Die Entortung der Welt: Zum Debüt von Sinthujan Varatharajah

Von der Künstlichkeit des Natur-Begriffs bis zur Willkürlichkeit nationaler Grenzen. Dieses Buch erkundet Grenzen postkolonialer Diskurse. Eine Empfehlung.

Autor:in Sinthujan Varatharajah
Autor:in Sinthujan VaratharajahLilian Scarlet Löwenbrück

Jedes gelungene literarische Werk, schrieb die amerikanische Kritikerin Vivian Gornick, brauche einen Rahmen und eine Geschichte. Der Rahmen meint den Kontext oder die Umstände. Die Geschichte ist die emotionale Erfahrung des Schreibenden: die Einsicht, dass man etwas zu sagen hat. Diese Unterscheidung ist im Falle von Sinthujan Varatharajahs Debüt „an alle orte die hinter uns liegen“ wertvoll. Varatharajah legt eine dichte Abhandlung vor, die das Persönliche und das Politische auf eine Weise verschränkt, die durchaus als atemberaubend bezeichnet werden kann.

Die Menge an Orten, an die man hier durch ein einziges Foto gedanklich versetzt werden kann, ist überraschend. Auf den ersten Seiten betrachtet Varatharajah ein Foto von drei Elefanten und einer Frau, Varatharajahs Mutter, aufgenommen in einem Münchner Zoo in den 1990er-Jahren. Das Bild wird zum Ausgangspunkt einer Reise, die Ozeane, Kontinente und Inseln umspannt. Es ist eine Reise, auf der Grenzen aufgehoben werden – nicht nur zwischen Ländern, auch zwischen Lebewesen: Dinge, von denen wir glauben, dass sie Pflanzen, Tieren und das „Wilde“ von jenen zivilisatorischen Merkmalen unterscheiden, die allen voran der Mensch beansprucht.

Die Realität sieht anders aus. Historisch gesehen ist kein anderes Lebewesen im selben Maße zerstörerisch wie der Mensch – genauer gesagt, wie europäischstämmige Menschen, sei es durch wahllose Rodung, gezieltes Töten von Tieren oder die Verdrängung ganzer Ökosysteme, um Platz für Monokulturen zu schaffen. Die Anwesenheit von Europäer:innen scheint, glaubt man den Beispielen des Buchs, historisch so sehr mit Umweltzerstörung und Artensterben verbunden, als wäre es förmlich ein Naturgesetz – als könnten Europäer:innen nicht anders als zu unterwerfen.

Die Künstlichkeit dessen, was wir „Natur“ nennen

Auf die ersten Seiten, wo Varatharajah die Geschichte der Fotografie erkundet, folgt eine Einsicht: Der Rahmen wird durch das anfängliche Bild gesetzt, aber die Geschichte befasst sich mit viel mehr: mit der Künstlichkeit dessen, was Menschen „Natur“ nennen über die Heuchelei des modernen Umweltschutzes. Über den Unsinn von Grenzen, die Willkür von Zeit und Raum bis hin zur Allgegenwärtigkeit des Kolonialismus und der Dringlichkeit von Freiheit für alle Lebewesen.

Varatharajah, ein in Berlin lebende:r politische:r Geograf:in, ist einer über 36.000-köpfigen Followerschaft auf Instagram bekannt, wo er:sie die erwähnten Themen wie wenige andere bespielt, darüber hinaus mit wohltuender Alltagsästhetik kombiniert und Wissen auf eine Art vermittelt, wie man sie in formelleren Bildungsinstitutionen vergebens sucht.

Das Wertvolle dabei liegt, wie auch in den 350 Seiten dieses Buches, nicht nur in der kreativen Vermittlung, sondern auch in der Art und Weise, wie Varatharajah Fragen und Debatten miteinander verbindet. Selbst bei gut bekannten Phänomenen werden neue Dimensionen eröffnet. Das Zoos etwa eine koloniale Erfindung und in vielerlei Hinsicht noch heute problematisch sind, dürfte den meisten inzwischen klar sein. „Die Frage, warum Menschen in den Zoo gehen“, schreibt Varatharajah, beantworte jedoch nicht die Frage, „warum Menschen wie wir in diesen Zoo gegangen sind.“ Wer, weshalb, wo, warum und wie im Zoo stand, gebe „mehr Aufschluss über das Verhältnis vom europäischen Menschen zur Welt als über die Natur, die ausgestellt wurde“. 

Verbrechen gegen menschliche und nicht-menschliche Lebewesen

Das Schicksal von Elefanten und anderen, vermeintlich „exotischen“ Lebewesen in Zoos und botanischen Gärten sind für Varatharajah belastende Beweise eines über Jahrhunderte andauernden Verbrechens gegen nichtmenschliche Lebewesen und Menschen. Das zeitweilig auch Nicht-Europäer:innen in Zoos ausgestellt wurden – und manch ein Afrikafestival hierzulande noch immer in Zoos veranstaltet wird –, deutet nicht nur auf unsensible Kontinuitäten, sondern auch darauf, dass wir mehr daran interessiert sind, Illusionen über den angeblichen Beitrag von Zoos zur Erhaltung der Natur aufrechtzuerhalten, als uns damit auseinanderzusetzen, dass es auf dieser Welt kaum noch Natur gibt, die sich den Eingriffen des Menschen entzieht.

Was den Diskurs um koloniale Kontinuitäten betrifft, zeigt „an alle orte die hinter uns liegen“ eine neuartige Qualität der Analyse. Jenseits häufig besprochener Fälle wie dem Maji-Maji-Krieg oder British-Raj erfährt man etwa, das die libysche Stadt Ain Zara Opfer des ersten Luftangriffes einer damals im Entstehen begriffenen italienischen Luftwaffe wurde. Innerhalb wenige Jahre hatte sich die Kriegsführung aus der Luft so weit entwickelt, dass der Luftangriff in Guernica zur Blaupause für die sinnlose Ermordung von Zivilist:innen durch Flächenbombardements wurde.

Dass etwa wenige Jahre zuvor auch die äthiopische Stadt Harar einem Luftangriff Italiens zum Opfer fiel, spielte in der europäischen Wahrnehmung eine weitaus geringere Rolle. „Das Gedächtnis der Europäer*innen fing mit Europa an. Es hörte auch mit Europa auf“, schreibt Varatharajah. Anhand dieser Beispiele wird die Rolle von Kampfflugzeugen in Staats- und Kolonialkriegen erörtert. Varatharajah widmet mehrere Seiten dieses Buchs der Tatsache, dass auch Nicht-Europäer:innen kolonial agieren können. Da werden etwa die Gräueltaten des japanischen Kolonialismus thematisiert oder die des osmanischen Imperialismus – Themen, die hierzulande bislang kaum Eingang in postkoloniale Debatten gefunden haben.

Das Gros des Buches ist jedoch Eelam gewidmet, von wo aus Varatharajahs Eltern sich einst auf die Flucht machten. Hier zeigt sich Varatharajah am persönlichsten, wenngleich ohne Pathos. In ihrer Heimat war ihr Leben von einem Maß an Selbstbestimmtheit geprägt, bis die anhaltenden anti-tamilischen Pogrome, denen anti-tamilische Gesetze vorangegangen waren, in einen singhalesischen Gewaltexzess mündeten. An dessen vermeinlichem Ende waren tausende Tamil:innen tot – und ihre Hinterbliebenen vertrieben.

Geboren wurde Varatharajah als staatenloses Kind in einem namenlosen deutschen Asyllager sieben Tage nach Ex-Bundeskanzler Helmut Kohls sogenannter Tamilenregulierung, die sich zum Ziel gesetzt hatte, die Anzahl asylsuchender Tamil:innen in Deutschland zu beschränken. So wurde Varatharajahs Familie in Deutschland jahrelang nur geduldet und in Asylcamps „interniert“. Bei der Beschreibung dieses Themas kommt auch die deutsche Sprache an ihre Grenzen, die Varatharajah stets herauszufordern versucht. Im Nachwort heißt es: „Ich sah mich immer wieder mit dem Dilemma konfrontiert, dass meine Gedanken und Gefühle keinen Platz in dieser Grammatik fanden (...) dass meine Sinnordnung nicht der Sinnordnung dieser Sprache entspricht.“ Spuren dieser Auseinandersetzung ziehen sich konsequent durch dieses Buch, vom tamilischen Alphabet bis zum konsequenten Hinterfragen herkömmlicher Bezeichnungen.

Sinthujan Vartharajah: „an alle orte, die hinter uns liegen“. hanserblau, 352 Seiten, 24 Euro