Marianne (Fanny Ardant)
Foto: Constantin Film 

BerlinDie Zumutungen der Gegenwart erträgt der Mann nicht mehr. Einst ein angesehener Comic- und Cartoonzeichner, hat ihn die Zeitung lässt stillgelegt, dem Digitalen verweigert er sich, Handys widern ihn an. Daniel Auteuil, in der Maske deutlich gealtert, spielt diesen Unzeitgemäßen mit jener versonnenen Melancholie, die ihn vom gewöhnlichen Miesepeter abhebt, und schließlich  – er hat doch Recht: Alle starren auf ihre Tablets, jeder meint, er müsse sich permanent optimieren, und wer raucht, gilt als asozial.

Mit VR-Brille ins Bett

Victor, so heißt er, hat als aussortiertes Zeichengenie jede Solidarität verdient. Aber so einfach schlägt sich Regisseur Nicolas Bedos nicht auf seine Seite.  Auch andere Figuren wollen zu ihrem Recht kommen, das Recht auf Zukunft etwa, das die geldverdienende Ehefrau (Fanny Ardant) für sich einfordert. Die Psychotherapeutin betrügt ihren Mann mit seinem besten Freund und ist begeisterte Userin einer VR –Brille, die sie gern im Bett trägt. Könnte bieder sein, diese Art von Gegensatz-Paar, ein wenig wie bei Familie Monsieur Claude, aber Nicolas Bedos will viel mehr, als nur von der Liebe in ihrer Langzeitform erzählen.  

In „Die schönste Zeit unseres Lebens“ geht es um die Kunst der Illusion und wie nebenbei auch um das sich abzeichnende Ende des Kinos. Mit feiner Selbstironie erfindet Bedos eine mögliche Zukunft, kann doch das Kino den eskapistischen Ansprüchen heutiger Zeitgenossen nicht mehr genügen.   Ein neurotischer Unternehmer (Guillaume Canet) bietet Zeitreisen in andere Epochen an, in die eine zahlungskräftige Klientel  eintauchen kann, als wäre es das eigene Leben. Zum Anfassen echt, ein wenig wie die Illusionsmaschinen des späten 19. Jahrhunderts, die Panoptiken der Jahrmärkte, nur eben technisch brillant. Hofkurtisane zu Zeiten Napoleons, Nazi-Kitsch, alles ist möglich, in Studios werden die Wunschwelten nachgebaut, Schauspieler, die sonst keinen Job mehr finden, werden als Mitspieler engagiert.

Die schönste Zeit unseres Lebens 

Frankreich 2019. Regie: Nicolas Bedos. Darsteller:  Daniel Auteuil, Fanny Ardant, Doria Tillier u.a., Farbe, 115 Minuten  

Das freche Mädchen

Irgendwann löst Victor seinen Gutschein ein. Er wünscht sich die Rückkehr in einen Tag im Jahr 1974, damals, als er einen Menschen kennenlernte, den er sehr liebte, Marianne. Fanny Ardant lässt jedes Lebensalter in ihrem Spiel durchscheinen, allein diese beiden Giganten ihrer Kunst tragen diesen Film. Mit großem Genuss inszeniert Nicolas Bedos die Siebzigerjahre, die vermutlich so oft verklärt werden, wie sonst kaum ein Jahrzehnt. Wie jeder noch mit jedem redete, wie jeder sein konnte, wer er war, und die Liebe erst. Auteuil, nun mit Schnauz und Schlaghosen-Anzug, begegnet in einem verräucherten Café diesem großgewachsenen, rothaarigen Mädchen, das so frech antwortet und ihn in ihrer klapprigen Ente auf eine Party entführt. Es dauert nicht lange, und Victor schwindet der Sinn für Realität. Er will mehr, vor allem mehr von jener Schauspielerin, die die junge Marianne verkörpert.

Nostalgie und Verleugnung

 Bedos wechselt zwischen den Erzählebenen so leicht, wie man in einer Wohnung von einem Zimmer ins andere geht, die Handkamera signalisiert Gegenwart, die Inszenierung der Vergangenheit ist nahezu statisch aufgenommen. Der Regisseur dieser Illusionskapseln ist endgültig zum Dienstleister geworden. Wenn der Kunde Regen wünscht, dann regnet es, es wie in nur in Paris regnen kann.   Doch Nostalgie, das wispert dieser Film als leise Botschaft, beruht auf Verleugnung. Für Marianne waren die Siebziger eine furchtbare Zeit. Nicht nur der schrecklichen Abtreibungen wegen. „Ich hatte das Gefühl, in einem Aschenbecher zu leben.“