterschätzt, dass das Exil für ihn auch in Bezug auf die Rassenpolitik der Nationalsozialisten bedeutsam war.

Welche Rolle spielt Thomas Mann in Brasilien?

Brasilianer sind in der Regel nicht schüchtern, wenn es darum geht, Errungenschaften oder Persönlichkeiten als brasilianisch zu definieren. Es gibt ja auch das Sprichwort: Gott ist Brasilianer. Und es gibt eine wichtige Rezeption, die sagt, Thomas Mann ist eigentlich einer von uns. Ihm wird literarisch auch eine brasilianische Sensibilität zugeschrieben.

Hat sich seine Herkunft in seinem Werk niedergeschlagen?

In seiner Beschäftigung mit dem Norden und dem Süden etwa, die sich durch sein ganzes Werk zieht. Die Denkfigur des Südländischen als etwas Gebrochenes, Artistisches gibt es auch bei anderen Schriftstellern, aber bei ihm hat das eine ganz andere Resonanz. Seine Mutter spiegelt sich in vielen Frauenfiguren, und im „Doktor Faustus“ gibt es das Motiv der Hetaera esmeralda, eines brasilianischen Schmetterlings. Aber es ist eben alles verdeckt. Sein Bruder Heinrich hat sich offener mit seiner „Latinität“ identifiziert und sie viel mehr nach außen gelebt.

Sie haben Thomas Mann vorhin als einen Autor mit Migrationshintergrund bezeichnet. Da habe ich deutlich empfunden, wie belastet dieser Begriff ist.

Ich mag ihn gar nicht. Seit ich in den USA lebe, habe ich auch ein anderes Verhältnis dazu gewonnen. Denn dort wird das noch mal anders verhandelt. Nicht unbedingt besser, aber anders. Für mich hat dieses Kürzel mit Rasse oder Vorstellungen von Rasse zu tun. Man spricht ja eher selten von einem schwedischen Migrationshintergrund. Es geht natürlich darum, ob jemand als „weiß“ wahrgenommen wird oder nicht, und die Vorstellungen, die daran gebunden sind. Von Klasse, von Bildung und so weiter. In Deutschland gibt es keine gute Sprache dafür. Das hat historische Gründe. Wir können natürlich nicht über „Rasse“ sprechen. Aber gleichzeitig werden diese Deckbegriffe benutzt.

Wie ist es in den USA?

Da spricht man von "black and white", von "afro-american". Als ich das erste Mal dorthin kam, musste ich ein Formular ausfüllen, da lautete eine Frage: What is your race, was ist Ihre Rasse. Ich war schockiert. Für mich war das eine Nazi-Frage. Aber diese Sprache erlaubt es einem wenigstens, über Rassismus zu sprechen. In Deutschland werden Vorstellungen von „weiß“, „braun“, „schwarz“ komplett verleugnet. Aber wenn man sagt, dass das keine Rolle spielt, dann ist es auch schwer darüber zu sprechen, dass es eben doch eine Rolle spielt.

Es gibt heute viele deutsche Autoren mit Migrationshintergrund. Gelingt es ihnen, in diesen lange als homogen geltenden Kanon aufgenommen zu werden, oder bilden sie immer eine Extra-Kategorie?

Es ist kompliziert. Diese Kategorie kann auch nützlich sein. Es spielt nun einmal eine Rolle, ob jemand als „weiß“ oder „deutsch“ gesehen wird oder nicht, oder ob jemand zweisprachig ist – im Schreiben und in der Wahrnehmung. Insofern kann das auch eine nützliche Position sein, um auf bestimmte Fragen hinzuweisen. Problematisch ist es, wenn jemand auf diese Position reduziert wird.