August 1945: Trümmerfrauen schaffen Schutt weg, im Hintergrund die Siegessäule.
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BerlinDer Regisseur Volker Heise hat mit seinem Team Tagebücher aus den letzten Kriegsmonaten Berlins ausfindig gemacht, darunter Aufzeichnungen von Schriftstellerinnen ebenso wie die eines Bürolehrlings oder eines zwangsverpflichteten französischen Chirurgen. Dieser vielstimmige Chor begleitet und kontrastiert die Archivbilder der Sieger und Besiegten, Filme, die fast immer mit einer klaren Wirkungsabsicht gedreht wurden. Wir treffen uns zum Gespräch in einem Park beim RBB in Berlin-Charlottenburg.

Herr Heise, zu Beginn hört man Ihre Stimme, während Bilder der noch weitgehend unversehrten Metropole zu sehen sind. Sie kommentieren die Aufnahmen mit Fakten über Konzentrationslager, Zwangsarbeit. Warum war Ihnen diese Einführung wichtig?

Volker Heise: Die Zuschauer brauchen erst einmal eine Orientierung. Sie müssen wissen, wo sie sich befinden, in welcher Zeit, an welchem Ort. Wir beginnen im Dezember 1944. Die Alliierten sind schon längst an den deutschen Grenzen, aber in der Stadt denkt noch keiner darüber nach, was das bedeutet. Ich habe mit diesen ersten Sätzen aber auch den Hinweis gegeben: Traut den Bildern nicht.

Weil es Propagandabilder sind?

Es ist alles Propagandamaterial. Mal für eine gute, mal für eine sehr schlechte Sache. Auch das amerikanische Material ist Propagandamaterial, ebenso wie das französische, britische und russische. Für einen bestimmten Zweck gedreht und auf einen bestimmten Effekt hin ausgerichtet. Das beginnt schon mit dem Standort der Kamera,  der steuert den Blick. Wir haben dem Filmmaterial zuerst Stimme und Musik entzogen, um zu sehen, was uns die Bilder dann noch erzählen. Im Grunde haben wir die Propagandabilder dekonstruiert und neu zusammengebaut. Die Richtschnur für dieses neue Zusammenbauen waren die Tagebücher. Denn die bieten die Möglichkeit, der Wirklichkeit des Jahres 1945 auf die Spur zu kommen. Die Bilder tun das erst einmal nicht.

Die Bilder entfalten eine starke Sogwirkung, gerade die der russischen Kameraleute.

Ja, sie wussten wie man ein Bild komponiert. Die 38 Kameraleute, die mit der Roten Armee nach Berlin kamen, hatten einen klaren Auftrag: Berlin war für Stalin die Beute schlechthin. Am liebsten hätte er sie als Trophäe durch Moskau getragen. Da das nicht ging, sollten die Kameramänner die Eroberung aufnehmen. Keine drei Wochen nach der Kapitulation Deutschlands war der Film fertig. In Berlin lief er schon im Juli. Natürlich kamen in diesem Film keine Vergewaltigungen vor. Keine Bilder aus den Luftschutzkellern. All das, was die jeweiligen Machthaber nicht im Bild haben wollten, kam auch nicht vor. Das mussten wir von der Gegenseite hereinspielen, um auch den Schrecken zu fassen.

Verwenden Sie deshalb auch Aufnahmen aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen?

Wenn man mit den Bildern nur in Berlin bleibt, kriegt man eine Dimension nicht zu fassen, nämlich die, dass Berlin das Zentrum des Schreckens war, dass er sich dort aber nicht abgespielt hat. Wie schafft man es, den Schrecken dorthin zurückzubringen, wo er veranlasst wurde? Schließlich bin ich auf die sehr direkte BBC-Hörfunkreportage von der Befreiung von Bergen-Belsen gestoßen, die konnte man auch in Berlin hören. Ich hielt es für notwendig, dazu auch die Bilder zu zeigen. Auch um der Larmoyanz, die in vielen Tagebuchaufzeichnungen enthalten ist, etwas entgegenzusetzen. Selbst hochreflektierte Leute waren unglaublich larmoyant und haben nicht begriffen, was sie alle zusammen der Welt angetan haben.

Sie machen auch diese Stimmen hörbar.

Man darf nicht so tun, als hätte es die nicht gegeben. Uns war es wichtig, den Film multiperspektivisch anzulegen. Wir hören Stimmen, die sich freuen, dass Berlin in Schutt und Asche geht, weil das für sie die Befreiung bedeutet. Wir erzählen, dass die meisten Berlinerinnen und Berliner das anders erlebt haben, nämlich nicht als Befreiung, sondern als Niederlage. Fast alle Tagebücher gehen davon aus: Jetzt sind wir verloren. Man findet selten eine selbstkritische Stimme, die sich fragt, was haben wir da eigentlich getan?  

Wie hat Ihre Familie den Zweiten Weltkrieg erlebt?

Mein Vater war bei Kriegsende  vierzehn, meine Mutter acht. Sie haben zu viel gesehen und erlebt, zu viele Verluste erlitten. Der Vater, der nicht aus dem Krieg kam, die dunklen Flecken, über die man nicht sprach. Mein Vater hat sich bis zu seinem Tod dafür geschämt, einmal Hitlerjunge gewesen zu sein. Ich habe 1979 zusammen mit meiner Mutter die TV-Serie „Holocaust“ gesehen, und da fing sie plötzlich an zu weinen. Sie hat sich daran erinnert, dass sie als Kind gesehen hat, wie auf den Straßen Juden zusammengetrieben worden sind. Das war in einem kleinen niedersächsischen Dorf. Es gibt Erinnerungen, die verkapseln sich, wirken aber lange nach. Gespenster, die einen heimsuchen.

Wie sind Sie an die Tagebücher gekommen?

Vieles findet sich in der Akademie der Künste, in den Sammlungen des Schriftstellers Walter Kempowski. Manche Tagebücher wurden sehr viel später veröffentlicht, wie das von Brigitte Eicke. Sie war 1944 knapp sechzehn, machte eine Bürolehre und schrieb Tagebuch, um Steno zu üben. Später hat sie es transkribiert, weil sie Schreibmaschine lernen wollte. Das ist ein sehr wertvolles Dokument, weil es so ehrlich ist. Sie war einfach ein junges Mädchen, das sich für das interessierte, was junge Mädchen eben damals so interessierte: Jungs, Tanzen, Kino, und dann kam dieser Scheißkrieg dazwischen. Gut, in der NSDAP war sie auch, aber das war ihr gar nicht so wichtig.

Traudl Junge, die durch den Film „ Im toten Winkel - Hitlers Sekretärin“ bekannt wurde, sagt dort, sie habe sich lange Zeit mit ihrer „Jugend“ entschuldigt. Bis ihr klar wurde, dass Sophie Scholl sogar ein Jahr jünger war als sie. Es gibt immer auch die anderen.

Brigitte Eicke war unbedarft. Und ich würde sagen, so sind achtzig Prozent der Leute. Unbedarft, immer gucken, dass man gut durchkommt, und wenn alles zusammengebrochen ist, geht man eben plündern. Im Juli 45 schreibt sie dann: Jetzt bin ich bei der Antifa. Und die machen das gleiche wie die anderen. Es zieht sich so durch und widerlegt damit auch die Floskel von der Stunde Null. Es gab keine Stunde Null.

Waren die Tagebücher „unbedarfter Leute“ die lohnendere Quelle für Sie?

Ja, weil sie eins zu eins sind. Die schreiben nicht, um vor der Welt gut dazustehen. Das Tagebuch der Journalistin Marta Hillers, deren Buch „Anonyma – eine Frau in Berlin“ erst 2003 bekannt wurde, ist dagegen für die Nachwelt geschrieben. Ursprünglich wollte ich daraus viel verwenden, aber wenn man das Original mit der späteren Veröffentlichung vergleicht, sieht man, dass sie mehr als die Hälfte dazugeschrieben hat. Sie hat Jahre nach dem Krieg eine Reflexionsebene eingeschoben, die sie vorher gar nicht hatte. Unser Ziel war aber, die Stimmen aus der Vergangenheit zum Sprechen zu bringen, nicht die Stimmen über die Vergangenheit. Es ging uns nicht um spätere Erinnerungen, sondern um das Unmittelbare. Wir wollten Gespensterstimmen zum Klingen bringen.

Dazu gehören auch die Briefe der untergetauchten Berliner Jüdin Alice Löwenthal. Ihr Mann und ihre beiden kleinen Töchter wurden ermordet. Wie sind Sie an dieses Dokument gekommen?

Über die Gedenkstätte „Stille Helden“. Alice Löwenthal wurde von einem kommunistischen Ehepaar versteckt. Sie hat später den Sohn dieser Familie geheiratet und mit ihm noch eine Tochter bekommen, Eva, die bis heute in Berlin lebt. Sie verwahrt die unveröffentlichten Briefe, die Alice Löwenthal aus ihrem Versteck heraus an ihren ersten Mann gerichtet hat, ohne sie abzuschicken. Briefe ins Nirgendwo. Ich weiß nicht, was ich ohne diese Briefe gemacht hätte, der Film wäre zusammengebrochen.

Was haben uns die Kriegstagebücher heute zu sagen?

Man kann an ihnen nachverfolgen, wie ein Ereignis zum Zustand wird. Und darin, aber nur darin, kann man eine Parallele zur jetzigen Situation sehen. Bei den ersten Bombenangriffen im Jahr 1942 war der Krieg noch ein Ereignis. Aber mit den schweren Angriffen vom März und April 1945 wurde er zum Zustand, den man nur noch notiert.

Berlin 1945 – Tagebuch einer Großstadt 

5. Mai 2020, 20.15 Uhr, Arte, 8. Mai, 20.30 Uhr, RBB