Dieser Film ist ein solches Wunder, es kann ihm kein Text gerecht werden. Vom ersten Bild zweier liebender Teenager im Bett bis zum glücklichen Atemzug einer Mutter mittleren Alters in der letzten Aufnahme: „Die Lebenden reparieren“ ist von einer großzügigen, lebensbejahenden, aufmerksamen, berückend schönen und analytisch klaren Perspektive beseelt – als sei das Leben nun mal einfach so.

Es ist Katell Quillévérés erst dritter Spielfilm, eine Adaption des Romans von Maylis de Kerangal, der nicht zu geringen Teilen in einem Krankenhaus spielt. Die Regisseurin findet darin eine Sprache, eine Stimmung und vor allem einen Blick auf ihre Figuren, der scheinbar Gegensätzliches zusammenbringt. Denn es geht um Tod, einen viel zu frühen, und um Organspenden, vor allem die wohl am wenigsten triviale, die des Herzens.

Souverän sterben

Das Unglück geschieht bereits in den ersten Minuten, und obwohl der Tod eines 17-Jährigen zu Schock, Tragik und Wut einlädt, hat er hier etwas Sanftes. „Die Lebenden reparieren“ betont die Nähe von Trauer und Zärtlichkeit, zeigt wie im Angesicht des Todes eine sonderbare Souveränität möglich ist, ein Trost, der just darin besteht, all die überwältigenden Gefühle zuzulassen, weil sie das Menschliche ausmachen.

Ein paar elegisch eingefangene Momente gehen dem Tod voraus und diese ersten Minuten sind bereits ein Kondensat von dem, was die französische Regisseurin den gesamten Film über so intensiv wie sachlich schafft: ein Gefühl für den einzelnen, existenziellen Augenblick zu beschwören.

Alles ist eine Bewegung

Als läge schon der Schleier der noch kommenden Trauer über diesen ersten Bildern, ist es still und andächtig, wenn Simon (Gabin Verdet) in der Nacht sich aus der Umarmung mit seiner Freundin löst, sich auf den Bettrand setzt, um im Dunklen ein Foto von ihr zu schießen, wie sie schläft. Selbst der ausgelöste Blitz wirkt so, als würde er sie streicheln. Simon springt aus dem Fenster aufs Fahrrad und düst durch die Nacht, begegnet bald einem Freund auf dem Skateboard, dann stoßen beide zu einem dritten im Minibus.

Alles ist eine Bewegung, wie im Traum, der Erinnerung oder eben im Film. Sie surfen, werden eins mit dem Wasser, tauchen, lassen sich mitreißen. Die Wellen des Meeres sind sehr dunkel, gleichzeitig bedrohlich und schön. Bald, da sind sie schon wieder auf dem Rückweg und ihre Augenlider schließen sich allmählich, werden sie von einer Welle verschluckt. Sie verunglücken mit ihrem Auto.

Widersprüchliche Signale

„Die Lebenden reparieren“ ist eine Geschichte ohne eindeutige Hauptdarsteller, ein bisschen wie ein Episodenfilm, in dem das Schicksal Menschen zusammenbringt, die zuvor nichts verbindet. Es gehört zu den faszinierendsten Dingen, die Quillévéré scheinbar mühelos gelingen, die disparaten Teile wie von einer gemeinsamen Energie animiert zusammenzufügen.

Da gibt es zum Beispiel den Arzt (Bouli Lanners), der hart mit einer Pflegerin (Monia Chokri) ins Gericht geht, weil sie den Eltern des bereits hirntoten Jungen widersprüchliche Signale gegeben habe. Eine Szene, die eine Auseinandersetzung um das Wohl der Patienten in einem Machtgefälle spiegelt und in ähnlicher Form zum Standardrepertoire von Krankenhaus-Serien gehört.

Die Mär vom Tiefgang 

Hier aber ist sie kein Exempel, der kleine Streit ist kein Konflikt, der die Figuren an einen Platz verweist, von wo aus sie eine funktionale Rolle für die Geschichte zu spielen hätten. Vielmehr ist er eine von vielen Nahtstellen, durch die der Organismus des Krankenhauses zusammengehalten wird.

Beide Figuren, der Arzt und die Pflegerin, haben vorher und nachher noch Auftritte, und jeder zeichnet sie etwas anders. Sie sind zweifelsohne vielschichtig, aber das ist nicht zu verwechseln mit der Mär von einer Erzählung mit Tiefgang, die ins Innere von Figuren vorzudringen vorgibt.

Die Inszenierung ist vielmehr daran interessiert, Fragmente dessen vibrieren zu lassen, was an Schauspielern und ihren Rollen nicht durchdringbar ist. Die beeindruckende Darstellerriege, die das ermöglicht, von Tahar Rahim über Emmanuelle Seigner bis Anne Dorval, sie bleibt einem nach dem Film deshalb so stark in Erinnerung, weil sie etwas zum Klingen bringt, was im Film nur angelegt ist, aber nie ausbuchstabiert wird: Wie wir leben wollen, so wollen wir sterben.

Die Lebenden reparieren Frankreich, Belgien 2016. Regie: Katell Quillévéré. Darsteller: Tahar Rahim, Emmanuelle Seigner, Anne Dorval, Bouli Lanners, Kool Shen, Monia Chokri u.a., 104 Minuten, Farbe. FSK: ab 12 Jahre