Berlin - Wenn eine Ordnung zerfällt und eine andere noch nicht in Aussicht ist, nennen das manche „die beste Zeit“. Am Ende steht Katzenjammer: Frei nach Bertolt Brechts letzten Zeilen aus seinem Stück „Im Dickicht der Städte“: „Das Chaos ist aufgebraucht. Es war die beste Zeit.“

Das Chaos erleben die beiden Mädchen Eka (Lika Babluani) und Natia (Mariam Bokeria) in der georgischen Haupstadt Tiflis, im Sommer 1992. Die Sowjetzeit ist zu Ende. An den Grenzen zu Abchasien eskaliert ein Konflikt, das Land droht in einen Bürgerkrieg zu stürzen. Hunger bricht aus; in langen Schlangen stehen Menschen vor Lastwagen, aus denen Brotlaibe herausgereicht werden. Ein Mädchen drängt sich vor, nur knapp entgeht es der lynchbereiten Menge.

So beginnt der Film „Die langen hellen Tage“ der beiden Regisseure Nana Ekvtimishvili und Simon Groß, Jahrgang 1978 und 1976, die im Jahr 2007 bereits gemeinsam an „Fata Morgana“ arbeiteten. Nana Ekvtimishvili hat den Umbruch in Tiflis als Vierzehnjährige selbst erlebt. Doch anders als die still wütenden „Eisenkinder“ der DDR scheint sie die Abwesenheit jeder Autorität in dieser Zeit als Glück erfahren zu haben. Denn davon erzählt dieser Film. Vom Glück, stark zu werden, in einer Umgebung, in der die Eltern schwach sind.

Dabei ist die Lage in Tiflis in dieser Zeit durchaus lebensgefährlich. Marodierende Gangs kontrollieren ganze Viertel. Mit einer Pistole herumzulaufen, ist nicht weiter ungewöhnlich – ebenso wie ein Mord am helllichten Tag. Die Gesellschaft verwahrlost ebenso wie die Wohnungen und Häuser der Stadt. Risse in den Kacheln, Risse in den Familien. Alkoholismus, Gewalt und junge Männer, die meinen, eine Frau müsse nach archaischem Brauch in ein Auto gezerrt und entführt werden als Methode der Eheanbahnung.

Ein Film mit einer besonderen Aura

Die Schule nimmt niemand mehr ernst, lieber drapieren sich die Mädchen zu Hause um den großen Salontisch herum, rauchend und singend. Das Klavier und die Bücherwände sprechen eine Sprache aus einer anderen Zeit. Jetzt schwänzt Eka den Unterricht. Was wird aus ihr? Was aus ihrer etwas älteren Freundin Natia, die schon die Blicke der Männer auf sich zieht? Warum gibt sie dem sensiblen Jungen, der für sie singt, kaum eine Chance und lässt sich in den Bann eines militanten Machos ziehen, Vorbote der bewaffneten Banden, die sich heute aufgeblähte Namen geben?

Der Film „Die langen hellen Tage“ begleitet die beiden Mädchen durch ihre Wege in einer labyrinthischen Stadt. Licht und Schatten im Wechselspiel, lange Einstellungen, die längste bei einem Tanz, den Eka auf Natias viel zu früher Hochzeit tanzt. Allein, konzentriert und kraftvoll bewegt sie sich bei einem Tanz, der eigentlich nur Männern vorbehalten ist. Indem sie das tut, stärkt sie die Freundin und sich selbst. Zwischen den beiden Mädchen ist ein undurchdringliches Band, das sie in inmitten der Verrohung und Brutalisierung schützt.

Lika Babluani und Mariam Bokeria, die Darstellerinnen von Eka und Natia, sind Laien. Oleg Mutu, der bei den großen Filmen des jungen rumänischen Kinos die Kamera führte (unter anderem bei Cristi Puius „Der Tod des Herrn Lazarescu“ und Cristian Mungius „4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage“) verlieh auch diesem Film eine besondere Aura. Er nahm die Leichtigkeit und den Mut der Mädchen auf; er begafft sie nicht, stellt sie nicht aus, hält Abstand und feiert diskret ihre Schönheit. „Die langen hellen Tage“ ist ein Film, der an das Zivile und Kultivierte erinnert, aber die künftigen Kriege schon erahnen lässt.

Die langen hellen Tage Deutschland/ Frankreich/Georgien 2013. Regie: Nana Ekvtimishvili, Simon Groß, Drehbuch: Nana Ekvtimishvili, Kamera: Oleg Mutu, Schnitt: Stefan Stabenow, Darsteller: Lika Babluani, Mariam Bokeria, Zurab Gogaladze, Data Zakareishvili , Ana Nijaradze u. a.; 102 Minuten, Farbe.