Transnationaler Dialog über das Internet.
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BerlinAn Aktualität fehlt es dem Latitude-Digitalfestival nicht. Die Veranstaltung wirkt wie ein Spiegelkabinett, in dem die Themen Rassismus und Erinnerungskultur in stets neuer Ausleuchtung aufscheinen und so die tonangebenden Debatten der letzten Wochen flankieren. Die Rede ist vom Tod des US-Amerikaners George Floyd, sprich von der Alltäglichkeit rassistischer Gewalt und den mannigfaltigen Arten des Protests dagegen. Aber auch von der kürzlich abgeklungenen Aufregung über den kamerunischen Theoretiker Achille Mbembe und der sich an die Debatte anschließenden Forderung afrikanischer Intellektueller an Deutschland, die Artefakte zurückzugeben, die es aus afrikanischen Kolonien geraubt hatte. Letztlich spiegelt das Festival auch das geistige Erbe des Schriftstellers Albert Memmi, der kürzlich in Paris starb und als einer der Urväter postkolonialen Denkens gilt.

Postkoloniales Denken, das meint jene geistige Strömung aus der Wiege des Poststrukturalismus, die sich mit Kolonialgeschichte beschäftigt und die Gegenwart als Effekt ihres Nachwirkens rekonstruiert. Latitude, was Handlungsspielraum bedeutet, knüpft an diese Schule an und überträgt ihren Kanon auf Kunst und Digitales. Das Online-Programm wechselt im Minutentakt zwischen seminarartigen Diskurspanels und wohnzimmerhaften Kunstperformances. Themenkomplexe wie Ungleichheit, Identität und Erinnerung werden von Teilnehmern aus verschiedensten Orten bespielt. Im Eröffnungsgespräch diskutierten etwa der senegalesisch-amerikanische Philosoph Souleymane Bachir Diagne und die indisch-deutsche Politologin Nikita Dhawan über Kontinuitäten kolonialen Denkens.

Der Stellenwert der Kunst war dabei zentral. Wer bestimmt ihren Wert? Wer ihre Sichtbarkeit und Bedeutung? Die Plünderung afrikanischer Malerei und Bildhauerei und deren  Betrachtung als primitive „Kindheit der Menschheit“ sei eine Bedeutungsebene, von der diese Kunst sich endlich lösen, also „dekolonisieren“ müsse, fordert Diagne. Dabei gehe es um viel mehr als nur die „kapitalistische Idee der Rückgabe“ von Kunstgegenständen, sagt er. Es bedürfe einer „neuen Ethik“ zum Objekt, in der sie neue Bedeutungen annimmt. Wer das genauer verstehen will, muss wohl bei Diagne selbst nachlesen. Die in den Panels verhandelten Themen sind oftmals sperrig, eröffnen aber tatsächlich neue Perspektiven.

Die Stars der Postcolonial Studies, also etwa Frantz Fanon oder Edward Said, werden dabei wenig genannt. Stattdessen pocht Dhawan im Eröffnungsgespräch überraschend auf Adornos ästhetische Theorie. Lieber keine Kunst als sozialistischer Realismus, zitiert sie Adornos Leitspruch. Man dürfe Kunst nicht zu sehr mit politischen Ansprüchen aufladen, sondern müsse ihre Autonomie wahren. Dies ist eine Gratwanderung, mit der sich das Latitude-Festival natürlich selbst konfrontiert sieht. Fast alle der Programm-Performances sind – auch – als Agenten politischer Botschaften lesbar. So verarbeitet die Performance-Künstlerin Trixie Munyama in „The Mourning Citizen“ etwa das Echo des Horrors der deutschen Kolonialzeit in Namibia. Und der Rapper Eric 1key wirkt in „Heartbeats & Poetry“ wie ein Bote einer afrofuturistischen Zukunft, der diverse Machtstrukturen der Vergangenheit heraufbeschwört.

Im Themenfeld Digitalisierung springt besonders Nanjira Sambuli ins Auge. Sie ist eine scharfe Kritikerin der Effekte des Internets, bestehende Ungleichheiten zu verschärfen – insbesondere im globalen Süden. Die Coronavirus-Pandemie, sagt sie im Panel, habe gezeigt, dass Digitalisierung nicht in einem Vakuum stattfinde, sondern kapitalistischen Machtstrukturen unterliege. Sambuli will Visionen für ein Internet der Zukunft entwerfen, in dem die Deutungshoheiten umverteilt werden und zu dem potenziell alle Zugang erhalten. Ironischerweise ist die Plattform für die Vorstellung dieser Positionen natürlich das Internet der Gegenwart.

Latitudes Online-Format ermöglicht eine erfrischende Stimmenvielfalt. Gleichzeitig erinnern manche Livestreams aber an private Zoom-Telefonate, die je nach Internetverbindung der Beteiligten mal besser, mal weniger gut funktionieren. Man meint den Beteiligten anzusehen, wie bedacht sie sind, die Mimik ihres Gegenübers zu entziffern, um so die technisch gegebene Distanz zu meistern. Dazu können Besucher Kommentare hinterlassen. Das ermöglicht Echtzeitkommunikation mit Panelisten, dass dabei aber auch Internet-typische Randmeinungen und gar Beleidigungen zum Vorschein treten, ist online wohl unvermeidlich.

Die Spannbreite zwischen digitaler Formsprache und der Schwere der Themen wird von der Performerin Joana Tischkau auf brillante Weise auseinandergezogen. Ihre fünfminütigen „Colonastics“-Clips imitieren Home-Workouts, in denen die grelle Ästhetik diverser Fitness-Videos genauso zum Ausdruck kommt wie die vereinsamte Lebenswelt der Quarantäne-Monate. In einer merkwürdigen Mischung aus Camp und Kritik entlarvt sie das Ideal des weißen Männerkörpers und ruft dazu auf, Körper und Geist von den Spuren der Kolonialisierung zu befreien. „Decolonize the internet!“, ruft Tischkau.

Digitales Festival Latitude, bis 6. Juni, www.goethe.de