Da war noch alles in bester royaler Ordnung: Königin Elizabeth II. (r.) mit ihrem Lieblingsenkel Prinz Harry und dessen Frau Meghan - im Juni 2018.  
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BerlinKönigin Elizabeth II. hat das einzig Richtige getan: Sie hat ihr Königshaus gerettet, aber sie hat nicht nur Strenge walten lassen. Denn mit der überraschenden, nicht einmal mit der Queen abgesprochenen, also vollkommen einseitigen Ankündigung, sich weitgehend von ihren royalen Pflichten zurückzuziehen, haben Prinz Harry und seine Frau Meghan das britische Königshaus in eine Krise gestürzt. Dem Familienoberhaupt der Windsors blieb deswegen nichts anderes übrig, als Harry und Meghan alle königlichen Titel und Privilegien zu entziehen. Zugleich betonte die Queen aber, dass beide „immer sehr geliebte Mitglieder meiner Familie sein werden“, und vermied somit eine übertriebene Härte, wie seinerzeit bei Lady Dianas Tod.

Harry und Meghan haben eine steile Karriere hinter sich, nach oben, wie nach unten: Erst wurden sie zum royalen Traumpaar hochgejubelt, dann als Totengräber der Monarchie angefeindet. Tatsächlich ist die von ihnen ausgelöste Krise nicht zu unterschätzen – wenn man die Monarchie denn als gesellschaftliches Phänomen ernst nehmen möchte. Und das hieße zu konstatieren, dass sich die Windsors – wie die meisten anderen Königshäuser auch – im Rahmen einer konstitutionellen Monarchie demokratisch haben einhegen lassen und damit weitreichend auf politische Herrschaftsansprüche verzichteten. Ohne diese Modernisierung wären sie längst in der Bedeutungslosigkeit verschwunden.

Traditionsschwerer, anti-moderner Anachronismus

In der Folge blieb ihnen als Legitimationsgrund einzig der willkürliche, nicht an irgendwelche Verdienste, mithin also zufällige Befund ihrer Blutsbande. Genau sie sind der dünne Faden, an dem das Wohl und Wehe der modernen Monarchie hängt und genau sie haben Harry und Meghan nun übermäßig strapaziert: Kein Königshaus, insbesondere das britische Königshaus nicht, ist bloß ein Fitnessclub, in dem man ein- und bei Nichtgefallen wieder austreten kann. Die Windsors sind ein traditionsschwerer Anachronismus, der sich mit einem klugen Machtverzicht in die Moderne gerettet hat, aber doch ein Stück Nicht- oder, genauer: Anti-Moderne bleibt. Diesen feudalen Rest muss sich eine Gesellschaft leisten können wollen.

Die Windsors haben wie auch andere Königshäuser versucht, sich den modernen Verhältnissen anzupassen versucht und sich auf dieses Weise neben der Blutsbande gewissermaßen ein zweites Standbein aufgebaut: Mit demonstrativer Leistungsbereitschaft wollten die Windsors allen Anfeindungen und Infragestellungen im Voraus begegnen, so als würden sie ihr Geld auch wirklich verdienen. Die Queen selbst ist da das uneinholbare Vorbild, ihre eherne Disziplin, ihr striktes Arbeitspensum bis ins hohe Alter hält nicht nur den royalen Laden zusammen, sondern verschafft ihrer staatlich alimentierten Familie zusätzliche Legitimität. Niemand soll der Königin nachsagen können, sie mache einen schlechten Job.

Die Möglichkeit zum Rückzug vom Rückzug

Auf diese fragile Balance aus feudalem Anachronismus und moderner Meritokratie zielt Harrys und Meghans Rückzug. Ihr zeitgemäßer und ja auch grundsympathischer Anspruch auf mehr Selbstverwirklichung ist zu viel Modernität für den Anachronismus, dem sie der Herkunft nach oder mit dem Beitritt verpflichtet sind - sie rütteln an den Grundfesten der Monarchie. Deshalb gab es nur den harten Megxit als Option, alles andere hätte das Königshaus Windsor in die Selbstaufgabe getrieben. Schon jetzt rumort es im Commonwealth, in Australien etwa werden wieder Stimmen laut, die ihr Land in eine Republik verwandeln wollen. Sie glauben, auf das launige Entertainment-Angebot der Windsors gut verzichten zu können.

In all der Aufregung sollte man allerdings auch nicht übersehen, dass in der Erklärung der Queen auch die Möglichkeit zu einem Rücktritt vom Rücktritt vorgesehen ist. Etwas versteckt zwar, aber doch offensichtlich: Meghan und Harry lassen den Titel „Ihre königliche Hoheit“ nur ruhen, sie verlieren ihn aber nicht. Somit stünde im Fall der Fälle einer Rückkehr in den engeren Zirkel der Königsfamilie nichts im Wege. Überdies hätte der Verlust des königlichen Titels bedeutet, dass beide vor den anderen, nunmehr höherrangigen Mitglieder des Königshauses hätten knicksen müssen. Eine allzu peinliche Vorstellung.