Es muss eine Verschwörung gewesen sein, wohl orchestriert und organisiert von einem der mächtigsten Familienclans in den USA: Im allerletzten Augenblick entschied sich vergangenes Jahr der Sender History Channel, die achtteilige Serie „Die Kennedys“ nicht auszustrahlen. Dabei hatte er zuvor alle Drehbücher genehmigt, prominente Schauspieler wie Tom Wilkinson und Katie Holmes engagiert und immerhin 25 Millionen Dollar in die Produktion investiert. Dann jedoch verkündeten plötzlich die Programmverantwortlichen: „Nachdem wir das Endprodukt gesehen haben, sind wir zu dem Schluss gekommen, dass es den Ansprüchen der Marke History nicht genügt.“

Dieser Sinneswandel kam nicht von ungefähr, glauben die Produzenten von „Die Kennedys“ Joel Surnow und Jon Cassar. Schließlich hätten sich liberale Journalisten, Historiker und ehemalige Mitarbeiter der Kennedys ihnen gegenüber skeptisch gezeigt, seit sie das Projekt in Angriff genommen hatten. Sie fragten: Wieso sollten ausgerechnet zwei konservative Produzenten, die zuvor für den reaktionären Sender Fox die folterfreundliche Anti-Terror-Serie „24“ gemacht haben, nun die Geschichte der Kennedys erzählen wollen, in deren Mittelpunkt John F. steht, eine Ikone der Liberalen im Lande?

Der Dokumentarfilmer Robert Greenwald (u. a. „Outfoxed“) besorgte sich frühe Fassungen der Drehbücher und befand, dass JFK und seine Familie in den Schmutz gezogen werden. John F. Kennedys ehemaliger Berater und Redenschreiber Ted Sorensen erkannte einen Rufmord, während andere Experten historische Fehler und drastische Vereinfachungen monierten. Das alles soll, zumindest laut dem Magazin Hollywood-Reporter, JFKs Tochter Caroline und ihre Nichte Maria Shriver derart aufgebracht haben, dass sie ihre Kontakte spielen ließen und letztlich erreichten, dass die Eigentümer des History Channel die Serie zurückzogen. Einige andere Sender hätten es nach dieser Vorgeschichte vorgezogen, die Serie nicht zu übernehmen, so dass sie bei einem völlig unbekannten Kabelprogramm gelandet ist.

Biedere und kitschige Familiengeschichte

Was für eine tolle Verschwörungsgeschichte! Sie würde man gerne als Film sehen, denn da ist alles dabei. Mauschelei und Medienkampagne, Drama und Komik – und ein tiefer Einblick in eine Gesellschaft, in der es jeder für möglich hält, dass eine Geld-Dynastie den Heldenmythos ihres größten Sohnes gegen den Angriff rechter Kleingeister und Unterhaltungskünstler mit aller Macht verteidigt.

Stattdessen muss man sich eine so unfassbar biedere und kitschige Familiengeschichte der Kennedys anschauen, dass man das negative Verdikt des History Channel nur zu gut verstehen kann und sich wünschte, auch Arte hätte uns diese Schmonzette erspart.

Schon gleich am Anfang wird das Drama in nuce erzählt: JFK hält eine pathetische Rede am Abend vor seiner Wahl zum Präsidenten 1960, Schnitt, JFK steht im Badezimmer und nimmt Tabletten aus diversen Döschen ein. Der großartige, aber schwer kranke Mann. Rückblende. Joseph Kennedy, JFKs Vater, ist Botschafter in London, wird 1941 aber abberufen, weil er gegen Amerikas Eintritt in den Krieg agitiert, und verspricht daraufhin: „Diese Familie wird nicht verschwinden!“ Ja, so einfach kann Geschichte sein.

Danach erzählen Surnow und Cassar umständlich mit allerlei Rückblenden, wie Josephs ältester Sohn Joe, der eigentlich für die große politische Karriere ausersehen war, im Krieg fällt und JFK seine Rolle einnimmt. Mit dem Geld des Vaters und einigen Tricks bringt er es schon 1946 zum Kongressabgeordneten und später zum Präsidentschaftskandidaten. Auf dem Weg dahin lernt er Jackie kennen, die als attraktive und kluge Frau aus gutem Haus eine ideale Partie ist. Also macht er ihr einen Heiratsantrag. Sie antwortet: „Ist denn Ehe das, was du willst?“. Er: „Ja.“ Sie: „Und ich bin die Richtige?“ „Ja. Ich werde immer für dich sorgen.“ Es folgen Affären und die Pleite in der Schweinebucht, Kubakrise und die Ermordungen der Brüder.

Die Kennedys als Fernsehflop

Bei den hölzernen Dialogen und der holzschnittartigen Erzählweise wundert es einen nicht, dass die Einschaltquoten in den USA und auch in England von Folge zu Folge flott sanken. Den Machern ist es tatsächlich gelungen, eine der schillerndsten Familiengeschichten jeglichen Reizes zu berauben, in dem sie die Charaktere zu Karikaturen degradieren: Joseph ist der Patriarch, der alles lenkt, JFK und sein Bruder Bobby sind selbst als Präsident und Justizminister willenlose Erfüllungshilfen, und die Frauen nehmen alles hin, was die Männer tun.

Fast alle wesentlichen Konflikte, vor allem die politischen zwischen Vater und Söhnen, haben die Macher ausgespart. Weder erfährt man, dass JFK den Isolationismus seines Vaters ablehnte, noch spielt der Vietnam-Krieg irgendeine Rolle. Das ist nicht nur historisch eine zumindest eigenwillige Interpretation – was Surnow und Cassar zusteht –, es ist schlicht fad. Hoffentlich haben sich die Kennedys das nie angeschaut.

Die Kennedys, acht Folgen, Arte. Die ersten drei Folgen zeigt der Sender am 26.07. ab 20.15 Uhr, die Folgen vier bis sechs laufen am 2. August, die letzten beiden am 9. August, jeweils 20.15 Uhr.