Zwei weibliche Punks im Sophienclub in den Hackeschen Höfen (1985).
Foto: Jaron Verlag GmbH

BerlinAm 13. August 2021 wird sich der Jahrestag des Mauerbaus zum 60. Mal jähren. Wenn ich das 1987 nur in München erschienene Ost-Berlin-Buch zweier DDR-Bürger lese (Fotos: Harald Hauswald, Text: Lutz Rathenow), scheint mir die Passage zur Berliner Mauer die merkwürdigste und intensivste des Bandes. Ich könnte das retrospektiv nicht erfinden: Wut auf eine Ost-(Berliner) Identität – und der selbstbewusste Stolz, diese nervöse Wut leben zu dürfen. Ein Puzzle aus realen Episoden, Zitaten, mehr literarische Collage als Reportage.

In der jetzigen Neuausgabe im Berliner Jaron-Verlag erklärt der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk literarisch anschaulich die Hintergründe. Auch die Komplimente des Schauspielers Jan Josef Liefers sind in der Jaron-Ausgabe zu schön, um ihnen widersprechen zu wollen. Mein Text lässt mich aber mit der Frage zurück, ob ich wirklich berlinsüchtig war, weil dort die Mauer stand? Es folgt ein Auszug aus dem Text. (Lutz Rathenow: „Ost-Berlin“, Hauswald/Rathenow, Jaron-Verlag. Die Buch-Premiere mit Verleger und Autoren findet am 15. September im Berliner Georg-Büchner-Buchladen, Wörther Str. 16, statt.)

(1986/87): Die Grenze, egal, wohin ich gehe. Bei früheren Besuchen in Berlin spürte ich ständig die Angst, ein Sperrgebiet zu betreten … Unruhig und zögernd ging ich zu einem Gespräch auf das Gebäude der Schallplattenproduktion zu. Obwohl es in beeindruckender Nähe zum West-Berliner Reichstag schien, kam ich problemlos an. Selbstsicher ging ich Tage darauf zum Haus eines christlichen Verlages. Und wurde vom Wachhabenden zurückgewiesen, Einlass nur mit Sondergenehmigung. Diese halbe Stadt und doch ein neues Ganzes. Was wäre sie ohne den westlichen Anbau! Diesen Resonanzraum, der unserem Teil zum eigenwilligen Klang verhilft. Der den Ehrgeiz anstachelt, etwas Besonderes zu sein. Die Grenze heißt offiziell „antifaschistischer Schutzwall“. Niemand nennt sie so, selbst die Offiziellen beginnen, von „der Mauer“ zu reden. Dabei ist, was als Mauer begann, längst keine mehr – der Begriff Schutzwall fängt mehr von der Aura jener meterbreiten, mit verschiedenartigen Hindernissen gespickten, von Postentürmen markierten, Jahr für Jahr ausgebauten Befestigungsanlage ein. Je perfekter sie wird, desto verniedlichender wirkt das Volksmundkürzel. Die Leute müssen sich das bedrohliche Ding verkleinern, überschaubar machen, um bequem damit leben zu können. In Ost wie West.

„Hat“, fragt mein Sohn, vier Jahre, „Dornröschen auch eine Mauer? Ist in Berlin hinter der Mauer ein Schloss? Warum blühen da keine Rosen? Hat die Mauer Dornen? Warum gibt es nicht in jeder Stadt Grenzen? Welche Sprache reden Soldaten? Ich befreie Dornröschen. Der Prinz ist ein Soldat und küsst das schöne Kind mit der Kanone. Ich haue die Mauer einfach kaputt. Bekomme ich einen richtigen Hammer?“

Und immer wieder die Grenze. Ein geheimnisvoller Magnetismus geht von ihr aus. Ein Reiz, unabhängig von politischer oder moralischer Deutung. Politisch verstand ich den Bau der Mauer, moralisch entrüstete ich mich – eigentlich geht beides an dem vorbei, was sie heute bedeutet: die zu Stein verdichtete Form eines gesellschaftlichen Widerspruchs. Natürlich ist das Ding pervers, aber es zeigt seine Krankheit und verbirgt sie nicht verklemmt. Der Verlust dieses Bauwerks würde das Leben hier ärmer machen. Und wenn nur die Wut darauf abhanden käme. Und nicht nur die ist es. Die Mauer als Motor, der permanent Spannung erzeugt. Sie fordert heraus, zwingt vieles Alltägliche, sich seiner Oberflächlichkeiten zu entschälen, um auf den Kern zu kommen – möge er auch schwer genießbar sein.

Dieses Messer der Geschichte, rabiat einen Ort entzweischneidend, der sich zu mehr auswuchs als den Hälften jener vorher existierenden Stadt. Im Moment der Trennung waren beide Teile am Auseinanderfallen, sodass die Mauer sie zusammenfügte. Ein Reißverschluss. Der Kitt von Ganzberlin. Ihr Name als Metapher für etwas, das eine spröde Hoffnung enthält. Abgrenzung wird nur für nötig erachtet, wo sich Dinge zu vermengen drohen.

Der Tag, an dem die Mauer unbemerkt abgebaut wurde. Die Posten sind abgezogen, Grenzfälle stehen noch – ein Zaun mit Pforten, die jedermann öffnen und durchschreiten könnte. Nur gibt das niemand bekannt. Wie lange dauert es, bis die Menschen ihre neue Möglichkeit begreifen?

Sie spricht mit ihm. Er ist bei ihr. Ein Kabel verbindet das Paar. Sie will dorthin, er will zurück. Über die Grenze hasten Stimmen, berühren des andern Ohr, und zweimal ein Mund, der vom Kommen/Gehen/ Bleiben spricht. Vor kurzem Bürger eines Landes noch, eint sie nun Ohnmacht. Am Telefontropf hängt ihr Leben.

Der Westen als das andere, die unbekannte Zone, in die alle Fantasien projiziert werden. Der gelbliche straßenlose Fleck auf hiesigen Stadtkarten stellt die Konzentration jener im Ungekannten verkörperten Hoffnung dar. Ich kenne Leute, die sich nicht in die für provinziell gehaltene Bundesrepublik sehnen, sehr wohl aber nach West-Berlin. Nur wer jene, die wegwollen, versteht, hat die Souveränität zum Bleiben aus freiem Entschluss. Alle Durchhalteparolen sind Krampf – das Jammern, was aus dem Land werden soll, wenn alle gehen. Wer aus Trägheit oder Verbissenheit bleibt, ändert sowieso nichts mehr.

Antennen, in den Himmel gereckte Wurzeln, um die Welt einzusaugen. Sie wird im Fernsehapparat serviert. Du sitzt bequem im Sessel, Ost und West einen Knopfdruck voneinander entfernt.

Der Traum vom Erdrutsch, der die Straße in den Westen abdriften lässt. Wieso erinnerst du dich nicht, ob es ein Alb- oder Wunschtraum war? Ein anderes Mal das Erwachen in der Gewissheit, euer Haus sei als Enklave an den Westen verkauft. Eine devisenträchtige Methode, Ausreiseanträge zu bearbeiten.

Die Exklusivität einer Wunde, die nicht heilen darf. Schmerz, der Leben entfacht und Würde verleiht.

Ein Hauch von Welt ist eine Brise aller Probleme. Es gibt fast alles hier, was es im Westen gibt, nur versteckter oder ganz verborgen. Man könnte skandalöse Details summieren und entlockte dem Leser ein gehöriges Erstaunen. Oder die Bestätigung alter Vorurteile.

Doch diese Geschichten werden in einem Ton empörter Zufriedenheit erzählt, der sich beweist, nicht ganz ausgeschlossen von der Welt zu sein. Wir haben auch unsere Mörder, Rauschgiftsüchtigen, kleinen und großen Kriminellen. Wir leben nicht ganz hinter dem Mond.

Das Trinkwasser verseucht? Ein Neubau versackt im sumpfigen Boden? In der Klinik darf der Schrank mit den Westmedikamenten erst bei unmittelbarer Todesgefahr geöffnet werden? Gefahren regen die Fantasie an. Süchtig nach Negativem löst eine Horroranekdote die nächste ab. Mit heimlichem Vergnügen werden Katastrophen geschlürft. Und wer das Leben mehr liebt als imaginäre Sicherheiten, nimmt das als erfrischende Dusche.

Lutz Rathenow: „Ost-Berlin: Mit einem Grußwort von Jan Josef Liefers und einem Essay von Ilko-Sascha Kowalczuk“, Jaron-Verlag, Berlin, 144 Seiten, 24 Euro.