„Solche wie wir führen kein normales Leben. Wir kommen zu spät nach Hause, stehen zu früh auf und enttäuschen zu viele, die wir lieben.“ Also spricht Brigitte Nyborg, 53, inzwischen Außenministerin von Dänemark und inmitten einer Krise, die es ja immer gibt in ihrem Leben.

„Würdest du nicht auch lieber eine wählen, die schuftet, als eine, die ihre Kinder um vier abholt?“, fragt sie ihr Gegenüber, einen jungen Mann mit dem schönen Namen Ager Holm Kierkegaard, der ihr wichtigster Getreuer ist, um aus eben dieser Krise wieder herauszukommen. „Ja“, sagt der, „aber es ist traurig.“ Nyborg schenkt sich noch ein Glas Weißwein ein, und ein flehendes Lächeln legt sich in ihr Gesicht, dann wirft sie die Arme in die Luft und sagt: „So sind wir aber!“

Wie Politiker sind, wie sie Politik machen und vor allem, was die Politik wiederum mit ihnen macht, das zeigte die dänische TV-Serie „Borgen“ so genau und so gnadenlos wie keine Serie zuvor. Die Geschichte der Brigitte Nyborg, gespielt von Sidse Babett Knudsen, ihr Aufstieg zur ersten weiblichen Regierungschefin Dänemarks (noch bevor es die Sozialdemokratin Helle Thorning-Schmidt dann im wirklichen Leben wurde), ihr Niedergang und ihr schließlicher Wiederaufstieg wurde als „dänisches Fernsehwunder“ bestaunt. Trotz mannigfacher Nachahmungsversuche, auch mit großem Budget und noch größeren Namen, wurde Vergleichbares nie erreicht.

Und eigentlich schien sie auserzählt; neun Jahre ist es her, dass man Nyborg zuletzt gesehen hat: glücklich, nach gewonnener Wahl, mit sich und der Politik im Reinen und im Übrigen auf Arte. In der Zwischenzeit wanderte die Serie jedoch zu Netflix, und dort setzt man derzeit mit Vorliebe auf Gelehrtes und Bewährtes, siehe auch „Bridgerton“ und „Stranger Things“ – wieso also nicht die Mutter aller Politserien fortführen? In der wirklichen Politik geht es schließlich auch weiter.

Die neue „Borgen“-Staffel ist gespenstisch eng an die aktuelle Weltlage angelehnt: Im Zentrum steht ein Ölfund in Grönland. Nyborg, deren Partei sich dem Klimaschutz verschrieben hat, würde die Sache gerne abmoderieren, muss aber feststellen: „Klima und Umwelt bedeuten den Grönländern nichts.“ Ganz im Gegenteil träumen sie in Nuuk davon, ein arktisches Abu Dhabi zu werden und sich mit den Öl-Millionen vom dänischen Tropf zu befreien. Erschwerend hinzu kommt, dass bei den Bohrungen ein Russe mitmischt, ein mutmaßlicher Handlanger Putins, der soeben die Ukraine überfallen hat – andererseits wäre Dänemark gerade deshalb gerne unabhängig von russischer Energie und könnte das Öl gut brauchen. Nyborg ist mithin in ihrem natürlichen Lebensraum – zwischen allen Fronten.

So entspinnt sich ein grandioser nordic noir, der beständig und souverän zwischen grönländischem Eis und den dänischen Hinterzimmern der Macht hin- und herwechselt. „Die Macht hat ein Eigenleben. Plötzlich lässt du alles im Stich, woran du geglaubt hast“, sagt Nyborg da einmal. Und sie meint es so!

Borgen. Macht und Ruhm, Serie, 8 Folgen, Netflix