BerlinUm es ganz klar zu sagen: Ich unterstütze die Schutzmaßnahmen der Bundesregierung gegen die Ausbreitung des Coronavirus. Ich will, dass der Schutz der Schwächeren schwerer wiegt als die Freiheit des Einzelnen. Die Bundesregierung hat mit dem Shutdown, wie viele Regierungen Europas, eine moralische Entscheidung getroffen, die ich nicht nur respektiere, sondern auch mittrage.

Und trotzdem – trotzdem akzeptiere ich die Meinung der Gegenseite. Es gibt Menschen da draußen, die die Freiheit aller höher bewerten als den Schutz des Einzelnen. So wie Selbstmord oder Abtreibung ist auch die Frage nach der Legitimität der Corona-Schutzmaßnahmen eine zutiefst moralische. Anders als beim Selbstmord entscheidet aber in einer Pandemie jeder Einzelne nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere mit. Wenn ich keine Masken trage, beschränkt meine unbeschränkte Freiheit die Freiheit der anderen auf Infektionsschutz. Ist das vertretbar?

Immanuel Kant hat geschrieben: „Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des anderen beginnt.“ Während einer Pandemie treffen zwei Freiheitsauffassungen aufeinander. Sie stehen im Widerspruch zueinander. Donald Trump hat die Pandemie nicht ernst genommen und die Freiheit aller schwerer gewichtet als den Schutz der Schwächeren. Die Wahrheit ist: Fast 50 Prozent der Amerikaner sind ihm gefolgt. In Deutschland hat die Bundesregierung anders entschieden. Die Mehrheit der Bevölkerung unterstützt den Shutdown und glaubt an dessen Wirksamkeit, aber immerhin 43 Prozent der Deutschen zweifeln. Wie lässt sich das auflösen? Nur durch Verständnis. Wir müssen lernen, die Meinung der Gegenseite zu akzeptieren – ohne Gewalt, ohne Häme, ohne Spott. Nur so bleiben wir als Gesellschaft geeint.