Geradewegs ins Herz schießt ihm der erste Kuss der Schneekönigin. Und als die unfassbar schöne Dame den Jungen Kay in Hans Christian Andersens Märchen aus dem Jahr 1844 zum zweiten Mal küsst, da hat er seine Freundin Gerda, die Großmutter und alle daheim schon vergessen. Doch Gerda vergisst ihn nicht, sie wird ihn suchen, wird sich Rat holen, ein treues Rentier zur Seite bekommen und Jahre später ihren einstigen Spielkameraden Kay doch noch aus dem Eispalast befreien. „Da saßen sie beide, erwachsen und doch Kinder, Kinder im Herzen“, schreibt Andersen, „und es war Sommer, warmer, wohltuender Sommer.“

Das Märchen von der Schneekönigin ist an Spannung, an Kinderglück, an Traurigkeit und Herzenswärme kaum zu überbieten. Es hat immer wieder Bildende Künstler, Theatermacher und Filmregisseure zur Gestaltung gereizt – illustrierend und variierend. Die jüngste Adaption kommt aus dem Hause Disney und geht mit der Märchenhandlung sehr frei um.

Chris Buck, der schon für „Arielle, die Meerjungfrau“ (1989) und „Pocahontas“ (1995) zeichnete, und Jennifer Lee, mitverantwortlich für das Drehbuch von „Ralph reichts“ (2012), haben einige Jahre an dem Animationsfilm „Die Eiskönigin“ gearbeitet. Er startet nun in die Adventszeit hinein, Familien werden in Scharen kommen, und für viele ist auch Erfreuliches dabei.

Wenn das Herz spricht und alles aufs Happy End zuläuft

So bedient der Film, der irgendwo in einem nordischen Reich am Meer spielt, in der Figurenzeichnung die unschuldigsten Barbie-Mädchenträumereien. Zwei ultraschlanke Prinzessinnen mit welpenhaften Riesenaugen stehen im Zentrum. Die eine, Elsa, trägt eine gefährliche Gabe im Herzen, durch die sie in einem unbeherrschten Moment alles um sich herum zu Eis erstarren lässt. Die andere, Anna, ist ihre liebende, doch lang schon vernachlässigte Schwester. Sie betrachtet Elsa nicht als Herrscherin, sondern als Gefangene des Eispalastes und möchte sie unbedingt befreien.

Zwei junge Männer stehen Anna zur Seite. Da ist ein heiratswilliger Prinz aus dem Nachbarreich. Übereifrig gesteht er Anna seine Liebe und singt mit ihr ein schmalziges Duett, wie es in der wirklichen Welt Andy Borg und Helene Fischer nicht schlimmer hinbekämen. Überhaupt wird viel gesungen im Film, manchmal auch ganz schön. Der Prinz handelt eigennützig, aber das erfahren wir erst später.

Der zweite Mann in Annas Welt ist Kristoff, der Eisfahrer. Das ist ein Kerl aus dem Volke, der Freundschaft mit Trollen pflegt, mit seinem hyperaktiven Rentier Sven spricht und durchaus über Charme verfügt. Er begleitet Anna durch Schneestürme und Eisregen, unterstützt sie und erkennt eher zufällig, dass er sie von Herzen mag.

Unterwegs begegnen sie der überraschendsten Figur dieser Neuerzählung, dem Schneemann Olaf. Er allein rechtfertigt in all seinen Szenen die Wahl der Mittel: CGI-Effekte und 3D-Technik. Denn er springt so quicklebendig herum, verliert sich im Überlebenskampf in seine Einzelteile und setzt sich mal ungeschickt, mal gekonnt wieder zusammen, dass es ein Vergnügen ist, rein wie Schnee. Hape Kerkeling gibt ihm in der synchronisierten Fassung die Stimme für die munteren Sprüche aus seinem großen Maul. Für ihn passt der Untertitel des Films: „Völlig unverfroren“.

Es wäre kein Märchenfilm, würde „Die Eiskönigin“ nicht ein Happy End haben. Bis dahin werden jüngere Kinder so manches Mal ängstlich die Augen geschlossen und erleichtert wieder geöffnet haben. Und erwachsene Kenner der Ursprungsgeschichte werden über manche moderne Spielerei geseufzt haben. Doch immerhin wird der Film im Verlauf schneller und origineller und vermag im Rahmen seines Konzepts zu überzeugen. Aber man braucht schon guten Willen, um zu diesem Urteil zu gelangen.

Die Eiskönigin – Völlig unverfroren

(Frozen) USA 2013. Regie: Chris Buck, Jennifer Lee; Drehbuch: Jennifer Lee nach einem Märchen von Hans Christian Andersen; deutsche Sprecher: Willemijn Verkaik, Leonhard Mahlich, Hape Kerkeling, Robert Palfrader. Animationsfilm, 103 Minuten, FSK o. A.