Tina Turner 1991 bei „Wetten, dass …?“
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BerlinVor ihrem Auftritt während der 50. Grammyfeierlichkeiten 2008 holte Beyoncé weit aus. Wie sie als kleines Mädchen von den Preisen geträumt habe, wie ihr klar gewesen sei, dass dazu der „Beat von Donna Summer, der Spirit Mahalia Jacksons, der Jazz Ella Fitzgeralds“ nötig sei. Dann sagte sie: „Aber es gibt eine Legende, die all dies vereint, den Glamour, den Soul, die Leidenschaft, die Kraft, das Talent.“ Und begrüßte „die Königin“: Tina Turner, ihr größtes Idol.

Bis heute gibt es keinen weiblichen Popstar, der auch sechzig Jahre nach seinen Bühnendebüt in der breiteren Öffentlichkeit noch immer derart strahlt, obwohl Tina Turner bereits vor zehn Jahren abgedankt hat und ihren glücklichen Ruhestand im Chateau Algonquin am Zürcher See genießt.

Das liegt natürlich auch daran, dass seit dem vorigen Jahr junge Avatare auf den Musicalbühnen in London, Hamburg und Berlin die „Tina“ im gleichnamigen Bio-Musical geben. Mehr noch liegt es aber an der dramatischen und doch entschlossenen Karriere der Sängerin, die auf ganz verschiedene Weise und bis zum zwischenzeitlich wenig wahrscheinlichen Happy End vom Durchsetzungskampf von Frauen im Pop und in der Welt erzählt.

Musikalisches Kraftpaket

Anna Mae Bullock, am 26.11. 1939 in Nutbush, Tennessee geboren, war erst 17, als sie ihr späterer Mann Ike Turner in die vergleichsweise glamouröse R&B-Welt holte. Sie entkam dadurch der Jugend im ländlichen Tennessee, die sie als Erntehelferin und Dienstmädchen verbracht hatte, was im von der Rassentrennung beherrschten Süden zweifellos die realistische Zukunftsperspektive gewesen wäre. Ike Turner, acht Jahre älter als sie, war damals schon ein gut etablierter und auch innovativer Musiker, als Pianist, Gitarrist und Bandleader – aber auch als Talentscout, der Leute wie Howlin’ Wolf und Bobby Bland ins Geschäft gebracht hatte.

Das US-amerikanische Rock-Duo Ike und Tina Turner tritt in Kalifornien auf (undatierte Aufnahme).
Foto: dpa/ Bert Reisfeld

Mit Tina, so taufte er sie, legte er buchstäblich Hand an den Durchbruch zu höheren Starweihen. So disziplinär er seine Bands führte, so unerbittlich modellierte er die Sängerin mit dem kraftvollen, blues-rauen und soulerdigen Ton zu einem hypersexualisierten musikalischen Kraftpaket. Ihre Auftritte galten schnell als die energischste, aufregendste und erotischste Show im R&B, die Singles saßen sicher und bis in Grammybereiche in den Charts. Recht früh jedoch begann Ike, dem Ruf nach cholerisch, zudem bald chronisch kokaingereizt, seine Frau zu demütigen und zu prügeln. Bei den Aufnahmen zu Tina Turners langlebigstem Hit, „River Deep Mountain High“, verbot ihm der Produzent Phil Spector vertraglich, das Studio zu betreten. 1985 erklärte Ike Turner, der die Vorwürfe immer zurückwies, in einem erregten Interview: „Ja, ich habe sie geschlagen – aber nicht mehr, als der Durchschnittsmann seine Frau schlägt.“ 1968 versuchte Tina Turner sogar, sich aus Verzweiflung das Leben zu nehmen. Ike, so schreibt sie in ihren Erinnerungen, habe sie beschimpft und gleichsam aus dem Krankenhaus zurück auf die Bühne getrieben.

Die Show ging indes nicht nur weiter, sondern erreichte nach einer Tour mit den Rolling Stones 1969 sogar eine neue Dimension. Tina Turner verband in ihrer heiseren Performance, die bekanntlich auch Mick Jagger inspirierte, die Energie und die sexuelle Verheißung des Rock mit einem ebenso schwarzen wie weiblichen Selbstbewusstsein, das bei aller aggressiven Sinnlichkeit auch Zorn und Verletzbarkeit zu Ausdruck brachte. Sie wurde, so Atlantic-Labelchef Jerry Wexler, „mit dreißig zum Sexsymbol der Blumenkinder“, mit Hits wie dem CCR-Hit „Proud Mary“ oder dem raffinierten, harten Funkrock „Nutbush City Limits“.

Mutige Wendung

Nachdem sie sich 1976 endlich von Ike getrennt hatte, schien ihre Karriere zunächst in Las-Vegas-Präsenz und Fernsehprominenz abzudriften. Doch in einer ebenso erstaunlichen wie mutigen Wendung erfand sie sich noch einmal neu: Ihr enormer Mainstreamerfolg wirkte wie ein Tritt in den Unterleib der Pop-Industrie. Musikalisch kann man über die Orientierung am     Massengeschmack, von „Private Dancer“ über „Simply The Best“ bis  „Golden Eye“ diskutieren. Noch immer hallt jedoch ihre bis zur Abschiedstour im Alter von siebzig Jahren ausgebaute Selbstdarstellung nach – die Entschlossenheit, mit der sie Ikes ursprüngliche erotische Männerprojektion zur Ikone selbstbewusster Weiblichkeit inszenierte, soultief, sinnlich und fordernd.

Aretha Franklin, bekanntlich die Queen of Soul, hatte damals auf die Inthronisierung Tina Turners zur Königin durch Beyoncé ziemlich verschnupft reagiert. Hatte sie selbst ihre Würde doch gerade gegen das sexuell aufgeladene Image schwarzer Künstlerinnen gesucht. Tina Turners Verdienst besteht allerdings nicht allein darin, diesen Begehrlichkeiten erfolgreich ein selbstbewusstes weibliches Begehren entgegenzuhalten. Sie hat es auch als Erfolgsmodell über all die Jahre in Bewegung gehalten.