Ein Satz in diesem Buch geht einem immer wieder durch den Sinn, während der Lektüre und weit darüber hinaus. Nicht nur, weil auch die Erzählerin ihn wiederholt, sondern weil irgendwie das ganze Werk darin steckt, dieses Werk, das so überreich ist an großen Sätzen, an Neuem und Wunderlichem, an Schönheit und Grauen, an Menschlichkeit und Unmenschlichkeit, Natur und Übernatürlichem, Vergangenheit und Heute. Es ist ausgerechnet ein Grenzbeamter, der diesen Satz spricht, und das sagt viel über unsere Gegenwart: „Eines lernt man bei dieser Arbeit. Leute überleben Dinge, die man sich nicht vorstellen kann.“

Wer hat das nicht schon mal gedacht, beim Zeitunglesen und vor Nachrichtenbildern, Schicksale konsumierend im Netz, im Gespräch, in Gedanken versunken über den Zustand der Welt und über all die, die ihre Welten verlassen müssen, umherirren zwischen den Grenzen und an sie stoßen. Kapka Kassabova spricht im Vorwort zu ihrem ersten auf Deutsch erschienenen Buch von „harten“ und „weichen“ Grenzen. Sie werden seit einigen Jahren unaufhörlich härter, die Grenzen Europas und jene zwischen Europa und der Welt, die es draußen halten will, die Grenzen überall auf der Welt. Wegen dieser verzäunten Linien, diesem Negativ der Globalisierung, ist „Die letzte Grenze“, obwohl es so viel Historie nacherzählt, ein sehr gegenwärtiges Buch.

Kleine Geschichten, große Zusammenhänge

Um von den vielen unvorstellbaren Leben zu erfahren, an denen wir bei der Lektüre teilhaben dürfen, auf dass wir zumindest versuchen, sie uns vorzustellen, ist die in Schottland lebende Bulgarin dorthin gefahren, wo „ein halbes Jahrhundert Kalter-Krieg-Härte“ spürbar wird, „an die – heute weichere – Grenze zwischen Bulgarien, Griechenland und der Türkei“. Heute weicher? Das gilt freilich nicht für alle, denn, wie Kassabova schreibt: „Globale Bewegungen und globales Verbarrikadieren, neuer Internationalismus und alte Nationalismen – das ist die systemische Krankheit im Herzen unserer Welt, und sie hat sich von einer Peripherie zur anderen ausgebreitet; denn nirgendwo ist noch entlegen.“

Wie wahr. Wir vergessen es nur. Wollen es vergessen. Und auch, wie alles mit allem zusammenhängt. Es ist faszinierend, wie Kassabova die kleinen Geschichten, die sie in den Dörfern und Wäldern, in den Städten, an den Grenzen, erfährt, mit der großen Geschichte verwebt. Indem sie genau zuhört. Das war der Grund für ihre Reise, sie wollte, schreibt sie, neue Wörter lernen – und sehen. In Gesichter sehen. Denn: „Die Geschichte werde vor allem von den Siegern geschrieben, heißt es, mir aber scheint, dass Geschichte vor allem von denen geschrieben wird, die nicht dort waren, was dasselbe sein mag.“

Stimmen geben

Was für ein Geschenk, dass hier nun eine schreibt, die dort war, und was für ein zweites, dass Brigitte Hilzensauer das Geschriebene in ein so farbensattes, mal verspieltes, mal messerscharfes Deutsch übertragen hat. Die dunkle Magie der Wälder, die trügerische Leere entlang der Zäune, die bescheidene Freundlichkeit der Dörfer, die Risse in den Städten und Biografien – all das sieht man dank der Sprachkunst beider Autorinnen förmlich vor sich und spürt zugleich das Ringen um das richtige Wort, den Klang der Gegend, den Ausdruck für Unvorstellbares.

Das Ringen hat sich gelohnt, und so sitzt man mit Kassabova vor Dorfkneipen, streift durch das dunkle Grün des Strandscha-Gebirges, lernt Mönche, Schäfer, Aussteiger, Einsame und Liebende, Fliehende und Fluchtverhinderer, zur Flucht gezwungene und Rückkehrer kennen, lieben und, ja, auch verachten. Lauscht Mythen, Märchen und Sagen. Lernt ein wenig Bulgarisch, Türkisch und Griechisch, und all die Mischformen, die geboren werden in einer Welt der Grenzen. Weil Sprache sich nicht aufhalten lässt durch Zäune. Weil Menschen aufbegehren, gegen Umsiedlung, Umerziehung, Umformung. Kassabova und Hilzensauer geben ihnen Stimmen.

Eine Kugel ohne Zentrum

„Am Rande Europas, in der Mitte der Welt“ lautet der Untertitel dieses Buches. In ihm steckt die ganze diskursive Wucht solcher Lektüre. Denn nicht nur die Geschichte einer Weltgegend schreiben viel zu oft jene, die nicht dort waren. Kapka Kassabova macht uns klar, dass sie auch viel zu oft festlegen, wo der Rand ist. Weil sie sich in der Mitte wähnen.

„Die letzte Grenze“ erinnert auf jeder Seite daran, wie erhellend – und lustvoll! – es sein kann, die Perspektive zu wechseln. Die Erde als Kugel ohne Zentrum zu sehen. Plötzlich kann man sich nämlich dann sehr viel vorstellen. Und das ist wohl die einzige Medizin gegen die systemischen Krankheiten unserer Zeit.

Kapka Kassabova: Die letzte Grenze Am Rande Europas, in der Mitte der Welt. Aus dem Englischen von Brigitte Hilzensauer. Zsolnay, Wien 2018. 384 S., 26 Euro