Fassbinder-Filmkostüme von Barbara Baum in der Deutschen Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen. Rechts für Barbara Sukowa in „Lola“ (1981) und Rosel Zech in „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ (1982).     
Foto: dpa/Britta Pedersen in

BerlinKostümbildner klagen oft darüber, dass sie Anerkennung und Preise in der Regel nur für Historienfilme erhalten. Ihre Kunst ist besonders anfällig für Trugschlüsse: Bei historischen Stoffen ist ihre Arbeit schlicht augenfälliger; Pracht kann sich eindrucksvoller entfalten, wenn der Glanz ferner Epochen beschworen wird. Aber wer dieses Metier ausübt, weiß, dass jeder Spielfilm ein Kostümfilm ist.

Die vielfach ausgezeichnete Barbara Baum wird sich gewiss ebenfalls über diese Sichtverengung auf ihren Beruf ärgern. Aber sie hat vielleicht weniger Grund zur Klage, denn der rote Faden, der sich durch ihr Werk zieht, ist die Zeitgeschichte; zumal die deutsche des 20. Jahrhunderts. Ihr Name verbindet sich mit historisch akkuraten Ausstattungsfilmen wie „Die Ehe der Maria Braun“, „Berlin Alexanderplatz“, „Aimée und Jaguar“ und „Die Buddenbrooks“. In ihrer stilbildenden Zusammenarbeit mit Fassbinder überhöht sich die Zeitgeschichte ins Melodram. Aber selbstverständlich weiß sie, dass ein aktueller Stoff nicht weniger Sorgfalt verlangt und ebensolche Ansprüche an Glaubwürdigkeit und Prägnanz stellt – immerhin hat sie in der Zeit des Neuen Deutschen Kinos debütiert.

Baum ist nicht nur ein Glücksfall für Kino und Fernsehen, sondern auch für Ausstellungsmacher: Sie hat wahrscheinlich mehr Arbeitsmaterialien aufbewahrt als all ihre Kolleginnen und Kollegen, und sie verfügt über ein phänomenales Gedächtnis. So gewährt der erste Saal der Ausstellung, die ihr die Deutsche Kinemathek ausrichtet, zunächst einen Blick in ihre Werkstatt. Sie hat ihr Metier nicht an der Kunsthochschule gelernt (wie beispielsweise ihr Idol Piero Tosi), sondern mit Nadel und Faden. Am Anfang stand ihre glühende Leidenschaft für Stoffe, für deren Haptik, Textur und Fall.

Barbara Baums Kostümsprache ist temperamentvoll. Sie lässt sich dank des inklusiven Ausstellungskonzepts (mit Audiodeskription und Brailleschrift) im Wortsinne begreifen: Ausgewählte Stoffproben dürfen berührt werden. Diese Inklusion ist ganz im Sinne der Künstlerin; vielleicht stand der Titel ihres bislang letzten Films „Beobachtungen eines Blinden“ dafür Pate.

In Vitrinen geben Materialien, Zeichnungen und Notizen reichlich Auskunft über eine sehr pragmatische Faszination, denn ihr Beruf erfordert nicht nur exzellentes Schneiderhandwerk, sondern auch die Fähigkeit, Drehbücher genau zu analysieren, sowie logistischen und buchhalterischen Weitblick. Bei ihr wird es immer teuer, klagten Produzenten, worauf sie erwiderte: Nein, richtig!

Kostüme aus dem Film „Querelle“ von Rainer Werner Fassbinder in der Ausstellung „Hautnah“.
Foto: dpa/Britta Pedersen

Der Ausstellungstitel „Hautnah“ weckt zunächst Assoziationen zu ihrer Arbeit mit Schauspielerinnen und Schauspielern. Diese sollen sich in ihren Kostümen wohlfühlen wie in einer zweiten, maßgeschneiderten Haut. Aber dieses Wohlfühlen ist komplex. Es muss einhergehen mit dem Erspüren der Figuren. Baums Kostümbilder verraten eine zweifache Einfühlung. Sie sind auf diejenigen abgestimmt, die sie tragen – man achte nur einmal darauf, wie ihre Hüte die Kopfform Hanna Schygullas betonen –, und helfen ihnen, ihre Figuren zu finden. Oft geben sie bereits eine Haltung vor. Sie signalisieren sozialen Status, verleihen Stimmungen stoffliche Präsenz.

Berlin ist die zweite Station dieser Schau, die vom Deutschen Filminstitut und Filmmuseum in Frankfurt übernommen wurde. Dort wird sie wohl umfangreicher gewesen sein, hier ist sie in zwei Sälen überschaubar. Der zweite Raum ist ganz der Schaulust gewidmet, darin sind Kostüme aus verschiedenen Phasen von Baums Schaffen reizvoll drapiert. Auch international war die Eleganz ihrer Entwürfe gefragt: Sie kleidete Jeanne Moreau, Franco Nero, Burt Lancaster und Faye Dunaway ein. Aus den Zeugnissen von Weggefährten klingt einhelliges Lob. Sollte es in der Karriere einer solch anspruchsvollen Künstlerin nicht auch Konflikte und Widerspruch gegeben haben?

Zu dem affirmativen Gestus der Schau fügt sich der beinahe exklusive Fokus auf Historienfilme. Dort findet Baums Kostümdramaturgie ihre unverwechselbare Ausprägung. Sie etabliert augenblicklich Epochen und Orte, betreibt eine hingebungsvolle Archäologie verschollener Originalstoffe und ist fasziniert von Umbrüchen: Familienepen gestatten es ihr, den Wandel männlicher und weiblicher Silhouetten im Gezeitenschlag der Moden und Sitten nachzuvollziehen; besonders genau ist ihr Blick auf die Verwerfungen der Nachkriegszeit, von der Stegreifgarderobe der Trümmerfrauen bis zum restaurativen Klima des Wirtschaftswunders. Fürwahr, diese Kostümbildnerin ist eine begnadete Erzählerin: von Geschichte und Geschichten.

Hautnah bis 3.5.2021 im Museum für Film und Fernsehen (www.deutsche-kinemathek.de)