Rebecca Carrington und Colin Brown brauchten in Deutschland drei Jahre, um den richtigen Steuerberater zu finden.
Berliner Zeitung/Markus Wächter 

Das britische Musikabarettistenduo Rebecca Carrington und Colin Brown empfängt in seiner Wohnung in Kreuzberg. Dort ist noch Weihnachten, und zwar deutsche. Auf dem Küchentisch stehen Figuren aus dem Erzgebirge, ein Nussknacker und ein Engel, der zwei Kerzen hält. Rebecca Carrington kocht Tee, sie selbst trinkt ihn allerdings – ganz unbritisch – ohne Milch.  

Könnten Sie mal einen Brexit-Witz erzählen?

Rebecca Carrington: Es gibt natürlich viele in unserer Operette, aber die wollen wir nicht verraten. „Brexit's a catastrophy, Britains now think they are free/David Cameron, Theresa May, au revoir Boris J." – Wir machen Karikaturen aus ihnen. Sie haben auch andere Namen.

Wie heißt denn Boris Johnson bei Ihnen?

Rebecca Carrington: Horris Momsense. Wir machen internationale Witze auf Deutsch mit britischem Humor, also ironisch, trocken, schwarz.  

Colin Brown: Bei den Deutschen muss ein Witz ganz klar sein.

Rebecca Carrington: In England kann man subtiler sein, aber es ist auch unheimlich schwer, Witze auf der Bühne zu machen. Denn fast all Leute im Publikum denken, sie sind witziger als die da oben.  In Deutschland ist das nicht so. Die Deutschen halten sich zum Glück nicht für so witzig. Da gibt es keine Konkurrenz.

Gibt es auch Brexit-Witze, die sich die Leute in Großbritannien auf der Straße erzählen?

Rebecca Carrington: Sie nennen das, was passiert „shit show". Oder „Comedy of Errors“, nach dem Stück von Shakespeare, also Komödie der Irrungen.

Colin Brown: Es gibt auch ein neues Wort: to brexit. Das benutzt man, wenn man auf einer Party ist und ankündigt zu gehen, aber man dann gar nicht geht.

Ihre Operette hatte im Mai 2019 Uraufführung bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen. Weil dann aber immer wieder viel passiert ist in der Politik, mussten Sie sie wahrscheinlich ständig umschreiben, oder?

Rebecca Carrington: Klar. Theresa May war ja dann irgendwann nicht mehr da. Und wir mussten dem deutschen Publikum die neuen Charaktere  erklären, denn sie kennen sich in der britischen Politik nicht so aus. Es war übrigens der damalige Intendant der Schlossfestspiele Thomas Wördehoff, der uns mit der Operette beauftragt hat. 

Was hat Ihre Brexit-Operette „Turnadot“ mit Giacomo Puccinis Oper „Turandot“ zu tun?

Rebecca Carrington: Die Musik können wir nicht benutzen, da bestehen noch Rechte. Aber die Geschichte ist ein uraltes persisches Märchen aus dem 13. Jahrhundert. Und wir erzählen sie weiter und verbinden sie mit dem Brexit. Unsere Protagonisten reisen durch die Welt bis nach China.

Hat das Wort „Turnadot“ eine Bedeutung?

Rebecca Carrington: Da steckt das englische Wort „turn“ drin, herumdrehen. Und das machen wir. Wir drehen die Geschichte herum: Sämtliche Mitglieder der Royal Imperial Victorian Opera Company sitzen wegen des Brexits im Flughafen von Heathrow fest. Nur wir haben es nach Deutschland geschafft, weil wir als einzige auch einen deutschen Pass haben. Deshalb müssen wir die Produktion jetzt allein stemmen. Und das ist auch die Wahrheit.

Das Duo und seine Produktion

Das Duo: Rebecca Carrington hat am Royal Northern College of Music in Manchester, England, Cello studiert, zusammen mit ihrem Mann Colin Brown bildet sie das vielfach ausgezeichnete Musik-und Comedy-Duo Carrington-Brown. In ihren Produktionen verbinden die beiden klassische Musik mit Komödie.
Die Brexit- Operette: Mit „Turnadot“ nimmt das Duo die aktuelle britische Politik und den Brexit aufs Korn. Bar jeder Vernunft, 21. und 23.-26. Januar, jeweils um 20 Uhr, am 26. Januar um 19 Uhr. Karten: 883 15 82


Dass Sie  deutsche Pässe haben?

Rebecca Carrington: Ja. Wir haben auch einen deutschen Pass.

Seit wann?

Colin Brown: Seit Januar 2019. Wegen des Brexits. Wir wollten nicht für jedes Land, in dem wir spielen, ein Visum beantragen. Das geht nicht.

Rebecca Carrington: Jetzt sind wir frei in Europa zu bleiben, ohne Visum.

Colin Brown: Wir wohnen schon seit zwölf Jahren in Berlin, damals sind wir hergezogen, weil die Theater nicht mehr die Ausländersteuer für uns bezahlen wollten.

Rebecca Carrington: Aber die Einbürgerung war trotzdem richtig viel Arbeit.

Was war das für ein Gefühl, einen deutschen Pass zu bekommen?

Rebecca Carrington: Ich kann immer noch nicht glauben, dass ich da drin bin. Es ist eine große Ehre, dass wir beide haben können. Die Österreicher zum Beispiel würden diese doppelte Staatsbürgerschaft nicht erlauben.

Colin Brown: Das ist ein super Gefühl. Der deutsche Pass ist der beste auf der ganzen Welt.

Rebecca Carrington: Vor 70 Jahren hätte man das nicht gedacht. In England sollen die Pässe jetzt ja wieder blau werden.

Colin Brown: Und sie haben dafür einen Vertrag mit Frankreich geschlossen, dort sollen die neuen Pässe produziert werden. Gleichzeitig gegen sie raus aus der EU. Ich finde das absurd.

Rebecca Carrington: Das war vor eineinhalb Jahren, vielleicht hat sich das inzwischen geändert. Aber es wäre pure Ironie, wenn das die Franzosen machen würden.  

Für die britischen Künstler ohne EU-Pass wird es schwerer.

Rebecca Carrington: Ja, das ist ein Problem für diese Leute, deshalb haben ja auch gerade Künstler gegen den Brexit protestiert, Leute, die international tätig sind wie Sting oder Ed Sheeran. Für uns war es nicht so leicht, hier Fuß zu fassen. Deutschland ist doch ganz anders als England. Wir sind selbstständig und eine Steuererklärung zu machen, ist nicht gerade einfach. Wir haben jetzt den vierten Steuerberaterin und sie ist wunderbar, aber das war ein langer Weg, drei Jahre lang Drama. Zwischendurch dachte ich, ich muss gehen. Ich habe darüber sogar ein Lied komponiert, den „Steuerberater-Blues“. 

Der Brexit spaltet England bis in die Familien hinein. Wie ist das bei Ihnen?

Colin Brown: Es hat die Leute polarisiert. Viele haben ihre Haltung nicht öffentlich gemacht, aber seit Boris Johnson die Wahl gewonnen hat, sagen viele: Das ist es, was wir wollen. Wir wollen nicht so viele Ausländer oder Leute, die von unserem Sozialsystem profitieren. Für mich ist das rassistisch. Dabei hat doch England die halbe Welt kolonisiert. Der Brexit ist eine Katastrophe, von der nur die Reichen profitieren. Meine Familie wohnt  in und um London, die meisten sind gegen den Brexit.

Rebecca Carrington: Meine beste Freundin aus der Internatszeit ist für den Brexit. Wir haben abgemacht, nicht darüber zu sprechen. Das ist zu schwierig.

Colin Brown: England hat wegen des Brexits den Vertrag mit Tesla verloren. Die gehen jetzt nach Deutschland. Und die Engländer werden noch mehr verlieren.

Was machen Sie am 31. Januar um Mitternacht?

Rebecca Carrington: An dem Tag treten wir in Frankreich auf.   

Keine Trauerzeremonie?

Rebecca Carrington: Das habe ich schon hinter mich gebracht, an dem Tag als Boris Johnson so haushoch gewonnen hat.