In einem ihrer ersten Filme, in „Die Liebenden vom Pont-Neuf“ von Leos Carax, spielte Juliette Binoche eine erblindende junge Frau. Sie trug eine Augenklappe, ihre Gestalt wurde von groben Pullovern verhüllt, das Haar fiel ihr tief ins Gesicht. Juliette Binoche begann ihre Laufbahn mit einer Rolle, in der sie ihre Schönheit weitgehend verbarg. Wenig später folgte Louis Malles Film „Verhängnis“, in dem ein Mann über Fünfzig der mehr als zwanzig Jahre jüngeren mysteriösen Schönen verfiel.

Da war Binoche schon eher eine klassische Projektionsfläche – und doch auch wieder nicht. Denn Juliette Binoche behielt in den meisten Rollen eine seltene Autonomie, etwas Uneinnehmbares, das ihr kein Drehbuch stehlen konnte, nicht einmal ein so simples wie das zu „Chocolat“. Inzwischen in einem Lebensalter angelangt, in dem viele Schauspielerinnen, auch Stars, aus dem Filmgeschäft herauskatapultiert werden, entfaltet Juliette Binoche diese Autonomie mit der größten Souveränität. In einer Rolle, die genau besehen eigentlich eine sehr undankbare und abgespielte ist – nämlich die der sehnsüchtigen Frau –, wird sie zur Königin. Einer höchst lebendigen Königin, mit schmerzenden Füßen, verschmiertem Lippenstift und einem mitunter gnadenlosen Humor.

„Die Liebesfälscher“ hat der iranische Regisseur Abbas Kiarostami für Juliette Binoche gedreht, ohne sie wäre dieser Film nicht entstanden. Er ist eine Liebesgabe an sie, denn ihren männlichen Gegenpart, gespielt vom englischen Opern-Bariton William Shimell, straft Kiarostami mit einer gewissen Verachtung für jene Kälte, die er der Figur verliehen hat. Es geht, worum auch sonst, um die Liebe. Denn das Geplänkel um den Wert der Kopie eines Kunstwerks, worüber das Paar hier einige sokratische Unterhaltungen führt, ist eher Beiwerk. Es geht um die Liebe in langen Beziehungen.

Ob es sich um eine solche handelt zwischen dem Autor James Miller und „ihr“ (Juliette Binoches Figur trägt keinen Namen), das erfährt man nicht. Sie sieht ihn bei der Präsentation seines neuen Buches, zu der er mit Verspätung erscheint. Als Kunstexpertin und Antiquitäten-Händlerin sitzt sie im Publikum, ungezogen wie ihr hereinplatzender, kluger, pubertierender Sohn. Sehr schnell wird klar, dass sie mit dem Jungen allein ist, es also irgendwann ein alltägliches Liebesunglück in ihrem Leben gegeben haben muss. Eines, das sie so wenig offenbart, wie James Miller ihr preisgibt, wohin er wohl des Abends nach ihrem Sonntagstreffen fahren wird.

In seinem ersten komplett in Europa gedrehten Film kehrt Abbas Kiarostami zum narrativen Kino zurück. Der Regisseur lässt dieses Paar kein Paar werden und erzählt mit ihm doch die bekannte Paar-Dramaturgie: Das erste Kennenlernen, in dem sich jeder noch vom Anderen überraschen lässt, in dem es Raum gibt für Ungeplantes, verlegt Kiarostami ins Innere eines Wagens, den „Sie“ steuert, während der Zuschauer beide wie durch die Windschutzscheibe sieht und zugleich die toskanische Zypressenallee wahrnehmen kann. Es ist ein Spiel mit Spiegelungen und Reflexen, das sich durch den gesamten Film zieht, denn was wären wir ohne Spiegelneuronen, ohne die es weder Imitation noch Empathie gäbe. James allerdings krankt offensichtlich an einem Mangel daran. Das spürt „sie“, die je nach Gegenüber in drei Sprachen parliert, aber erst später. In der zweiten Phase der Paarbildung geht es um Konsolidierung und Institutionalisierung: Sehr schön beobachtet das Nicht-Paar einander frisch Angetraute, die in einer Kapelle das ewige Glück erhoffen. Angeregt von einer italienischen Wirtin, die das Nicht-Paar für ein Ehepaar hält, haben die beiden begonnen, ein schon länger verheiratetes Paar zu spielen.

Dieser Wendepunkt von der „Realität“ in die Fiktion gehört zu den burlesken Szenen des Films. Phase 3 „Ernüchterung“ und Phase 4 „Aufbäumen gegen das Ende“ sind kein Komödienstoff. Das Paar der mittleren, gefährlichen Jahre, der Mann mit seiner Midlife-Krise wird gesäumt und gekreuzt von alten und jungen Paaren auf dem Weg durch touristisch eroberte Gassen, in denen die Einheimischen nur noch Statisten sind.

Kann man miteinander alt werden, wie das gebrechliche, sich stützende Paar, das aus der Kirche kommt? Kann man den anderen wahrnehmen und ihm dadurch erst jenen Wert verleihen, den man einem Original zugesteht? Schwierige Fragen. Tränen bahnen sich ihren Weg über Juliette Binoches Wangen, Mr. James rüpelt zwischendurch in einer Trattoria herum. Und doch inszeniert Kiarostami seine Geschichte so entspannt als wär’s ein Boule-Spiel unter Freunden.

Die Liebesfälscher (Copie conforme) Frankr./Ital. 2010. Buch & Regie: Abbas Kiarostami, Kamera: Luca Bigazzi, Schnitt: Bahman Kiarostami, Darsteller: Juliette Binoche, William Shimell, Agathe Natanson, Jean-Claude Carrière; 106 Minuten, Farbe. FSK o.A. Ab morgen in den Kinos.