Aus Jonas Wendelins Serie "Only", 2020. Raku, Fired Ceramic Sculptures.
Foto: Jonas Wendelin/Galerie Dittrich & Schlechtriem/Jens Ziehe

Berlin-Passionierte Galeristen wie André Schlechtriem nehmen so einiges in Kauf, damit ihre jungen Künstler sich entfalten können. Gerade hat der Düsseldorfer Konzept-Artist Jonas Wendelin, Jahrgang 1985 und vormals UdK-Meisterschüler von Hito Steyerl sowie Labor Raumexperimente-Student von Olafur Eliasson, sämtliche Fenster und Türen der Mitte-Galerie Dittrich & Schlechtriem mit seiner selbst verlegten Zeitung völlig zugeklebt.

Die dystopische Titelgeschichte des Blattes lautet: „Crisis of Fiction“. Der reguläre Galeriebetrieb ist zum Erliegen gekommen. Und um sein  Gesamtkunstwerk „The Allusion“ komplett zu machen, setzt Wendelin die „Abdeckung“ der Welt da draußen, zur Linienstraße und zum Hof hin, konsequent auch noch eine Etage höher fort. Die Fenster der Wohnung des Galeristen sind dicht beklebt mit der Krise der Fiktion.

Die englischen Texte von Autoren in der Gazette beziehen sich auf Arbeiten von Wendelin selbst, von Künstlerkollegen, Architekten, Schriftstellern und Kunstkritikern. Lesbar ist auch ein enger Bezug zum 2019 verstorbenen Bildhauer Martin Roth, ein Österreicher, der in New York lebte und zum Künstlerkreis der Galerie Dittrich & Schlechtriem gehörte. Die Symbiose von Mensch und Natur war das große Thema seiner auf den Schutz der Tier-und Pflanzenwelt gerichteten Kunst. Seine dystopischen Installationen etwa aus totem Holz und  umgekommenen Tieren wurden zu seinem Vermächtnis. Nun auch in Wendelins Zeitung. 

Was für ein Statement! Eine gesellschafts- und kulturkritische, anachronistische Papier-Zeitung als fanal-haftes Kunstwerk. Auf das sinnlich Erfahrbare, abseits der heutigen digitalen Welten, setzt Wendelin im Galerieraum. Ganze Stapel besagter Zeitung sind zum Mitnehmen gedacht. Jeder Besucher hat dann die konzeptuelle Grundlage des Gesamtkunstwerkes bei sich zu Hause. Im durch die Zeitungsbögen abgedunkelten Raum sind die Bücherregale ausgeräumt, überall stehen altmodische Einweckgläser mit Großmutters Einkochgummi samt praktischer Lasche zum Öffnen herum. Sie sehen im Restlicht wie archaische Skulpturen aus, Artefakte aus fernen Zeiten, gefüllt mit Stachelbeeren, Pflaumen, Johannisbeeren, Marmelade.

Daneben stehen Mostflaschen, eine jede verschlossen mit der traditionellen braunen Gummiflutsche, die den Saft lange konserviert. Der ganze Anblick im schummerigen Ambiente ist eine „Konservierung“, erzählt Geschichten von früher, erinnert an Alltags-Lebensweise, wo derartige Vorräte noch überlebenswichtig waren. Freilich wird auch heute noch auf dem Land und bei Gartenbesitzern die eine oder andere Frucht so eingekocht, in Zeitschriften wie „Landlust“ gilt es sogar als ökologisch-hipp. Wendelin indes will uns wohl sagen, dass dieses vormoderne, vorsorgliche Ernten, Konservieren, Bevorraten mit dem heutigen, ökologisch wenig Ressourcen schonenden Konsum-Überfluss in den Supermärkten der späten Moderne nichts zu tun hat.

Im ganzen Raum und auf den Treppen zur Ausstellungshalle im Souterrain knirscht Sand unter den Füßen. Dort, unterm flackernden Neonlicht, liegen in Grüppchen Reste von hohlen Baumfrüchten und Samenkapseln. Es könnten Kiefern- oder Pinienzapfen sein. Die erste Assoziation ist die einer ökologischen Katastrophe. Dann sieht man deutlich, wie fein Jonas Wendelin diese kruden, teils wie angekokelten Gebilde aus Keramik geformt, gebrannt, dann in  Reihenfolgen wie für eine Demonstration des Überlebens und der Evolution  arrangiert hat. Er wendete teils die uralte, raffinierte japanische Raku-Technik an. Dabei werden Keramikskulpturen in Metallbehälter gelegt, die mit Papier gefüllt sind, das bei den 1800 Grad Hitze im Brennofen in Flammen aufgeht. So aber bekommen die Glasuren geradezu überirdische Farben. Die vermeintlichen Baumfrüchte, das ist die tröstliche Botschaft, die aus der Dystopie erlöst und neu Hoffnung gibt, sind Gefäße, aus und in denen wieder Neues entstehen kann.

Neues, für das Jonas Wendelin eintritt, auch, indem er das Berliner Nonprofit-Kunstprojekt „Fragile“ mitgegründet hat und auch leitet. „Wir stellen kulturelle Routinen in Frage“, erklärt er. Dazu gehören teils unkommerzielle Ausstellungen, auch in Galerien, wie bei André Schlechtriem. Und die Initiative setzt eigenes Geld zu, überzeugt Sponsoren und lädt Künstler aus allen Richtungen der Windrose zur „Art in Residenz“ ein.

Galerie Dittrich & Schlechtriem Linienstr. 23. Bis 29. August, Mo-Sa 11-18 Uhr