Berlin - Sie sollte noch im 50 und auch in 100 Jahren stehen: die Mauer durch Berlin. Darauf bestand der oberste Mann der DDR, Erich Honecker, noch zu Beginn des Jahres 1989. Honecker irrte sich gewaltig. Der Mauerbau durch seinen Vorgänger Walter Ulbricht prägte das Leben von Millionen, wirkte als grausame Folge von Hitlers Zweitem Weltkrieg und den unsäglichen Begleiterscheinungen des Kalten Krieges, mit Wettrüsten, Unfreiheit und Mauertoten. Wahrscheinlich wird der 1961 gezogene Betonwall mitten durch Berlin – und sein spektakulärer Fall vor 30 Jahren – auch noch weiter Generationen beschäftigen. Gerade die Künstler.

Melancholisch, fatalistisch, bissig, wütend

Berliner Malerinnen und Maler aus beiden Teilen der so lange zerschnittenen Stadt wählten das politische Monstrum, das jeweils das Ende ihrer Lebenswelt markierte, zum Motiv: melancholisch, fatalistisch, bissig, wütend.

Die Salongalerie „Die Möwe“ vereint viele dieser Bilder zur Ausstellung „Zweimal Berlin. Blicke auf eine geteilte Stadt“, damit auch Impressionen oder Expressionen oder sachliche Motive vom urbanen Alltag in Ost- und Westberlin bis November 1989. Die Wiedervereinigung veränderte das Stadtbild in raschen Zügen hier wie dort: Die Claims im Osten wurden neu abgesteckt; Berlin baute, was das Zeug hält. Brachen verschwanden, die Demarkationslinien sind heute nur noch Symbolik.

Es waren die Generationen von Malern wie Werner Heldt und Wolfgang Frankenstein, der von West nach Ost übersiedelte, von Arno Mohr und Otto Möller, die den Krieg überlebt hatten. Heldts „Fensterbilder“ ziehen den Blick auf ein Berlin, das noch in Trümmern liegt und in denen die leeren Fenster wie Augenhöhlen wirken, aber eine Mandoline Hoffnung macht. Möllers gesichtslose Stadtgestalten sind keine Individuen, eher Teil einer Menge, die das neue Leben, trotz aller Nöte, bewältigen muss – und will.

Einen markanten Platz hat Frankensteins „Unter den Linden“, Achtzigerjahre. Da war der einstige Surrealist der Nachkriegsjahre angekommen bei einer kraftvollen, expressiven Abstraktion, die, das geben die vagen figuralen Gebilde wieder, aber ganz vom Erleben, von der Anschauung kamen.

Der schon 1993 verstorbene Pankower Robert Rehfeldt war eigentlich ein Mail-Art-Künstler, observiert von der Staatssicherheit wegen seine vielen künstlerischen Kontakte mit der ganzen Welt. Sein Atelier war zugleich Informationsbüro für westliche Kunststile und wurde von Kollegen subversiv-eifrig genutzt. Seine „Berliner Mauer“ von 1965 indes nimmt die tiefe Melancholie des Westberliner Malers Werner Heldt auf. Rehfeldts Mietskasernen mit ihren Brandmauern hinter dem mäandernden Betonwall ragen in den Himmel über Berlin wie Mahnmale des Ein- und Ausgesperrt-Seins.

Den Bau der Mauer empfanden viele Künstler beider Stadthälften als Zerstörung ihres Lebens- und Erlebnisraumes. Rolf Curt belegt das mit einer scheinbar sachlichen Ansicht des Brandenburger Tores vom Westen aus, legt in seiner farbigen Radierung ein abstraktes schwarz-rot-weißes Farbfeld vors Bausymbol aller Deutschen. Und Evelyn Kuwertz beobachtet Menschen auf Berliner Bahnhöfen, auch auf dem Grenzkontrollpunkt Friedrichstraße. Es sind Staffagen ohne Gesichter, diese Gestalten vom S-Bahnhof Schöneberg, vom U-Bahnhof Görlitzer Bahnhof und am Eingang zum Atombunker Kudamm-Karee. Letzteres ein Zeitbild des Kalten Krieges.

Markante Plätze bekamen die Bilder der sogenannten – östlichen – Berliner Schule. Nonkonformistisch, nicht kompatibel mit den Ideal- und Kampfbildern des Sozialistischen Realismus waren die Werke. Die „Berliner Möwe“, 1959, des Zeichners Dieter Goltzsche verbreiten eine herbe, sarkastische Stimmung vor einem Absperrzaun. Klaus Roenspieß’ dunkeltoniger Farbholzschnitt „An der Hochbahn“, 1981 gibt eine Ahnung davon, wie sehr sich viele Leute wünschten, einfach „durch die Luft“ in den von Schussanlagen versperrten anderen Teil der Stadt zu gelangen. Dieses Gran Hoffnung malte Wolfgang Leber, in seinem matisse-haften Stil, 1988 mit einem Abendrot-„Feuerschein über der Stadt“. Sein westlicher Kollege Matthias Koeppel erwidert spöttisch: mit Gaffern Richtung Ost auf einem Leitergestell an der Mauer, Niederkirchnerstraße. Drüber ballen sich dramatisch Wolken am lila übergossenen Himmel. Der Mauer-Spuk dauert nicht mehr lange.

„Die Möwe“, Salongalerie, Auguststr. 50 b. Bis 24. August, Di–Sa 12–18 Uhr. Tel.: 30881842