Die Weddinger Brauseboys: von links: Heiko Werning, Frank Sorge, Volker Surmann, Thilo Bock, Robert Rescue und Nils Heinrich.
Foto: Axel Völcker

BerlinVierzehn Versuche, einen Text ohne "Corona" zu schreiben, hat Heiko Werning unternommen. Doch selbst beim Tatort-Gucken mit der Liebsten schweiften seine Gedanken zum Virus ab. Die aktuellen Vorträge von Werning und Co von der Reformbühne Heim & Welt sind auf deren Facebookseite abrufbar. Die Vorleser haben einen sonntäglichen Livestream eingerichtet, die Aufzeichnungen bleiben im Netz. 

Heiko Werning ist gerade eine Art Epi-Zentrum der Berliner Lesebühnen-Aktivitäten: Denn er liest an jedem Donnerstag auch bei den Brauseboys und hat in seinem Weddinger Büro das Studio für die Livestreams beider Bühnen eingerichtet. Mit einem Zollstock messen sie den Abstand zwischen sich aus. "Wir schreiben derzeit viel mehr als sonst", betont Werning. "Das ist unsere Überlebensstrategie." Der Autor, der auch als Zoologe aktiv ist, nähert sich der Krise aus wissenschaftlicher Sicht, wettert gegen Verschwörungstheorien und untersucht das Sammelverhalten von Hamstern.

Mehr Besuch und mehr Honorar als im Roten Salon der Volksbühne

Satiren über den Händewaschzwang und das Klopapierhorten lieferten auch die Brauseboys Nils Heinrich, Volker Surmann und Thilo Bock. Frank Sorge, der sich zugleich um die Technik kümmert, präsentierte Google-Gedichte mit den Suchbegriffen "Ein Virus" und "Meine Hände". Düsterer ging es bei der Reformbühne zu. Jakob Hein und Falko Hennig führten Dialoge mit dem Teufel und mit dem Tod auf. Musikalisch liefert Corona viele Anregungen. Thilo Bock trug den 80er-Jahre-Hit "My Sharona" als "My Corona" vor, Nils Heinrich dichtete seinen Hit "Twitternde Mädchen" in "Preppende Mädchen" um und Falko Hennig sang Melina Mercouris Klassiker "Ein Schiff wird kommen" auf ganz neue Art.

Die Resonanz übertraf bis jetzt alle Erwartungen: Alle Streams erreichten deutlich mehr Freunde als der Rote Salon der Volksbühne oder das Weddinger Eschenbräu überhaupt Platz haben – und sogar die Spenden lagen höher als die üblichen Eintrittsgelder. Werning weiß zwar, dass diese Kurve abflachen wird, freut sich aber, dass der Kontakt zu den Berliner Stammgästen erhalten wird und vielleicht neue Freunde erreicht werden. Den Brauseboys als Browserboys sahen Zuschauer in Ruanda und sogar Bremerhaven zu.

Der Körperkontakt ließe sich noch reduzieren

Für die nächsten Auftritte überlegen sie, ob sie wirklich noch zu viert gemütlich zum Bier am Tisch in Wernings Studio sitzen oder sich vielleicht in Zweierteams zusammenschalten lassen. Nicht weil sie gegen die Bestimmungen verstießen, sondern, um kein Beispiel für einen sorglosen Umgang zu geben. Werning betont, sie alle hielten die Minimierung physischer Kontakte für absolut richtig. Da verstehen die Reformbühne und die Brauseboys keinen Spaß.

Reformbühne: facebook.com/reformbuehne

Brauseboys: facebook.com/brauseboys