Die Holocaust-Überlebenden Egon Holländer, Nina Weilova, Fishel Rabinovicz, Ivan Lefkovits (v.l.)
Foto:  3sat

Berlin In Kürze wird niemand mehr berichten können“, heißt es zu Beginn. „Jeden Tag sterben 30 bis 40 Holocaust-Überlebende allein in Israel.“ Die 3sat-Reportage „Die Zeugen“ begleitet eine Autorin und einen Fotografen bei deren Reise zu den letzten Überlebenden des Holocaust, fast alle sind über 90 Jahre alt. Manche haben schon oft Auskunft gegeben.

Der Wiener Künstler Arik Brauer spottet gar darüber, dass ein Jude wie er immer wieder seine zerstörte Kindheit beweinen dürfe. Andere dagegen öffnen sich im hohen Alter zum ersten Mal. Eine Berlinerin will bis an ihr Lebensende nicht über Auschwitz sprechen, zeigt vor der Kamera aber zum ersten Mal ihre eintätowierte Häftlingsnummer. Auch andere Dokumentationen zum 75. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee bauen auf die bewegenden Erinnerungen von Überlebenden.

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So berichten im Arte-Film „Clauberg und die Frauen vom Block 10“ sechs Frauen davon, wie sie die „medizinischen Experimente“ durchlitten, die deutsche Ärzte an ihnen durchführten, um synthetische Hormone zu testen und neue Methoden der Massensterilisierung auszuprobieren. Fünf von ihnen sind in den letzten Jahren verstorben. In der ZDF-Dokumentation „Ein Tag in Auschwitz“ kann die 88-jährige Irina Weiss ihre Ankunft im Lager rekapitulieren: Sie war 13, als sie an der berüchtigten Rampe von ihrer Familie getrennt wurde.

Eine Auswahl

Dokumentationen zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz:  
Bomben auf Auschwitz? Di, 20.15 Uhr, Arte  
Clauberg und die Frauen von Block 10 Di, 21.50 Uhr, Arte
Die Zeugen – Eine Reise zu den letzten Überlebenden des Holocaust Sa,  19.20 Uhr , 3sat  
Die Versteigerer: Profiteure des Holocaust
So, 22.50 Uhr, MDR                 
Vernichtet – Eine Familiengeschichte aus dem Holocaust
Mo, 27.1. 23.45 Uhr, ARD   Ein Tag in Auschwitz Di, 28.1. 20.15 Uhr, ZDF Die letzten Zeugen. Leben nach der Shoah Mi, 29.1. 11.15 Uhr 3sat

Diskussion über schwerwiegende moralische Fragen

Auf einem Foto entdeckt sie jetzt ihre Mutter und ihren  Bruder, die nicht ahnen, dass sie schon für die Gaskammern „selektiert“ wurden und nur noch wenige Stunden leben werden. So erschütternd diese Zeugnisse sind – in Zukunft werden neue Formen gefunden werden müssen, um das Nachdenken über den Holocaust weiter zu befördern. In dieser Woche laufen einige Dokumentationen, die Ansätze dazu liefern.

So fragt das Arte-Dokudrama „1944 – Bomben auf Auschwitz?“, ob die Alliierten die Ermordung Hunderttausender Juden, vor allem aus Ungarn, hätten stoppen können. Der Film stellt mit Schauspielern nach, wie zwei Häftlinge im April 1944 aus dem Lager fliehen konnten und in der Slowakei  detaillierte Berichte über den Aufbau, den Ablauf und die Pläne in Auschwitz zu Protokoll gaben. Von jüdischen Organisationen gelangten die Informationen spätestens im Sommer 1944 zu den Alliierten – und die Briten unter Winston Churchill waren zunächst bereit, Bombenangriffe auf die Gaskammern und Transportwege zu fliegen.

In Interviews mit Historikern wird eine der „schwerwiegendsten moralischen Fragen des 20. Jahrhunderts“ diskutiert. Denn bei einer Flächenbombardierung von Auschwitz bestand das hohe Risiko, auch Abertausende Häftlinge zu töten. Auch der ZDF-Film „Ein Tag in Auschwitz“ spielt 1944 und rekonstruiert die Abläufe eines Tages anhand Hunderter Bilder, die der Lagerfotograf im Auftrag der SS anfertigte. Allein an jenem 26. Mai 1944 werden mehr als zehntausend meist ungarische Juden umgebracht und verbrannt.

Die Frage nach den Tätern

Ein Angehöriger eines Sonderkommandos, der die Leichen aus den Gaskammern holte, kann noch erzählen, wie er sich motivierte: „Wie komme ich hier lebend heraus, um diese Geschichte zu erzählen?“ Zugleich fragen die Autoren Winfried Laasch und Friedrich Scherer danach, wer der Fotograf war. Der SS-Mann Bernhard Walter lebte mit seiner Frau und seinen Kindern unweit des Lagers, wurde nach dem Krieg Filmvorführer und bei den Frankfurter Auschwitz-Prozessen nur als Zeuge geladen.

Die Frage nach den Tätern ist seit jeher ein wichtiger Punkt in der Auseinandersetzung mit dem Holocaust. Die Arte-Dokumentation über die medizinischen Experimente an Frauen zeigt die Karriere des strebsamen Wissenschaftlers Carl Clauberg, der in der Fachwelt einen guten Ruf genoss und kein Problem damit hatte, sich von SS-Reichsführer Heinrich Himmler in Auschwitz einen eigenen Block für seine Versuche genehmigen zu lassen.

Kein Vergessen

Ein polnisches Gericht verurteilte ihn, nach seiner Freilassung 1955 wurde er in der Bundesrepublik erneut angeklagt und starb kurz darauf. Immer häufiger widmen sich Dokumentationen den Formen des Gedenkens. So fragt der MDR-Film „Auschwitz – Gedenkstätte in Gefahr“, wie mit den zerfallenden Bauten umgegangen werden soll. Der Berliner Autor Andreas Christoph Schmidt zeigt in seinem Beitrag  „Vernichtet“ in der ARD, wie die Orte heute gestaltet sind, an denen die Mitglieder einer jüdischen Familie aus dem brandenburgischen Glambeck ermordet wurden.

Der Film rekonstruiert, wie die Mutter und ihre drei halbwüchsigen Kinder erst in ihrem Heimatdorf attackiert, dann penibel-bürokratisch erfasst und deportiert wurden. Die Mutter wurde bei Kaunas erschossen, die Tochter starb in Auschwitz, ein Sohn in Treblinka, vom Jüngsten fehlt jede Spur. Von der Tochter blieb nur ein Klassenfoto, vom Sohn eine Unterschrift als „Paul Israel“. Die Familie wäre komplett vergessen – gäbe es nicht diesen bewegenden Film.