Im Gespräch über Gott und die Welt: Papst Benedikt (Anthony Hopkins, l.) und Kardinal Bergoglio  (Jonathan Pryce).
Foto: Peter Mountain

BerlinWeißer Rauch steigt aus dem Schornstein der Sixtinischen Kapelle auf. Es ist das einzige Signal, das aus dem Inneren des Vatikans an die Öffentlichkeit dringt. Die Wahl des Papstes selbst, deren Ergebnis der Rauch verkündet, bleibt, wie die inneren Strukturen und Arbeitsweisen des Vatikans, hinter geschlossenen Türen. Der Film des brasilianischen Regisseurs Fernando Meirelles („City of God“, „Der ewige Gärtner“) blickt bereits vor dem ersten Wahlgang hinter die Kulissen, auf die Versammlung der Kardinäle, die das Oberhaupt der Kirche bestimmen. 

Zwei Männer stehen im Zentrum des Getuschels der uniform in rot gehüllten Männer: Joseph Ratzinger (Anthony Hopkins) und Jorge Mario Bergoglio (Jonathan Pryce). Benedikt und Franziskus. Der eine Dogmatiker, der andere Reformer. Einer gefürchteter Hardliner, der andere beliebter Barmherziger. Zwei Persönlichkeiten, wie sie, zumindest innerhalb der Führungsriege der katholischen Kirche, unterschiedlicher nicht sein könnten. Der deutsche Kardinal schreitet siegesgewiss durch die Reihen der Geistlichen, als wolle er noch mal jeden persönlich daran erinnern, dass allein er als Nachfolger seines kürzlich verschiedenen Freundes Johannes Paul II. in Frage kommt. Der argentinische Jesuit Bergoglio hingegen zieht derweil den Kopf ein und beschwichtigt die Kollegen, die ihn zum kurzfristigen „Wahlkampf“ motivieren wollen.

Umgang mit dem Thema Missbrauch 

Das Ergebnis der Abstimmung und der Verlauf der Geschichte sind freilich auch ohne Blick hinter die Kulissen bekannt: Beide Männer werden Papst sein. Meirelles interessiert weniger der Weg zum Pontifex maximus, als das, was sich hinter diesem Amt, hinter Soutane, Pektorale und Mantello verbirgt. Verschlusssache bleiben allein die Skandale der katholischen Kirche und die Kontroversen, die Benedikts Amtszeit begleitet haben. Die Aussage des deutschen Papstes zum Thema Missbrauch ist der einzige Moment, in dem es uns nicht gestattet ist, ihm zuzuhören. Nur für Bergoglio, der ihn in seiner Sommerresidenz besucht, sind diese Worte bestimmt und so bleibt allein er so etwas wie die kritische Stimme des Films.

So energisch der Argentinier den verharmlosenden Umgang des Vatikans mit den Missbrauchsfällen anspricht, so schnell erteilt er dem Papst allerdings die Absolution. Eine Geste, die sowohl offizielle Lossprechung als auch ein freundschaftlicher Dienst ist. Am Ende eines tagelangen Dialogs zwischen den Kirchenoberhäuptern scheint sich in diesem Moment das Gespräch endgültig den Weg von der Meinungsverschiedenheit zur Freundschaft gefunden zu haben. Ein Weg, der von der päpstlichen Sommerresidenz bis vor die Nordwand der Sixtinischen Kapelle führt. Die Tage in Zweisamkeit, die als offizieller Besuch beginnen und mit einem freundschaftlichem Abschied enden, nehmen einen Großteil der über zweistündigen Laufzeit des Films in Anspruch.

Umstrittene Vergangenheit des Kardinals

Dass dieser Dialog einen derartigen Sog entwickelt, ist zu weiten Teilen Anthony Hopkins und Jonathan Pryce geschuldet. Selbst die Kamera scheint in ihrer Präsenz eine nervöse Ehrfurcht zu verspüren, die sie entweder ins Wackeln bringt oder vor Schreck plötzlich und hektisch heranzoomen lässt. Derartige Spielereien stören den Gesprächsfluss jedoch deutlich weniger als die Rückblenden, über die Meirelles aus der umstrittenen Vergangenheit Bergoglios erzählt. Als Leiter des Jesuitenordens sucht er hier immer wieder das Gespräch mit der Junta, die Argentinien von 1976 bis 1983 fest im Griff hatte. Die Schwarz-Weiß-Bilder, die von Bedrückung, Gewissenskonflikten und Ohnmacht erzählen, sind hier fades biografisches Stückwerk, über dessen Bedeutung für sein Leben man lieber  von Bergoglio selbst, also Jonathan Pryce, etwas erfahren hätte.

Die Zwei Päpste

Großbritannien, USA, Italien, Argentinien 2019. Regie: Fernando Meirelles; Buch: Anthony McCarten; Darsteller: Jonathan Pryce, Anthony Hopkins, Juan Minujín, Sidney Cole, u.a.; 125 Min.; Farbe. FSK ab 12. Ab Donnerstag im Kino

Antony Hopkins gibt als sein Gegenüber dem sonst so verhärmten Gesichtszügen Benedikts eine Verletzlichkeit, die mit jedem Moment, den er in Bergoglios Anwesenheit verbringt ein bisschen mehr an Stelle der so bissigen Autorität des Pontifex maximus tritt. Wenn er mit einem Teller Knödel in Brühe und einer Flasche Fanta vor dem Fernseher sitzt, wird aus Benedikt wieder Joseph Ratzinger. Der so viel weltgewandtere und beliebtere Bergoglio, blickt fast mit Bedauern auf den Mann, der im Verlauf des Films mehr und mehr wie einsamer Greis wirkt. Der Argentinier hingegen findet überall Anschluss. Er freundet sich mit dem Gärtner an, verbrüdert sich mit anderen Fußballfans und lockt mit seiner Art selbst die Schweizergarde aus der Reserve. Pryce bringt seinen  unnachgiebigen Glauben spielend mit der für ein Kirchenoberhaupt so ungewöhnlichen Gelassenheit zusammen.

Trailer zum Film "Die zwei Päpste"

Quelle: Youtube

Eben diese Gelassenheit aber scheint der Titel des Papstes nicht zu erlauben. Schwer ruht das Haupt, das ein Scheitelkäppchen drückt. Joseph Ratzinger hat diese Last bereits in eine tief gebeugte Haltung gezwängt, in der er sich nur wenige Minuten ausruhen darf, bevor ihn seine Digitaluhr lautstark daran erinnert, dass er sein Tagesziel von 10 000 Schritten noch nicht erreicht hat. Das Pontifikat ist weniger eine Ehre, als eine Bürde. Bis zu seinem Tod soll ein Papst sie, zusammen mit den Sünden der Glaubensgemeinschaft tragen. Für einen Menschen eine eigentlich zu große Aufgabe. Doch, und darin liegt die Tragik des Amtes, hinter geschlossenen Türen ist der Pontifex nur ein alter, einsamer Mensch.