Trailer zu „First Cow“.

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BerlinDie Kuh kommt übers Wasser, mit der Fähre. Es wäre verlockend, in Kelly Reichardts naturfrohem Wettbewerbsbeitrag „First Cow“ den Beginn einer neuen Zivilisation zu erblicken, doch die Zivilisation ist längst da. Sie hat Siedler, Goldsucher und Strauchdiebe ins Land gespült – die Kuh, übrigens ein wunderschönes Exemplar mit weißen Ringen um die Augen, ist eher ein Nachzügler.

Wie in einem rauen Paradies fängt trotzdem alles an. Beim Pilzesammeln im wilden Oregon des Jahres 1820 stößt Cookie, Koch einer grobschlächtigen Gruppe von Pelzjägern, auf einen freundlichen Chinesen im Busch. King Lu, so sein Name, versteckt sich vor einer weiteren Bande von Rüpeln. Sie tun sich zusammen, gründen gar einen Hausstand. Während Cookie (berührend: John Magaro) beständig säubert, backt und kocht, die Hütte gar mit Blumen verschönert, liebt es Lu (weltgewandt: Orion Lee), Träume zu spinnen von einer kleinen Haselnussplantage oder einem Hotel in San Francisco.

John Magaro als Cookie Figowitz und Kuh Evie.
Foto: dpa/Allyson Riggs/A24/Berlinale

Reichardts erster Western „Meek’s Cutoff“ erzählte von der Eroberung des Westens aus Frauenperspektive. In ihrem zweiten zeigt die gefeierte US-Independent-Regisseurin, dass man auch in einem Film fast ohne Frauen viel über Geschlechterverhältnisse lernen kann.

Biberpelze und Pariser Modetrends 

In einer hochkomischen, für Reichardt eher untypischen Weise, geht die Geschichte aber weiter. Auf nächtlichen Diebestouren wird die Kuh angezapft, die ein aristokratischer Engländer „für die Milch in seinem Tee“ angeschafft hat. So hat Cookie den Rohstoff für im kargen Westen heißbegehrte Biscuits, die Lu mit großem Geschick verkauft. Ein cleveres Geschäftsmodell, das nicht lange gutgehen kann.

„First Cow“, in den USA bereits auf Festivals gelaufen und darum keine Weltpremiere, ist auch darum ein so wunderbarer Film, weil er so schwer zu fassen ist. Offenkundig geht es um das Wirken von Kolonialismus und Kapitalismus in einem „neuen“ Land, die Ausbeutung von Mensch, Tier und Natur, wie sie Reichardt schon in früheren Filmen wie dem Ökoterrorismus-Thriller „Night Moves“ thematisiert hat. In dem britischen Adligen erkennen wir bereits den Sklavenhalter; die Indigenen, mit denen er noch über den Biberpelzmarkt und Pariser Modetrends debattiert, werden verschwinden.

Doch mehr sieht man in diesem hypnotisch schön fotografierten Film ein Land der ungenutzten Möglichkeiten, eine naive Utopie. Ihre Träger sind Cookie und King Lu mit ihrer ungewöhnlichen, ehrlichen und vor allem friedlichen Männerfreundschaft. Sie bildet das sanfte Zentrum des Films. Man wünscht sich, er würde gut ausgehen. Doch man kennt die Geschichte, nicht zuletzt durch einen klugen Prolog, der die Geschehnisse aus ferner Zeit mit dem Heute verbindet.