Die Frau, die da unerwartet vor der Tür steht, ist die Liebe von damals. Frank hat seine Treueschwüre längst vergessen, 24 Jahre sind eine lange Zeit. Was meint dieses „Für immer Dein!“ schon, wenn man neunzehn ist und das Leben als leeres Buch vor einem liegt? Wie Frank Romy verließ, ist gewissermaßen sein erster, nicht eben rühmlicher Eintrag. Es müssen ein paar weitere gefolgt sein, auf die er ebenfalls wenig stolz sein kann.

Die Familie, die Frank (Devid Striesow) mit Claudia (Anna Loos) gründete, muss das Land verlassen, weil der Investmentberater einen Klienten erst in den Ruin und dann in den Suizid getrieben hat. In Toronto werden Frank und Claudia mit ihrem 17-jährigen Sohn Alex (Jonas Nay) noch einmal ganz von vorne anfangen. Die Umzugskisten sind schon gepackt, gleich morgen früh geht es los. Romy, die Frau von früher, wird sie nicht aufhalten können, das macht Claudia ihr unmissverständlich klar. So könnte das Auftauchen der „Frau von früher“ eine Episode bleiben, würde Alex deren leblosen Körper nicht wenig später wieder in Wohnung schleppen.

Dem Stück, 2004 am Wiener Akademietheater uraufgeführt, tut die Bühne gut. Im Theater, wo die Ab-straktion Teil der Inszenierung ist, nimmt das Publikum bizarre Zufälle und gewollte Synchronizitäten leichter hin als im Film. Drehbuchautor Stefan Kolditz hat für das Bühnenstück deshalb eine Übersetzung angefertigt, die Regisseur Andreas Kleinert alle Möglichkeiten zur filmischen wie theatralen Inszenierung eröffnet.

Interessanterweise lässt Kleinert die Männer naturalistisch spielen, obwohl sie die jämmerlichen (Lebens-)Lügner sind. Devid Striesow als Frank und Jonas Nay als sein Sohn Alex entwerfen ihre Figuren als glaubwürdige Charaktere, die Frauenfiguren handeln dagegen oft sehr künstlich, weil unerklärlich. Anna Loos als Claudia und Paula Kroh als Alexanders erste Liebe Nora, vor allem aber Ursina Lardi als der „Frau von früher“ überhöhen ihr Spiel ins Dramatische, wo immer es geht. Sie heben damit die Handlung aus dem konkreten Spielraum des Ehedramas in den abstrakten Denkraum einer Gedankenübung: Was macht die Zeit mit der Moral?

Schon die Bühnenversion des Dramatikers Roland Schimmelpfennig setzte die Chronologie außer Kraft: Schlaglichtartig nimmt er oft zunächst den Höhepunkt einer szenischen Entwicklung vorweg. Diese Spotlights unterbrechen das Wenn-Dann des Handlungsflusses wie ein Verfremdungseffekt, der Distanz zum Geschehen möglich macht. Auch Kolditz Filmfassung folgt diesem asynchronen Erzählen. Wir sehen eine Lüge, eine Ohrfeige, eine krasse Verächtlichmachung. Kaum fragt sich der Zuschauer, wie es dazu kommt, wird die Szene noch einmal aufgegriffen und um die Vorgeschichte erweitert. Was eben noch als unwahrscheinlich wirkte, ergibt sich nun plötzlich folgerichtig aus der Vergangenheit.

Als „Die Frau von früher“ uraufgeführt wurde, verwiesen die Theaterkritiker auf die vielen Medea-Motive. Tatsächlich webt Schimmelpfennig das Medea-Motiv bis hin zum Kindsmord in sein Kammerspiel ein, das aber von Stefan Kolditz nicht mehr als unaufhaltsamer Rachefuror, sondern als nachvollziehbarer Akt der Notwehr erzählt wird. Vielleicht wird im Krimi-Medium Fernsehen der Theaterstoff schon aufgrund der Sehgewohnheiten unmerklich zum Thriller, in dem jedem Mord ein Mörder, jedem Täter ein Motiv zugeordnet werden muss.

Diese Abweichung, die Kolditz hier womöglich mit Rücksicht auf das Fernseherzählen vorgenommen hat, ist in sich konsequent, verändert aber die Charakterstudie der „Frau von früher“ immens. Romy handelt im Fernsehfilm nun nicht mehr so mutwillig wie in der Theatervorlage, Ursina Lardi spielt sie entsprechend nicht wie von Wahnsinn getrieben, sondern wie von einem ausgeklügelten Racheplan gelenkt. Das macht ihr Handeln freilich nicht weniger beängstigend. Wer sich diese herausragende Theateradaption angesehen hat, wird sich künftig jedes „Für immer Dein!“ zwei Mal überlegen.

Die Frau von früher, 22.35 Uhr, Arte