Wie der Name sagt, geht es bei Footwork um Beinarbeit. Was man nicht unbedingt ahnt, wenn man den Tanzstil aus Chicago nicht kennt, ist der unmäßige Wirbel, den die Füße veranstalten müssen, um den rappelnden, hypersynthetischen Drums zu folgen – und welch mentale Koordination dazugehört, sich unter den begleitenden Stimm,- Melodie- und anderen Geräuschfetzen die Gräten nicht zu brechen oder den Boden von den heranrollenden, schweren Subbässen wegziehen zu lassen.

Dies ist das musikalische Milieu, in dem Jerrylin Patton vor rund zehn Jahren angefangen hat, unter dem Aliasnamen Jlin ihre harten, minimalistischen Tracks zu produzieren. Aber mit dem angestammten Zweck der Musik hat ihr gerade erschienenes zweites Album „Black Origami“ nicht mehr viel zu tun – statt Dancefloorfunktionalismus erlebt man hier zunächst mal nur interesseloses Wohlgefallen am Beat an sich.

Von Melodie bereinigt

Jlin, die am Donnerstag im Berghain auftritt, hat ihre Tracks eigentlich von allen melodischen Anhaltspunkten gereinigt und taucht umso tiefer in die rhythmische Organisation und die Arrangements von Samples aus Stimmen und Instrumenten, die jedoch stets vor einem perkussiven Horizont eingeschnitten werden. Als erster Eindruck fehlt daher natürlich die Farbe. Aber wie vielfältig und intensiv gestaltet sie die Schattierungen dieses schroffen Monochroms aus Rasseln, Klöppeln und Bollern, Zischen und Rattern!

Krasse House-Mutation

Footwork ist ungefähr so alt wie die Künstlerin selbst, die 1987 in Gary, Indiana geboren wurde – rund 30 Kilometer von Chiacgo entfernt, dem Epizentrum des Footwork, von dem sie sagt, dass sie ihm schon mit vier Jahren verfallen, dessen Partyszene sie aber auch als Teenager eher fern geblieben sei.

Bis vor ein paar Jahren spielte der Stil andererseits auch keine Rolle in der sozusagen öffentlichen Dancefloorwelt. Es handelte sich um ein weitgehend lokales Phänomen – eine besonders krasse Mutation von House, das bekanntlich in Chicago miterfunden wurde.

Die erste Welle

2010 schwappte eine erste Welle in die weiteren Clubkreise, nicht zuletzt durch zwei eindrucksvolle Kompilationen des britischen Labels Mu, worauf auch Jlin erstmals mit einem Track namens „Erotic Heat“ auffiel. Als neue Klangfarbe in der stets morphenden Bassmusik wurde das Genre, wie man das seit House und Techno kennt, in Europa mit mehr Enthusiasmus begrüßt als in den USA – Footwork sei „der Kaugummi unter dem Schuh der Mainstream-Elektronik“, zitierte 2011 das Online-Magazin pitchfork einen Chicagoer DJ.

Jlin lehnte sich schon mit ihrem Debüt „Dark Energy“ aus dem Clubrahmen heraus und bot eine recht eigenwillige, düstere Version der bevorzugten Muster an. Sie selbst zieht die Verbindung nicht, aber wenn man will, kann man durchaus sowohl das abgebrochene Mathestudium wie die Erwerbstätigkeit in den Stahlfabriken ihrer Heimatregion als Grundlage für den abstrakten, harten Ton sehen.

Keine territorialen Grenzen

Ein gutes Stichwort lieferte sie wiederum selbst auf dem letzten Album mit einem Track namens „Black Ballett“. Für „Black Origami“ wurde sie, so erzählt es Jlin, von der Arbeit mit der indischen Choreografin Avril Stromy Unger inspiriert und derzeit schreibt sie die Musik für die „Autobiography“ des hochdekorierten britischem Ballettkünstlers Wayne McGregor.

Dass sie künstlerisch nicht an territoriale Grenzen glaubt, erkennt man auch an den Gästen dieses Albums, zum Beispiel dem Minimal-Komponisten William Basinski, der mit seinen mehrteiligen „Disintegration Tapes“ aus verrottenden Tonbändern bekannt wurde; oder die Elektronikerin Holly Herndon, die mit akademischem Hintergrund an den Grenzen von Folk und Elektronik experimentiert.

Viele Einflüsse

Hört man wiederum unter die nur scheinbar hermetische Percussionsebene, entdeckt man, dass das „Black“ im Titel nicht nur über die Footwork-Clubs, sondern auch die westliche Sphäre hinausreicht. Auf dem Cover sieht man einen gefalzten afrikanischen Origami-Elefanten aus Metall, die Stimmschnipsel des Albums reichen von opernhaften Anklängen zu Kinderstimmen und fremdartiger Folklore, die Beats decken allerlei Clubgegenden aber auch deutlich afrikanisch-tribalistische Drumstile ab.

Überall brodelt noch immer die dunkle Energie des Debüts. Aber nun wirkt Jlins Musik ein bisschen wie der Elefant des Covers, der trotz des harten, kalten Materials seltsam filigran und hochbeweglich scheint.