Dreißig Jahre hat es gedauert, bis die Geschichte von Baki Bogac und Andy Hadjiadamos gewürdigt wurde. Die Geschichte eines Kunstfundes und einer Versöhnung, die heute wie ein Symbol wirkt für Zypern, die geteilte Insel im östlichen Mittelmeer.

„Ich kam zufällig darauf“, erzählt Aristoteles Demetriou, der aus Paphos stammt, einer kleinen Hafenstadt am westlichen Ende Zyperns. In einem nahegelegenen Dorf bewohnt er mit seiner Frau und seiner Tochter ein Haus über dem Meer mitten in Olivenhainen. Der 44-jährige Landschaftsmaler und Kunstlehrer ist einer der wenigen griechischen Zyprer mit Verbindungen in den türkisch besetzten Nordteil der Insel. „Zu Künstlern, mit denen ich Kontakt über Facebook halte.“ Dann zieht er einen Katalog aus dem Regal: „Risky Travels“ – gefährliche Reisen. „Eine bescheidene Rolle bei diesem Projekt hatte ich auch“, sagt er lächelnd.

Die Geschichte spielt 19 Jahre nach der türkischen Invasion von 1974. Damals war die „Green Line“ genannte, mit Stacheldraht und Wachtürmen befestigte Grenze für Zyprer aus beiden Richtungen unpassierbar. Es gab nur wenige Kontakte von Politikern durch Vermittlung der Vereinten Nationen und der USA. An einem Tag im Jahr 1993 veranstaltete die amerikanische Botschaft ein Treffen für Künstler beider Seiten in der nur von der Türkei anerkannten Republik Nordzypern. „Das wars auch psychologisch schwierig, denn wir wurden von allen Seiten unter Druck gesetzt. Es hieß, wenn ihr euch mit ,denen’ trefft, ist das wie eine Anerkennung der Besatzung“, sagt Demetriou, der damals 20 Jahre alt war.

Verlassene Skulpturen

Zu jener Zeit begegnete er dem zyperntürkischen Architekten und Bildhauer Baki Bogac, der ihn fragte, ob er die Familie eines Bildhauers und Malers namens „Adamos“ kenne. Bogac schilderte, wie er 1976 als Mitglied der Planungsbehörde der besetzten Stadt Varosha einen Fund gemacht hatte. In der zur Geisterstadt erstarrten einstigen Touristenhochburg entdeckte er in einem Atelier Skulpturen eines ihm unbekannten Künstlers, die mit „Adamos“ signiert und offenbar überstürzt zurückgelassen worden waren. Bogac erkannte deren Bedeutung und sicherte sie, um sie irgendwann dem rechtmäßigen Besitzer zurückzugeben.

Das würde er jetzt gern tun, von Bildhauer zu Bildhauer, sagte Bogac, für den die Rückgabe zu einer Pflicht geworden war. „Es gibt bei uns keinen Künstler Adamos“, erwiderte Demetriou. Doch einige Tage später wurde ihm klar, dass es sich dabei um Andy Hadjiadamos handeln müsse, einen Bildhauer, der aus Paphos stammte und drei Jahre zuvor gestorben war. „Als die Amerikaner kurz darauf die erste gemeinsame Ausstellung von Künstlern beider Seiten in Nikosia organisierten, traf ich Bogac wieder und versprach ihm, den Kontakt herzustellen“, sagt Demetriou.

Mithilfe der amerikanischen Botschaft gelang es, die Skulpturen über die „Green Line“ in den Südteil der Insel zu bringen. „Nachdem die Botschaft mich angerufen hatte, ging ich zu Andy Hadjiadamos’ Witwe und sagte ihr, sie könne die Sachen abholen. Wir wollten das eigentlich öffentlich machen, aber alle sagten, das könne einen internationalen Konflikt heraufbeschwören.“

So blieb die Geschichte des Zyperntürken, der die Werke des Zyperngriechen rettete und zurückgab, unerzählt – bis 2004, als sich die Grenze erstmals öffnete. Baki Bogac fuhr nach Paphos, um Andy Hadjiadamos’ Familie zu besuchen. Es sollte noch einmal zwölf Jahre dauern, bis die geretteten Skulpturen erstmals ausgestellt wurden – gemeinsam mit Werken des Retters.

„Risky Travels“, die Gemeinschaftsausstellung von Hadjiadamos und dem heute 66-jährigen Bogac, ist eines der künstlerischen Highlights während des Festivaljahres in Paphos, denn die kleine Hafenstadt ist gemeinsam mit dem dänischen Aarhus Kulturhauptstadt Europas. Das Motiv der „Bruderschaft in der Kunst“ ist zugleich eine ideale Zusammenfassung der Kulturhauptstadt-Philosophie von „Pafos2017“. Kunst als Katalysator, um die getrennten Bevölkerungsgruppen zusammenzubringen.

Die 33.000-Einwohnerstadt ist berühmt wegen ihrer zum Unesco-Kulturerbe zählenden altrömischen Mosaiken, dem archäologischen Park und den Resten eines mittelalterlichen Kastells am Hafen, sonst aber ein unwahrscheinlicher Ort für die Kultur. Kein Theater, kein Ausstellungshaus, gerade eine kleine städtische Kunstgalerie gab es vor der Ausrufung von „Pafos2017“. Die kulturelle Einöde hänge zusammen mit der Historie, sagt Aristoteles Demetriou. „Hier haben die Leute nach dem Krieg nach vorne schauen wollen. Und das bedeutete Business.“

Mit den Feriengästen kamen immer mehr Leute, die sich dauerhaft niederließen, Engländer, Deutsche, Russen. Doch die Konzentration aufs Geschäft hatte Schattenseiten: eine betonierte Küstenzone mit Fressmeile und verwildernde Oliven- und Orangenhaine im Hinterland. Jetzt nutzt Paphos das Jahr für eine kulturelle Wiederbelebung.

Mit der Bankenkrise schrumpfte der geplante Etat zwar auf ein Drittel, den schmalsten aller bisherigen Kulturhauptstädte. Aber mit 8,5 Millionen Euro und einem Heer freiwilliger Helfer wurde trotzdem ein stattliches Festspielprogramm auf die Beine gestellt – rund 300 Veranstaltungen, die meist im Freien stattfinden, darunter ein Auftritt Ute Lempers. An Publikum mangelt es nicht. Zypern hat sich von der Krise erholt, der Tourismus brummt.

„Wir wollen den Graben überbrücken, der unsere Insel trennt. Zumal die Stadt die Teilung auch in sich selbst trägt“, sagt Georgia Doetzer, 57, die künstlerische Leiterin von „Pafos2017“. Die Altstadt von Paphos war früher überwiegend von türkischen Zyprioten bewohnt. Das Kulturjahr bringt ihr eine willkommene Rundumerneuerung. Die Hagia-Sophia-Moschee, eine von den Osmanen 1570 umgebaute byzantinische Kirche, ist schon fertig. Symbolisch ist das wichtig. „Es zeigt, dass wir die gemeinsame Geschichte achten und sendet damit ein Signal an die Zyperntürken“, sagt Georgia Doetzer.

Mauern halten nicht ewig

Mehr ist es zunächst nicht, unaufhaltsam verblasst die Erinnerung an die früheren türkischen Nachbarn. Zwar sei das Leben der älteren Generation noch extrem von dem Konflikt geprägt, sagt Georgia Doetzer. „Aber die Jungen haben das Interesse verloren. Mein eigener Sohn war noch nie im Norden.“ Auch die Sprecherin von „Pafos2017“, Anastasia Anastasiou, war noch nie in Nordzypern. „Ich gehe nicht auf die besetzte Seite, denn ich will meinen Pass nicht im eigenen Land vorzeigen müssen“, sagt sie. Im gleichen Atemzug spricht sie begeistert von der Vielzahl von Kulturhauptstadt-Projekten, die beide Teile der Insel verbänden. Eine Ambivalenz, die deutlich macht, wie sehr Konzept und eigenes Erleben auseinanderklaffen können.

Georgia Doetzer glaubt dennoch, dass die Kulturhauptstadt Impulse ausgesandt habe. „Es öffnet sich etwas, es beginnt etwas“, sagt die künstlerische Leiterin. „Wir haben Platz geschaffen, dass die Menschen miteinander reden konnten.“ Das manifestiert sich nicht nur in der Ausstellung „Risky Travels“, sondern auch in den Installationen internationaler Künstler in der osmanischen Ibrahim-Karawanserei, in einer großen Collage aus Häkelarbeiten von Frauen beider Inselteile oder einem therapeutischen Kunstprojekt, das türkische und griechische Zyprer zusammenbringt, um über die Traumata der Teilung zu sprechen.

Kleine Gesten, die in Zypern ganz und gar nicht normal sind. Denn im Grunde sprechen sie nicht miteinander, die Zyprioten dies- und jenseits der grünen Linie. Die Ängste und der gegenseitige Mangel an Vertrauen sind riesig. Auch in ihrer griechischen Community müssen sich die Organisatoren unentwegt rechtfertigen. Sie legitimiere durch die Projekte mit dem Norden die türkische Besatzung, lautet der Vorwurf an Georgia Doetzer. Ihre Antwort? „Wer hätte gedacht, dass die Mauer in Berlin einmal fällt? Niemand. Von daher weiß man nie.“