Berühmte Fotografen haben ihre Bewunderer. Und sie haben ihre Kritiker. Also nannten und nennen Letztere, die auf „Wahrhaftigkeit der Fotografie“ pochen, es gern lakonisch oder womöglich auch neidisch Irving Penns „Marotte“, wie bestimmend, ja, autoritär, der Amerikaner die künstlerischen Legenden des 20. Jahrhunderts vor der Kamera nach seinem Willen zurechtrückte – also ganz nach seinem Willen inszenierte.

Das tat er mit Picasso und Dali, mit einer mädchenhaften, scheuen, scheinbar vor der Kamera erschreckenden Marlene Dietrich, mit einem skeptisch, ja, abweisend blickenden Alfred Hitchcock, mit Marcel Duchamp, Pfeife im Mund, mit Igor Strawinsky, Hand am Ohr, mit Truman Capote, grimassierend. Desweiteren porträtierte Penn derart eigenwillig auch T. S. Eliot, George Grosz, Le Corbusier. Elsa Schiaparelli, Spancer Tracy, Peter Ustinov und andere Promis seiner Zeit.

Die einen zwängte er unerbittlich in eine immergleiche kahle Zimmerecke, als Eckensteher und Eckensitzer, so, als sei diese minimalistische Geometrie, dieser extreme spitze Winkel die eigentliche Inspiration großer künstlerischer Leistungen. Und die anderen, den kleinen, dicken Hitchcock etwa, setzte er, sichtlich unbequem, oben auf einen alten, verschlissenen, buckligen und garantiert staubigen Theaterteppich. Den schleppte Penn gerne mit sich herum auf seinen Porträt-Zügen um 1947/1948.

Heute wäre er „Konzeptualist“

Heute müsste Irving Penn sich mit dieser Methode einen „Konzeptualisten“ mit „ausgeprägter künstlerischer Strategie und Praxis“ nennen lassen, wie so etwas im gängigen Kuratorenlatein dann immer heißt. Fraglich, ob der freigeistige Amerikaner sich mit dem inflationär benutzten Begriff im gegenwärtigen Kunstbetrieb anfreunden könnte. War er damit doch lediglich seinem Vorbild August Sander gefolgt, der 1929 seine „Modelle“ – Handwerker, Arbeiter, Bauern, Bedienstete – typisiert als „Menschen des 20. Jahrhunderts“ fotografierte, meist oft vor anonymer Kulisse.

Das gilt auch für Penns ausgefallene Frauen-Akte: „Nudes“ um 1950. In den intensiven, erfolgreichen und höchst einträglichen Jahren der Mode- und Werbefotografie entwickelte er jedoch einen Überdruss an den mageren Models und fotografierte eine Serie extrem verrenkten, verbogenen nackten Fleisches und auch üppiger, bereits verblühender Frauenkörper. Sie gleichen Torsi, gemeißelt von Bildhauerhänden. Eines der Fotos zeigt Rumpf, Brüste, Oberschenkel einer Frau, die wie eine Venus von Willendorf (30 000 Jahre alter Fund) anmutet – oder als Bild wie Courbets Skandalwerk „Ursprung der Welt“: Zeitlos und großartig.

Der jüdische Amerikaner Penn (1917-2009) erweist sich in dieser großen Retrospektive im Berliner C/O, die den Titel „Jahrhundertfotograf“ trägt, eher als Jahrhundert-Ästhet. Er war kein Reporter sozialer politischer Zustände, auch nicht mit seiner anfänglichen Straßenfotografie.

Und auch nicht mit den inszenierten Serien zum Thema Ethnologie. Mit seinem tragbaren Zeltstudio bereiste er Afrika, Neuguinea, zuletzt Peru, wo er indianische Kinder porträtierte und sich in jeder Aufnahme seine ethnologische Entdeckungslust mit der eleganten Raffinesse des gebildeten Kosmopoliten vermischte, schnörkellos sachlich bis in die letzte Pore des Fotopapiers.

Klarheit, Eleganz, Perfektion

Ob Menschen oder Dinge – Penn wusste sie alle anders, neu zu sehen und zu etwas Außergewöhnlichem zu machen. Klarheit, Eleganz, Perfektion beherrschen die Aufnahmen. Bezwingend seine Arbeit mit dem Licht: Gestalt, Körper, Ding werden im Dunkel auf Hell wesentlich. Mit seiner streng reduzierten Ästhetik ist Irving Penn bis heute stilprägend und inspirierte unzählige Nachfolger.

Die in abgedunkelten Räumen arrangierten 240 Aufnahmen, zumeist in Schwarzweiß und im handlichen Format, wurden vom Metropolitan Museum und zusammen mit der Penn Foundation kuratiert. Die bevorstehende Schenkung von mehr als 180 Arbeiten der Foundation an das New Yorker Museum bildet den Kern der Schau. Darunter auch die berühmten Studien von Lisa Fonssagrives-Penn, gefragtestes Fotomodell jener Zeit – und Penns Gattin und Muse. Als sie 1992 starb, erlosch sein Interesse am Metier.

Umso mehr erleben wir ihn heute als einen von der Neuen Sachlichkeit der 20er-Jahre geprägten Formalisten, wie er im Buche steht. Was nicht bedeutet, dass er sich nicht für Menschen und deren Besonderheiten interessiert hätte. Bezeichnend ist das Alterswerk: grandios lakonische Zigaretten-Kippen-Stillleben, kühl-raffinierte Früchte-Arrangements. Die barocke Üppigkeit ließ Penn nahezu gefrieren – bis zur Melone aus Eis.