Optimistisch: Das Cinema Paris am Kurfürstendamm …
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BerlinDer 14. März 2020 war ein Sonnabend, der beste Kinotag der Woche. In der Spätvorstellung der Berliner Brotfabrik saßen allerdings nur wenige Horrorfilm-Fans vor der Leinwand. Gezeigt wurde „Die Farbe aus dem All“, die Adaption eines Grusel-Klassikers von H.P. Lovecraft. In diesem Film landet im Vorgarten einer amerikanischen Kleinfamilie ein vermeintlicher Komet. Doch in Wahrheit verbergen sich Außerirdische dahinter, die Schritt für Schritt die Herrschaft über den Garten, das Haus, die Straße und bald die ganze Welt übernehmen werden.

Unfreiwillig passte das Thema zur aktuell-pandemischen Situation. Plötzlich ging das Saallicht an, aufgerüstete Polizisten brachen die Vorführung ab. Dass das wenige Stunden vorher vom Senat verabschiedete Maßnahmenpaket zu weitgehender Kontaktsperre derart rabiat durchgesetzt wurde, stellt wohl eher eine Ausnahme dar.

Sakrale Erfahrungen

Nach tagelangem Zögern und widersprüchlichen Aussagen hatte sich die Berliner Landesregierung nun zum Handeln entschlossen. Die Zeichensetzung war eindeutig. Vor allem Gastronomen und Veranstaltern wurde damit die Dringlichkeit einer völlig neuen Situation bewusst gemacht. Mit der Schließung aller Filmtheater steht das Kino im 125. Jahr seiner Existenz vor der größten Herausforderung seiner Geschichte. Wie geht es jetzt weiter? Geht es überhaupt weiter?

Zunächst herrscht der totale Stillstand, da gibt es nichts zu beschönigen. So verständlich spontane Ideen für Online-Vorführungen oder gar Online-Festivals auch sind: Kino ohne Publikum funktioniert nicht. Genauso wenig wie dies Ausstellungen, Konzerte, Lesungen oder Theateraufführungen tun, auch Gottesdienste nicht. In der Bildschirm-Einsamkeit wird sich niemals ein vergleichbares Gefühl gemeinsamer Begeisterung (möglicherweise auch der Enttäuschung) einstellen. So werden wir in diesem Moment der Krise auch daran erinnert, dass gemeinsame Kulturerfahrung noch immer etwas Sakrales an sich hat.

Funktionsfähig bleiben

Der Ursprung kollektiver Öffentlichkeit im Archaisch-Rituellen dämmert auf. Nein, das Kino als sozialer Erfahrungsraum und als mediales „Sanktuarium“ (Amos Vogel) lässt sich durch keine digitale Simulationen ersetzen. Deshalb wird es nach dem aktuellen Einschnitt auch weiter existieren. Es gilt nun, den gegenwärtigen „worst case“ einer zeitlich noch völlig unberechenbaren Zwangspause zu überstehen und dabei doch funktionsfähig zu bleiben. Sobald dies möglich ist, muss es weitergehen. Hier bedarf es nach dem ersten Schock eines nüchternen Blicks auf die unmittelbare Zukunft.

Die Berliner Kinolandschaft ist die vielfältigste in Deutschland. 2019 gab es hier 96 Standorte mit 284 Leinwänden. 2019 ging jeder Berliner laut Filmförderungsanstalt   durchschnittlich 2,52 Mal ins Kino, das ist deutschlandweit Spitze. Im Bundesdurchschnitt beträgt diese Quote nur 1,43. Unter den fast hundert Berliner Lichtspieltheatern gibt es alle möglichen Profile und Eigentumsformen: global tätige Konzerne, Programmkinoketten, kommunale Häuser, Einzelbetriebe und   Freilichtbühnen. Gefährdet sind nicht nur die Betriebe selbst, sondern auch die Lebensentwürfe der Betreiber und ihrer Familien.

Differenzierte Maßnahmen

So vielfältig diese Szene ist, so differenziert müssen die Rettungsmaßnahmen ausfallen. Vor allem im Umfeld der kleinen Kinos währte die Schockstarre nur kurz. Schon wenige Stunden nach der Schließung gab es Hilfsangebote von Stammgästen, Spenden gingen ein, Gutscheine und Ticketpakete für „die Zeit danach“ brachten teilweise vierstellige Beträge in die Kassen.

Als unmittelbare Partner in der Verwertungskette entwickelten einige, ebenso vom Stillstand betroffene Filmverleiher solidarische Ideen. So wurden Filme, die kurz vor dem Kinostart standen und für die bereits Einsätze vereinbart waren, auf Online-Verwertungsportale gestellt – die Einnahmen sollen mit den Kinos aufgeteilt werden. Mehr als 70 Berliner Betreiber haben unter dem Motto „Fortsetzung: folgt“ zu einer gemeinsamen Crowdfunding-Kampagne aufgerufen.

Medienboard hat reagiert

Bei diesen Aktionen handelt es sich um wichtige symbolische Handlungen, ihr Effekt dürfte eher ein kurzfristiger und ideeller sein.

Natürlich steht die Politik in der Pflicht. Das Medienboard Berlin-Brandenburg hat schnell und unbürokratisch reagiert. Allen Kinos der Region, die gerade einen Antrag auf Preise für das Jahresprogramm 2019 gestellt haben, erhalten sofort eine pauschale Unterstützung von 10.000 Euro. Diese auf Länder- und Bundesebene jährlich vergebenen Preise bilden überhaupt die einzigen Zuschüsse, die in Deutschland den Kinos gewährt werden.

Während in die Filmproduktion jährlich viele Millionen Euro Steuer- und Beitragsgelder fließen, müssen jene Orte, an denen die fertigen Filme dann abgespielt werden, das Risiko dafür selbst tragen.

Das muss sich ändern. Leider ist davon noch nichts zu merken. In der jüngsten Pressemitteilung der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien, Monika Grütters, werden für Filmproduktion und -verleih jeweils zehn Hilfsmaßnahmen angekündigt, für den Kinobereich lediglich zwei. Und diese sind zudem völlig unverbindlich formuliert.

Unser Autor Claus Löser kuratiert das Programm im Berliner Kino Brotfabrik.