Die Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk am 6. Dezember bei der Pressekonferenz vor der Preisverleihung.
Foto: AFP/Jonathan Nackstrand

BerlinEine der sympathischsten Figuren in diesem an sympathischen – auch weniger sympathischen – Figuren reichen Buch ist der katholische Geistliche Benedykt Chmielowski (1700-1763): ein bescheidener Mann aus und in der polnischen Provinz und Autor der seinerzeit vielbeachteten Enzyklopädie „Neues Athen“. Alles, was man wissen kann, in zwei Bänden. 

Am Anfang ist Chmielowski beim Besuch eines Rabbi zu erleben, mit dem er gerne Bücher tauschen würde. Die beiden haben Verständigungsschwierigkeiten, hier Hebräisch und Jiddisch, dort Lateinisch und Polnisch. Einerseits stoßen Welten aufeinander, andererseits beugen sich die Männer trotz der babylonischen Verwirrung bald interessiert über die Bilder in Athanasius Kirchers „Turris Babel“, von Chmielowski als Lockmittel mitgebracht.

Alles Wissen zur Hand

„Läsen die Menschen dieselben Bücher, lebten sie in derselben Welt – so aber leben sie in einer jeweils anderen, wie die Chinesen, von denen Kircher schreibt“, erklärt Chmielowski, der beim smarten Juden mit seinem Enthusiasmus vorerst aufläuft, aber nicht bei der ebenfalls historischen Poetin Elzbieta Druzbacka (1695-1765). Mit ihr entspannt sich bald ein angeregter Briefwechsel. Chmielowskis enzyklopädisches Projekt überrascht sie und leuchtet ihr ein – „Imaginiert doch nur: alles zur Hand, in jeder Bibliothek. Das gesammelte menschliche Wissen in einem“ –, und natürlich ist es das Internet, was die Aufklärer des 18. Jahrhunderts vorwegnehmen.

In der abgelegenen polnischen Pfarrei mit nicht weniger Herzblut als (außerhalb dieses Romans) im Paris der Enzyklopädisten. Das Internet mit allen Schikanen und Tücken: die Fülle der Möglichkeiten, die fabelhafte Zugänglichkeit, das Halbwissen, das Unsortierte, die Illusion von Vollständigkeit.

Wendigkeit und Geistesschärfe in „Die Jakobsbücher“

Olga Tokarczuks „Die Jakobsbücher“ ist ein historischer Roman über unsere Zeit und vielleicht über jede Zeit, wie sich jede Zeit gerade in einer anderen, entfernten Zeit besonders gut erkennen kann. „Die Jakobsbücher“ finden das Fremd- und Befremdetsein nicht nur unproblematisch, sondern feiern es sogar. Der titelgebende jüdische Mystiker und Religionsführer, um nicht direkt zu sagen: der jüdische Messias, Jakob Frank schärft das seinen Anhängern ein, führt es ihnen auch vor. „Fremd zu sein, weckt Wendigkeit und Geistesschärfe. Wer fremd ist, gewinnt einen neuen Standpunkt, er wird, ob er will oder nicht, ein wahrer Weiser. Wer hat uns eingeredet, dass es gut und trefflich sei, stets und ständig dazuzugehören? Nur der Fremde versteht die Welt.“

Darum erzählt auch Jakob eine Ringparabel, aber bei ihm endet sie so: „Eben so wie diese drei Ringe sind die drei Religionen. Und wer in der einen geboren wurde, sollte die beiden anderen nehmen wie Schuhe und sich auf den Weg machen zur Erlösung.“ Das ist es, was er tut und was er lehrt: „Wer Erlösung sucht, muss Sorge tragen, dass drei Dinge Veränderung erfahren: der Ort seiner Wohnstatt, sein Name, seine Taten.“ Im Untertitel steht bereits alles Wesentliche: „Eine große Reise über sieben Grenzen, durch fünf Sprachen und drei große Religionen, die kleinen nicht mitgerechnet. Eine Reise, erzählt von den Toten und von der Autorin ergänzt mit der Methode der Konjektur, aus mancherlei Büchern geschöpft und bereichert durch die Imagination, die größte natürliche Gabe des Menschen. Den Klugen zum Gedächtnis, den Landsleuten zur Besinnung, den Laien zur erbaulichen Lehre, den Melancholikern zur Zerstreuung“.

Blick auf Polen

Es zeigt sich also Tokarczuks Freude an Weitschweifigkeit – dem Barock nicht fremd, aber unseren Jahren auch nicht –, die jedoch keine Manier ist, sondern sehr konkret und von beträchtlicher Schärfe. Denn was zum Beispiel bietet das Buch denn „den Landsleuten zur Besinnung“? Den Blick darauf, dass in Polen seit jeher die Völker miteinander zurechtkommen mussten, dass in Polen polnisch, jiddisch, deutsch und vieles mehr gesprochen wurde. Dass nicht alle Menschen, die in Polen gelebt haben, Katholiken waren. Dass das alles nicht einfach ist, aber auch nicht schlimm, vielleicht sogar schön, jedenfalls ein Fakt.

„Die Jakobsbücher“ sind ein ausuferndes Buch, in dem sich aber nichts Überflüssiges findet. Die „andere Seitennummerierung“ – die Seitenzahlen laufen rückwärts – „ist eine Verbeugung vor den hebräischen Büchern“, so die Autorin in den Schlussbemerkungen, „zugleich möchte sie daran erinnern, dass jede Ordnung eine Frage der Gewohnheit ist“. Dadurch entsteht auch der Sog eines gewaltigen Countdowns, der am Ende den Zeitraum zwischen 1752 – Chmielowski besucht Elischa Schor – und dem Zweiten Weltkrieg umfasst. Denn 1942 finden fünf jüdische Familien, 38 Personen im Alter von fünf Monaten bis 79 Jahren Schutz vor ihren deutschen Verfolgern ausgerechnet in jener Höhle, in die Jahrhunderte zuvor der unsterbliche Leichnam von Tante Jenta gebracht worden ist – zu ihrer Sicherheit in unruhigen Zeiten.

Triftiges in Klammern

Es gibt viele Klammern in diesem Buch, Tante Jenta ist die stillste und gewaltigste: Sie liegt im Sterben, damit aber eine große Hochzeit nicht verschoben werden muss, soll sie noch ein bisschen weiterleben. Das kabbalistische Zauberwerk nimmt einen außerplanmäßigen Verlauf (eine Verfluchung erweist sich nachher als weit effizienter). Tante Jenta lebt nicht mehr, sie ist aber auch nicht tot. Sie sieht alles, was im Buch geschieht, was zuvor geschah und was geschehen wird.

Die triftigste Klammer ist das Leben des Jakob Frank, 1726 in einer jüdischen Siedlung in Polen-Litauen geboren (heute gehört der Ort Koroliwka zur Ukraine), und 1791 in Offenbach am Main gestorben. Der Gründer und Messias der zwischenzeitlich riesigen Gemeinde der Frankisten, der zum Islam und später gemeinsam mit seinen Anhängern zum Katholizismus konvertierte, tritt uns als charismatische, eigenwillige Figur entgegen, als einziger ausschließlich aus der Sicht seiner Umgebung geschildert. Seine immer wieder überraschenden Wendungen und Ideen sind Freude und Schrecken zugleich – er selbst bleibt wahrlich eine befremdliche, übergriffige Gestalt, keine der sympathischen.

Entspannte Erzählerin

Die Frankisten, durchaus Fanatiker in einer fanatischen, endzeitlich gestimmten Zeit (in weiter Ferne, so nah), leben in einer Art Kommune, die sich eigene Regeln gibt. Promiskuität und freisinniges Denken gehören dazu, Frauen reden, rechnen, rechten mit und interessieren sich dafür, „Nein sagen zu dürfen“. Gitla, die ihre eigenen Wege geht, hat von einer Methode aus Frankreich gelesen, kleinen Kapuzen aus Schafsdarm, in denen der Samen hängenbleibt. Die möchte sie haben und auf dem Wochenmarkt an alle Frauen verteilen, damit sie nicht immer schwanger oder im Wochenbett oder mit Kind an der Brust sein müssen.

Tokarczuk ist eine sehr entspannte Erzählerin, mit Sinn für Schrecken, Vergnügen und Witz einer Situation: Die Verlegenheit eines allzu reich beschenkten Kindes. Die Vorfreude beim Öffnen eines Briefes. Die Gewalttat, die nicht zu überleben ist, selbst wenn man sie überlebt. Tokarczuk schlägt einen nur sporadisch altertümelnden Ton an, jedenfalls lassen Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein in ihrer Übersetzung selten und dann sehr elegant einen solchen anklingen – am häufigsten, wenn Briefe gewechselt oder Aufzeichnungen niedergeschrieben werden. Die Sprache ist der Schlüssel zu allem: „Welcher Sprache jemand sich bedienet im Sprechen, derer bedienet er sich auch im Denken.“ Immer wieder wird im Laufe des Geschehens und der Jahre jemand gleichmütig oder interessiert Chmielowskis „Neues Athen“ aufschlagen. Bücher und Ideen finden ihren Weg. Dass dieser Roman, in dem auch der Tod haust und wütet, trotzdem so hoffnungs- und lebensvoll ist, macht die 57 Jahre alte Olga Tokarczuk zu einer erschütternd idealen Literaturnobelpreisträgerin.

Olga Tokarczuk Die Jakobsbücher. Roman. A. d. Poln. v. Lisa Palmes u. Lothar Quinkenstein. Kampa, Zürich 2019. 1184 S., 42 Euro.