Janis Joplin mit ihrem berühmten Porsche.
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Ende der 1970er-Jahre sendete ein irischer Radiosender einen Spot zur Aufklärung über die Gefahren des Alkoholmissbrauchs. Die Kampagne war mit einem Song von Janis Joplin unterlegt, über die eine Stimme aus dem Off berichtete, dass sie ein wenig pummelig und schüchtern gewesen sei („a little fat, a little shy“). Das Wort „shy“ wurde für den Reim benötigt, der da lautete: „If you drink, don’t die.“ Alkohol kann bekanntlich tödlich sein.

Die Kampagne zielte auf jugendliche Hörer und baute dabei auf eine Kollision der Emotionen. Einerseits gehörten die Lieder der fast zehn Jahre zuvor an den Folgen ihres Drogenmissbrauchs gestorbenen Bluessängerin aus Texas zum Gefühlshaushalt einer Zeit, in der noch immer Schlagworte wie Liebe und Freiheit zählten. Klar war aber auch, dass die Heroen der frühen Jahre wie Jimi Hendrix, Jim Morrison und Janis Joplin der selbstzerstörerischen Kehrseite jener exzessiven Selbstbestimmungssuche zum Opfer gefallen waren.

Die 1943 in Port Arthur in Texas geborene Janis Joplin war eine Getriebene ihres Freiheitsdrangs. Sie litt in ihrer Kindheit an einer starken Akne und wurde deswegen früh zu einem Mobbingopfer ihrer Mitschüler. Das änderte sich auch nicht, als sie 1962 ans College kam, wo Studenten sie zum „hässlichsten Mann auf dem Campus“ wählten. Eine Idee politischer Korrektheit, die in diesem Fall auch ein Schutz hätte sein können, existierte noch nicht.

Aber Janis Joplin verfügte über ein Talent, das sie nach ihrem Tod am 4. Oktober 1970 zur bedeutendsten weißen Bluessängerin werden ließ – in einer Zeit, in der insbesondere die Popmusik vorwiegend männlich dominiert war. Bei ihrem Auftritt auf dem legendären Woodstock-Festival war Janis Joplin stark alkoholisiert, weshalb ihre Plattenfirma sich nach ihrem Tod verweigerte, die Konzert-Aufnahmen freizugeben. Berühmt wurde indes ein Zitat, in dem sie voller Begeisterung das Generationenerlebnis auf den Punkt brachte: „Früher waren wir nur wenige, jetzt gibt es Massen und Massen und Massen von uns.“

Es war nur ein sehr schmales, vom schwarzen Blues der Bessie Smith inspiriertes Werk, das Janis Joplin hinterließ. Ihr drittes Album „Pearl“, mit Hits wie „Cry Baby“, „Mercedes Benz“ und „Me And Bobby McGee“, erschien bereits posthum. Die größte weiße Bluessängerin starb, ehe sie ihr musikalisches Vermögen auch nur ansatzweise entfalten konnte. Es ist eine bemerkenswerte Koinzidenz, dass sich ihr Namensvetter, der frühere griechische Finanzminister Yanis Varoufakis, in dieser Ausgabe der Berliner Zeitung ausdrücklich auf Janis Joplin bezieht. Der Freiheitsbegriff, den Joplin in ihren Höhen, aber auch in ihren tragischen Tiefen gelebt hat, ist radikaler als der des Politikers. Janis Joplin, die Luxus und schnelle Autos liebte, schien immer bereit, alles, wirklich alles preiszugeben. Wie Kris Kristoffersen es für sie aufgeschrieben hatte: „Freedom is just another word for nothing left to lose.“