Bevor der Film beginnt, müssen die Bilder das Laufen lernen. Wie täuscht man den Blick? Wie verschafft man dem Betrachter den Eindruck, dass aus unbewegten Bildern Bewegung entsteht? Bevor das Kino erfunden wurde, gab es schon zahlreiche Apparaturen zu diesem Zweck: Zoetrope und Praxinoskope, Phenakistiskope und Elektrotachyskope, Bilderstreifen in rotierenden Trommeln, Zauberräder, vertrackte Spiegelsysteme. Sie alle erzeugten den Eindruck eines lebenden Bildes, ein magischer Trick, den man zuerst auf Jahrmärkten fand. Fahrende Gaukler versetzten mit solchen Apparaturen die Zuschauer in Staunen und Schrecken.

Bevor Sam Raimi seinen Film „Die fantastische Welt von Oz“ beginnen lässt, wird der Betrachter mit den neuesten Mitteln des 3D-Kinos in die Welt der alten Animationsapparate versetzt. Was im Film auf ihn zukommt, sieht er im Vorspann als hyperrealistische Fiktion einer überholten Illusionstechnik. Darin klingt nicht nur die folgende Geschichte schon an, sondern auch die Ästhetik, in der Raimi sie zeigt. Es geht um die technische Produktion von Magie und um die Lust an Illusionen und am Betrogenwerden.

Zu dem Filmklassiker „Der Zauberer von Oz“ mit Judy Garland aus dem Jahr 1939 erzählt Raimi gewissermaßen die Vorgeschichte. Ein Jahrmarktsgaukler (James Franco), der sein Publikum unter anderem mit einem Illusionsapparat verschaukelt, wird von einer Windhose aus dem schwarz-weißen Kansas in die grellbunte Märchenwelt Oz gewirbelt. Deren Bewohner glauben in dem zwielichtigen Typen ihren Messias zu sehen: einen echten, lange ersehnten Zauberer, der sie von zwei bösen Hexen erlöst. So zieht der vermeintliche Zauberer nun auf einem gelben Ziegelsteinweg in den Kampf gegen die Hexe. Zu seinen besten Freunden werden ein fliegender Affe in einem Pagenkostüm und ein kleines Porzellanmädchen, dem brutal die Beine gebrochen wurden. Am Ende des Films wird man ihn dort finden, wo ihm einst auch Judy Garland begegnete.

Perfekte Täuschung

„Die fantastische Welt von Oz“ ist ein fantastischer Film, ein Farben- und Bilderrausch. Er bringt einem die herrlichsten Landschaften vors Auge, die märchenhaftesten Fabelwesen und drolligsten Freaks. Er tut dies unter Ausschöpfung sämtlicher Mittel, die einem die moderne Computer-Animation bietet und die Komplett-Überwältigungs-Technik der dreidimensionalen Projektion. Und doch – und das ist das Tollste daran – behauptet er nie, dass das von ihm Gezeigte „realistisch“ wäre. Das unterscheidet „Die wunderbare Welt von Oz“ von allen bisherigen 3D-animierten Blockbustern, sei es James Camerons „Avatar“ oder Tim Burtons „Alice im Wunderland“.

Hier wie dort ist die Animation makellos, unterscheiden die digital generierten Wesen sich kaum noch von den menschlichen Akteuren. Doch wie Raimi seine Landschaften ausmalt, wie er die Farben wählt und die Lichter setzt – darin zeigt sich ein individueller Stilwillen, wie man ihn im rein realismusverpflichteten 3D-Kino bisher kaum fand. Alles wirkt perfekt und zugleich erfunden, staunenswert neu und historisch geerdet. Erst glänzt die Welt von Oz in den satt-milden Farben alter Disney-Zeichentrickfilme, aber je näher die Reisenden dem Zauberschloss kommen, desto schöner schreien die Bilder im schrillen Technicolor des Originals. So wirkt dieser Stil zugleich alt und neu, und gerade dieser innere Widerspruch lässt die Bilder so reizend sein. Man macht beim Zusehen die gleiche Erfahrung, die man beim Blick durch ein Praxikonoskop machen kann: Das Auge wird perfekt getäuscht – und erkennt die perfekte Täuschung als solche. Wenig anderes erregt die Schaulust so stark wie diese Binnenspannung der Illusion.

Bei der US-amerikanischen Kritik ist der Film durchgefallen. Die Story sei schwach, hieß es, James Franco wirke deplatziert und durchlaufe keine nachvollziehbare Entwicklung. Stimmt alles. Freilich pflegte Franco bisher durchweg deplatziert zu wirken, egal was und mit wem er auch spielte; er ist geradezu ein Virtuose der ironischen Distanz zum eigenen Film. Die Art und Weise, in der er hier durch die Oz’sche Wunderwelt wandert und mit Flugaffen und Porzellanmädchen plaudert, erinnert an die menschlichen Gäste in der Muppet Show, die ja stets auch über sich selbst und den Unfug staunten, in den sie da geraten waren. Dieses, wenn man so will, gebrochene Spiel passt aber hervorragend in die gebrochene Fiktion des gesamten Films.

Und natürlich ist die Story weder überraschend noch psychologisch komplex. Aber seien wir ehrlich: Das galt auch schon für den ersten Oz-Film, der eher durch Judy Garland, ihre roten Schuhe und die prächtigen Technicolorlandschaften im Gedächtnis geblieben ist. Und es galt übrigens auch schon für die literarische Vorlage von L. Frank Baum, die ihren Erfolg nicht zuletzt den Illustrationen von William Wallace Denslow verdankte, oder positiver gesagt: genau dem Umstand, dass die von Baum erschaffene spezielle Mischung aus Märchenwelt und Modernität so stark auf die imaginäre Vorstellungskraft wirkte.

Wer eine gute Geschichte will, kann auch ein gutes Buch lesen. Sam Raimi erinnert uns stattdessen daran, worin die Kraft und das Wesen des Kinos bestehen: in der Erfindung von Bildern und der Reizung des Blicks, in der stilvollen Überwältigung des Betrachters durch Sensationen und der Aufklärung darüber, dass die Dinge nicht so sind, wie sie erscheinen.

Die fantastische Welt von Oz USA2013. Regie: Sam Raimi, Kamera: Peter Deming, Produktionsdesign: Robert Stromberg, Darsteller: James Franco, Mila Kunis u. a.; 130 Minuten, Farbe. FSK o. A. Ab Donnerstag im Kino.