Berlin - Vor 80 Jahren, am 27. Mai 1941, sank die „Bismarck“. Der über 50.000 Tonnen schwere Koloss galt als modernstes und schlagkräftigstes Schlachtschiff seiner Zeit. Nach einem heftigen Seegefecht und der Versenkung des britischen Schlachtkreuzers „HMS Hood“ ging das Flaggschiff der deutschen Marine im Atlantik unter. Ob von britischen Torpedos getroffen oder durch eigene Sprengungen, ist bis heute ungeklärt.

Auftakt einer wundersamen Überlebensgeschichte

Fest steht: Ein Torpedotreffer hatte die „Bismarck“ bereits am Tag vor ihrem Untergang manövrierunfähig geschossen. Das Wrack wurde 1989 rund 550 Seemeilen (etwa 1000 Kilometer) westlich der französischen Stadt Brest aufgespürt. An Bord starben 2146 Männer, nur 115 überlebten das Inferno – und eine Katze.

National Maritime Museum in Greenwich
So wie auf dieser Pastellzeichnung von Georgina Shaw-Baker soll Oscar alias Sam ausgesehen haben.

Als der englische Zerstörer „HMS Cossack“ am 28. Mai 1941 aufkreuzte, hielt sich ein hilfloser Kater immer noch an einem alten Holzbrett fest. Matrosen retteten ihn und nannten ihr neues Maskottchen „Oscar“. Nach einem Bericht, der 1952 im Nautical Magazine erschien, wurde das Tier von ihnen mitunter auch als „Nazi“ bezeichnet – offenbar dem eigenen, britischen Humor geschuldet. Bis in den Herbst blieb Oscar auf der „Cossack“, die Frachter durch das Mittelmeer und den Nordatlantik eskortierte.

Der schwarz-weiß gefleckte Kater hatte sich gerade an seine neue Umgebung gewöhnt, als das Schiff am 24. Oktober 1941 einen Konvoi von Gibraltar nach Großbritannien begleitete. Vor der spanischen Küste wurde die „Cossack“ durch einen Torpedo des deutschen U-Boots „U 563“ schwer beschädigt und sank zwei Tage später. 159 Mann starben, nur rund 30 Crewmitglieder konnten gerettet werden. Ebenso wie Oscar, der auf einer Planke sitzend aus dem Wasser gefischt wurde. In Gibraltar wurde er an Land gebracht.

imago
Sams neue Heimat: Der Zerstörer „HMS Cossack“ sank am 26. Oktober 1941 vor Spanien nach einem deutschen Torpedotreffer.

Hier gab er nur ein kurzes Intermezzo. Schon bald adoptierte ihn die Mannschaft des Flugzeugträgers „HMS Ark Royal“. Ironischerweise war es das Schiff, das maßgeblich zum Untergang der „Bismarck“ beigetragen hatte. Von dort aus war der Doppeldecker gestartet, der den entscheidenden Treffer in die Ruderanlage der „Bismarck“ setzen konnte. Offiziere der „Ark Royal“, die vom Schicksal des Katers mit dem Untergang zweier Kriegsschiffe erfahren hatten, änderten seinen Namen in „Unsinkable Sam“ („Unsinkbarer Sam“).

Nach dem dritten gesunkenen Schiff galt Sam als Unglückskatze

Die „Ark Royal“ stand im Ruf, ein „Glücksschiff“ zu sein, da es mehrere Angriffe und Beinahe-Unfälle relativ gut überstanden hatte. Doch das sollte sich durch die Anwesenheit von Oscar am 13. November 1941 ändern. Nach dem Beschuss durch das deutsche U-Boot „U 81“ auf dem Rückweg von Malta rollte sich das gewaltige Schiff am Tag darauf auf die Seite und ging etwa 30 Seemeilen (circa 55 Kilometer) vor Gibraltar unter.

Zurück blieben lediglich im Wasser treibende Wrackteile – und ein völlig durchnässter Kater. Er klammerte sich, „verärgert, aber weitgehend unverletzt“ an ein Stück Treibholz. Ein Marinesoldat der zur Rettung herbeigeeilten „HMS Legion“ hievte das tropfende Tier an Bord. Dort gab es bereits eine Tigerkatze. Diese Beschreibung befindet sich in einem Buch von William Jameson aus dem Jahr 1957 über den Untergang der „Ark Royal“. Die Namen der beiden Katzen erwähnt er allerdings nicht.

Zwar hatte „nur“ ein Matrose der 1487-köpfigen Besatzung sein Leben verloren, aber „Sam“ galt fortan als Unglücksbringer. Niemand wollte den Kater mehr an Bord haben. Er wurde an Land versetzt und verbrachte seine Tage damit, Mäuse im Gebäude des Generalgouverneurs in Gibraltar zu jagen. Hier blieb er wahrscheinlich bis 1943. Dann wurde er nach Großbritannien geschickt. Im „Home for Sailors“ in Belfast genoss er im Kreis von pensionierten Seeleuten bis ans Ende seiner Tage freie Unterkunft und Verpflegung. Er starb erst hochbetagt 1955 an Land.

imago
Die gerettete Mannschaft der „HMS Ark Royal“ schaut am 13. November 1941 auf ihr sinkendes Schiff – auch Schiffskater Sam überlebte.

Die Geschichte der Schiffskatzen ist lang, sie begann schon bei den alten Ägyptern, die sie zur Jagd auf Wasservögel einsetzten. Ab dem 8. Jahrhundert brachten Wikinger die Samtpfoten auf ihren Schiffen in die ganze Welt. Ihre Mitnahme hatte zunächst einen praktischen Grund: Sie sollten Ratten nachstellen und diese beseitigen. Denn die langschwänzigen Nager fraßen Getreidevorräte oder machten sich über wertvolles Frachtgut her. Außerdem durchbissen sie Seile und übertrugen mit ihren Flöhen tödliche Krankheiten wie die Pest. Im Ersten und Zweiten Weltkrieg sorgten Katzen als Rattenfänger auf vielen Schiffen für Sauberkeit.

„In erster Linie galten sie als Maskottchen und Glücksbringer“, sagt Autor Gerald Sammet. Manche wurden sehr bekannt, vor allem in England. Wie „Blackie“ von der „HMS Prince of Wales“, die Winston Churchill sogar bei einem Landgang begleiteten wollte. An Bord der „HMS Argonaut“ erlebte „Minnie“ 1944 den D-Day und Kater „Simon“ soll 1949 während des chinesischen Bürgerkrieges auf der Fregatte „HMS Amethyst“ am Ufer des Jangtse trotz Verletzungen weiterhin Ratten gejagt haben, die sich an Deck geschlichen hatten.

Mythos „Unsinkable Sam“ – hat es den Kater überhaupt gegeben?

Für seine Verdienste in China wurde „Simon“ postum mit der Dickin-Medaille ausgezeichnet, die in Großbritannien nach einer Pause seit dem Jahr 2000 wieder besonders verdienten Tieren im Kriegseinsatz verliehen wird. Letzter Preisträger ist der Hund „Leuk“, ein belgischer Malinois der französischen Spezialeinheiten, für seine Schlüsselrolle bei Antiterror-Operationen und der Rettung von Menschenleben.

Doch zurück zu Oscar alias Sam. Ob es den „Unsinkable Sam“ tatsächlich gegeben hat, kann mittlerweile niemand mehr mit Sicherheit feststellen. Wurden mehrere Kater zu einer Geschichte zusammengeführt? Besonders die Rettung von Oscar nach dem Untergang der „Bismarck“ scheint manchen Kritikern als unglaubwürdig. Zudem sind einige Beschreibungen höchst widersprüchlich. Die bis heute überlieferte Version wurde 1952 im Nautical Magazine veröffentlicht. Ob Wahrheit oder Seemannsgarn – vermutlich ist die Geschichte vom unsinkbaren Schiffskater eine aparte Mischung aus beidem.