Am 11. Januar des Jahres 1906 zieht Lion Feuchtwanger, er ist gerade einmal 21 Jahre alt, eine selbstzweiflerische Bilanz: „Merkwürdig, dass ich die unschönen Dinge so vieler Dichter in mir vereine: die knabenhafte Verlegenheit Grillparzers, die Koketterie und Zerrissenheit Heines, die Eitelkeit Schlegels, die lioness und Haltlosigkeit Wildes, die Selbstzerfressenheit Hebbels mit einem Stich ins Affektierte … Ob unter all diesem Wust ein poetischer Kern sich birgt?“

Folgt man dem lakonischen Ton der erst 1992 entdeckten, in einer Geheimschrift abgefassten Tagebücher, die Feuchtwanger kontinuierlich zwischen 1906 und 1940 geführt hat, so scheint er die Skepsis gegenüber der eigenen dichterischen Bedeutung bald abgelegt zu haben. Der junge, aus einem wohlhabenden jüdischen Elternhaus stammende Lion Feuchtwanger sucht beharrlich seinen Platz in der literarischen Gesellschaft und erobert ihn durch Kritiken, Essays und eigene Stücke.

Ungenierte Auskunftsfreude 

Dabei lassen sich die Tagebücher kaum als Entwicklungsroman eines angehenden Erfolgsschriftstellers lesen. Sie sind auffällig unambitioniert geschrieben, meist handelt es sich um kurze, protokollhafte Notizen zum zurückliegenden Tag. Hunderte lesen sich so: „In der Torggelstube mit Jacobi, Schwanneke, Dr. Gotthelf, W. Fred, Steinrück, Dr. Muhr, Heinrich Mann einen netten Abend verbracht. Längeres Gespräch mit Mann.“ Doch falls die Einträge als Gedächtnisstützen für spätere Vorhaben gedacht waren, so erscheinen sie oft erstaunlich ungenau. Kinobesuche etwa werden zwar verzeichnet, aber Feuchtwanger scheint die Erwähnung nicht wichtig gewesen, um welchen Film es sich gehandelt hat, und was er dabei empfand.

Sehr viel auskunftsfreudiger ist er hinsichtlich seines regen, über die Jahrzehnte kaum nachlassenden Geschlechtslebens. Der naive Leser mag es anfangs für die tägliche Arbeit an einem ersten großen Werk halten, wenn es in stereotyper Wiederholung heißt: „excess in priapo“. Dabei frönt Feuchtwanger ganz ungeniert Priapos, dem griechischen Fruchtbarkeitsgott. Sorgfältig notierte Akte der Selbstbefriedigung wechseln ab mit den Besuchen bei Prostituierten und flüchtigen Liebschaften. Mal erscheint ihm nichts selbstverständlicher als das, ein anderes Mal überkommt ihn eine quälende Scham. „Scheußlich, wie der Bock in mir immer wieder zum Durchbruch kommt.“ Dem Versprechen, es künftig zu unterlassen, folgt verlässlich der nächste Eintrag.

Exzesse und Wutausbrüche 

Eine der vielen weiblichen Bekanntschaften ist am 19. Januar 1910 Marta Löffler, „eine nicht eben gescheite, aber recht temperamentvolle Jüdin“. Sie wird es sein, die bis zum Tod des Schriftstellers im Jahr 1958 in Kalifornien dessen Leben teilt, seine promiskuitive Veranlagung nicht billigt, aber trotz mancher Wutausbrüche aushält und viele kluge Lebens- und Werkentscheidung trifft.

Marta rät ihrem Mann, der zunächst einigermaßen erfolgreich Stücke schreibt, sich verstärkt auf das Genre des historischen Romans zu konzentrieren. Anfang der 20er-Jahre beginnt Feuchtwanger, der trotz der Ehe mit Marta weiterhin ein exzessives Leben führt und zusehends in eine schwere Spielsucht abgleitet, über die er genau Buch führt, die Arbeit an dem Roman „Jud Süß“, der von der Lebensgeschichte des württembergischen Hofjuden Joseph Süß Oppenheimer handelt, an dessen Beispiel Feuchtwanger die Schwierigkeiten der Assimilation und die Abhängigkeit des jüdischen Lebens von den jeweiligen gesellschaftlichen Machtverhältnissen thematisiert.

Nüchterne Wiederkehr des Gleichen

Der Roman, der 1925 erschien, wurde zunächst vor allem in den USA ein Erfolg und verhalf den Feuchtwangers fortan zu einer wirtschaftlichen Situation, die ihnen auch seine Leidenschaften und Süchte erträglich machte. In den Jahren seiner enormen Produktivität scheint er vom Spielen ganz abzulassen, später im südfranzösischen Exil, lockt ihn das Casino von Cannes wieder an. Dutzende Male heißt es lapidar: „Gespielt, verloren.“

Feuchtwangers Tagebücher, die wohl nie für eine Veröffentlichung vorgesehen waren, ergeben ein seltsames Buch. Das intensive, lustbezogene Leben, das der Schriftsteller geführt hat, erscheint in dieser stenohaften Form beinahe als nüchterne Wiederkehr des Gleichen. Dabei ist es faszinierend, mit welcher Selbstsicherheit und Selbstverständlichkeit er seinen Lebensstil verfolgt.

Treue in den Nebenbeziehungen

Mit Blick auf heutige Diskussionen über Emanzipation und Feminismus erscheint Feuchtwanger in seiner radikalen Ungeschütztheit als eine aus der Zeit gefallene Figur. Das ausschweifende Leben ist für ihn kein Ziel, das er pompös und protzig verfolgt. Manchmal erscheint es ihm als Last, ein häufig wiederkehrendes Adjektiv zur Beschreibung seiner Stimmung ist „fad“.

Trotz aller Eitelkeit aber weiß Feuchtwanger stets ganz genau, wann er sich in Gesellschaft daneben benommen hat, oder wann ihm ein öffentlicher Auftritt missglückt ist. Und in seiner Neigung zur Promiskuität findet sich durchaus auch so etwas wie Treue. Zu der Malerin und Karikaturistin Eva Herrmann unterhält er ebenso lange Nebenbeziehungen wie zu der Tänzerin und Schriftstellerin Eva Boy und seiner Sekretärin Lotte Sernau.

Kryptisches Aufschreibsystem

Das politische Geschehen, Krieg, Revolution und die Feuchtwanger ganz unmittelbar betreffende Nazi-Herrschaft erscheinen im Tagebuch meist nur als Randnotiz. Debatten, in die er selbst verwickelt ist, zum Beispiel über jüdischen Kosmopolitismus oder Nationalismus, werden angedeutet, aber nie gedanklich ausgeführt. Feuchtwanger hat das Tagebuch ganz offensichtlich nicht zur Schärfung seiner Gedanken geführt.

Und doch erschließen sich zwei Ereignisse seiner Biografie erst durch die Hinzuziehung dieses kryptischen Aufschreibsystems. Eine Lesereise durch die USA von Ende 1932 bis Anfang 1933 verdeutlicht seine internationale Anerkennung und die Profilierung seiner politischen Rolle.

Treffen mit Stalin

Das Ende der Reise fällt mit Hitlers Wahl zum Reichskanzler im Januar 1933 zusammen. Durch eine glückliche Fügung entscheidet sich Feuchtwanger für einen französischen Hafen zur Rückkehr nach Europa. Sein Haus in Berlin-Grunewald, das von der SS unmittelbar nach seiner Rückkehr verwüstet worden war, sollte er danach nie wieder sehen. Das zweite bedeutende Ereignis ist eine Reise nach Russland im Jahr 1937, auf der er mit Stalin zusammentrifft, und nach der er sich später den Vorwurf gefallen lassen muss, von diesem politisch instrumentalisiert worden zu sein.

Das Tagebuch liefert zu all dem oft nur Tagesreste, die Hinweise auf Begegnungen und Befindlichkeiten. Und doch gehen aus dieser Kargheit die Konturen eines schriftstellerischen Schwergewichts hervor, das zeitlebens mit Brecht befreundet war und bei dem Thomas und Heinrich Mann, Arnold Zweig und viele andere ein- und ausgingen.

Ein Glückskind seiner Zeit

Lion Feuchtwanger, dessen Romane „Erfolg“ und „Exil“ zu den großen politischen Zeitromanen des 20. Jahrhunderts gehören, war stets auch ein Glückskind seiner Zeit. Zum Ende des Jahres 1938 beschließt er, die mögliche Abreise ins amerikanische Exil aufzuschieben, weil er sich nicht von seiner geliebten Villa in dem Fischerdorf Sanary-sur-Mer an der südfranzösischen Küste trennen mag. Ein halbes Jahr später und nach einigen Aufenthalten in Internierungslagern, ist es fast zu spät. Am Ende aber glückt die Flucht auf abenteuerlichen Wegen und mit der Hilfe des legendären Retters Varian Fry nach Kalifornien, wo er als einer der wenigen Exilautoren bis zu seinem Krebstod 1958 im Alter von 74 Jahren ein luxuriöses Leben führen kann.

Lion Feuchtwanger: Ein möglichst intensives Leben. Die Tagebücher. Aufbau Verlag. Berlin 2018, 640 Seiten, 26 Euro

Am Donnerstag, 10. Januar, sprechen Holger Teschke und Klaus Modick über die Feuchtwanger-Tagebücher im Literaturforum im Brechthaus, 20 Uhr, Chausseestraße 125, Tel.: 2822003

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