Johanna Diehl-: „ Mars“, 2019, Filmstill/ Video
Foto: Galerie Wilma Tolksdorf Frankfurt/Berlini/Johanna Diehl

BerlinArte kürte Johanna Diehl unlängst zur „Archäologin der jungen deutschen Fotografie“.  Im Haus am Waldsee begann soeben ihre erste Solo-Schau in einer Berliner Kunstinstitution. Von Wand zu Wand erschließt sich einem, wie es zu diesem Superlativ kommt.

Die Hamburgerin, Jahrgang 1977, überschreibt ihre aufs Konzeptionelle und zugleich Geistig-Sinnliche setzende Bildversammlung mit „In den Falten das Eigentliche“. Sie bezieht sich auf ein Zitat Walter Benjamins, der sich zeitlebens mit dem Archäologischen der Geschichte beschäftigt hat. Das Eigentliche, schließt Diehl daraus, liege in den Falten der Erinnerung.

"Visuelles Begreifen" ohne Pathos und Dramatik

Die Großnichte des Documenta-Gründers Arnold Bode, machte dessen Maxime vom „visuellen Begreifen“  – den Umgang mit Bildern, die das Denken als dialogisches In-Bezug-Setzen – auch zu der ihren. Spiegeln sich bei Benjamin die philosophischen und politischen Probleme kulturwissenschaftlichen Denkens um 1930 im Spannungsfeld zwischen kritischer Theorie und Historismus, so spürt Diehl das Verdrängte, schon Vergessene im jüngeren Gedächtnis der Deutschen auf.

Sie findet damit zu Bildern, die ohne Pathos, Dramatik, ohne Effekte feststellen, wie es ist. Nicht, wie man es sich wünschte. Johanna Diehl ist offensichtlich darauf aus, dass wir Betrachter aus diesen an den Wänden des Zehlendorfer Kunsthauses zunächst verwirrend zueinandergefügten Lebensräumen auch so etwas wie Biografien lesen.

Ihre nüchtern-suggestiven Motive zwingen einen, genau hinzusehen, ihr Interpretationsangebot anzunehmen, dann mit eigenen Assoziationen weiterzutreiben.

Sie moralisiert nicht, klärt nicht mal auf. Nichts ist erwartbar, umso mehr irritierend. Zu fragmentarisch ist die Motivanordnung, etwa einer absurden Art von Unterschenkelprothese wie aus einem surrealistischen Film.

Johanna Diehl: „ Objekt“ (Kostümteil aus der Kresnik- Inszenierung „Hänsel und Gretel“ 1995, Volksbühne  Berlin)
Foto: Galerie Wilma Tolksdorf/Johanna Diehl

Dabei entstammt das Objekt einer Kresnik-Inszenierung des Grimm-Märchens „Hänsel und Gretel“ 1995 an der Berliner Volksbühne. Darin ging es um deutsche Geschichte, Verdrängung, um fatale, schmerzhafte Leerstellen. Hier sei noch erwähnt, dass neben der Prothese, noch Fotos von Perücken und einer martialischen Maulsperre, halb medizinisches Gerät, halb Folter-Instrument, platziert sind.

Daneben schälen sich „aus den Falten der Erinnerung“ Aufnahmen von Wohnräumen heraus: kitschig pompöse Interieurs, dunkles Holz aus der Zeit vor dem Krieg, schlichte weiße Wohnzimmer danach, die an die pragmatische Zeit und die hellen Hoffnungen erinnern, denen die Wirtschaftwunder-Bundesrepublik anzusehen ist. Das gilt auch für Architekturen. Und für die Urlaubsbilder aus dem Familienalbum.

Diehl fotografierte zudem analoge Apparate wie Artefakte. Etwa die Ausstattung eines Tonstudios, für Radios, die nach dem Krieg die Welt in die deutschen Wohnzimmer holten, in denen sich wieder (klein-)bürgerliches Leben berappelte.

Bilder gegen Traumata der Vergangenheit

Sie grub für diese Fotos in privaten Archiven, wertete den Nachlass, auch die Tagebücher ihrer Großeltern und aus dem ganzen, großen Familienkreis aus. Und stieß dabei auch auf Traumata der Nazi-Vergangenheit. Der Vater der Künstlerin hatte sich mit 39 Jahren das Leben genommen.

Um das tragische Geschehen manifestierte sich in der Familie bleiernes Schweigen. Auf die Mauer der Sprachlosigkeit reagiert Diehl heute mit gestochen scharfen Fotos von körperlosen Organen.

Die drastischen Requisiten der Kresnik-Ins zenierung dienen auch als krückenhafte, bedrohliche Leerstellen für den abwesenden Vater.   Das Konzeptuelle, zugleich Packende ihrer Kunst kulminiert  in den im Saal direkt gegenüber laufenden Filmen „MARS“, 2019 – nach dem autobiografischen Kultbuch des Schweizer Schriftstellers Fritz Zorn.

Mein Bild der Woche

Die Künstlerin: Johanna Diehl, geboren 1977 in Hamburg, studierte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig bei Timm Rautert und war Meisterschülerin von Tina Bara. Zudem besuchte sie an der École nationale supérieure des beaux-arts de Paris die Klassen von Jean-Marc Bustamante und Christian Boltanski und arbeitete mit dem ukrainischen Gastprofessor Boris Mikhailov an einem Projekt in Odessa. Sie lebt in Berlin.

Die Ausstellung:
„In den Falten das Eigentliche“ im Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, läuft bis 23. Februar, Di–So 11–18 Uhr. Der Katalog  ist ab 15.Januar erhältlich im Verlag der Buchhandlung Walther König: 24 Euro
www.hausamwaldsee.de

Die Handlung ist eigentlich keine: Ein wie vom Veitstanz besessener, halb nackter Mann bewegt sich in eks tatischen Verrenkungen in einem modern gestylten Raum. Gegenüber erklingen „7 Etüden für präpariertes Klavier“.

Wieder erinnert das an Kresniks Tanz-Theater. Während die hohen Töne den Flügel frei verlassen, sind die tiefen Töne gefangen, die Tasten absurd und brutal eingeklemmt von Gummi- und Metallsperren und Leder-Falten – der Klang nur noch dumpfe Erinnerung.