Die Nominierten aus „Berlin Alexanderplatz“, hier auf dem roten Teppich der Berlinale (v.l.): Welket Bungué (beste männliche Hauptrolle), Burhan Qurbani (beste Regie, bestes Drehbuch), Albrecht Schuch (beste männliche Nebenrolle) und Jella Haase (beste weibliche Nebenrolle). 
Foto: dpa/Britta Pedersen

BerlinEs mag sein, dass in den nächsten Tagen hier und dort der Hermes-Bote an der Wohnungstür klingelt, um ein ganz spezielles Paket abzugeben. Vielleicht nimmt es auch die freundliche Dame von drei Treppen tiefer entgegen. Schön in Geschenkpapier eingeschlagen, könnte sich in dem Karton eine goldene Statue von einigem Gewicht befinden: die Lola. Der Deutsche Filmpreis wird in seiner 70. Ausgabe nicht wie üblich in einer schmissigen Gala verliehen, sondern in Virus-gerechter Distanz zu den Ausgezeichneten und ihrem Publikum. Statt des roten Teppichs muss die Fußmatte an der Haustür zum Schaulaufen genügen. 

Bei der Bekanntgabe der Nominierten vor sechs Wochen hatte es dem Präsidenten der Deutschen Filmakademie, Ulrich Matthes, schon geschwant, dass die Sache in diesem Jahr etwas anders über die Bühne gehen dürfte als gewohnt. Die Zeremonie werde auf jeden Fall stattfinden, sagte er damals, „in welcher Form auch immer“.   Die Form ist nun gefunden und sie hat sich bereits als Massenmedium in Zeiten des kollektiven Stubenarrests etabliert. In einer Live-Schalte kreuz und quer durch das Land und über Grenzen hinweg werden nicht nur Laudatoren und Preisträger zusammengebracht, es werden Reden gehalten (kein Filmpreis ohne eine Rede der Staatsministerin), es wird getanzt und gelacht.danke. 

Für Letzteres ist der Schauspieler Edin Hasanovic zuständig, der bei seinem Lola-Debüt vor zwei Jahren die Leute von den Sitzen gerissen hat. Dann reißt er sie heute eben von den Laptops. Zeitgleich zum Internet-Stream wird die Verleihung ab 22.15 Uhr auch live in der ARD übertragen. Soll hinterher keiner sagen, er hätte nichts davon mitbekommen.

Als Favoriten gehen in diesem  Jahr die Filme „Berlin Alexanderplatz“ mit insgesamt elf  Nennungen sowie „Systemsprenger“ mit zehn Nominierungen ins Rennen. Beide Filme stehen für eine Besonderheit der diesjährigen Auswahl. Das Sozialdrama „Systemsprenger“ der Regisseurin Nora Fingscheidt machte schon bei der Berlinale vor einem Jahr Furore, lief danach sehr erfolgreich auf diversen Festivals und im Kino. Längst gibt es ihn auch auf DVD. Jeder, der ihn sehen wollte, hat ihn gesehen. „Berlin Alexanderplatz“ von Burhan Qurbani hingegen ist ein Film der aktuellen Saison, den noch so gut wie keiner kennt. Kurz nach seiner Premiere im Wettbewerb der Berlinale sollte er ins Programm kommen, stattdessen kam Corona.

Das gleiche Schicksal traf „Undine“ von Christian Petzold, der ebenfalls für den besten Film nominiert ist. So konkurrieren  auch in anderen Sparten Filme, denen der Rückenwind des Publikums fehlt. Vergeben werden die Preise von den 2.000 Mitgliedern der Akademie. Aber Filme ohne Zuschauer sind Gespensterfilme. Festival hin, Festival her. Entscheidend ist das Kino.

Chancen auf eine Lola für den besten Film haben zudem „Es gilt das gesprochene Wort“ von Ilker Çatak über eine deutsch-kurdische Scheinehe am Bosporus, „Lindenberg! Mach dein Ding“ von Hermine Huntgeburth, der Udo Lindenbergs frühe Jahre Revue passieren lässt, sowie „Lara“ von Jan-Ole Gerster mit Corinna Harfouch als psychosozial gestörter Frau in der Hauptrolle. Bei den Darstellerpreisen richtet sich die Aufmerksamkeit in diesem Jahr besonders auf Albrecht Schuch, der gleich zweimal nominiert ist, für die männliche Hauptrolle in „Systemsprenger“ und seine Nebenrolle in „Berlin Alexanderplatz“. Zuletzt gelang der Kollegin Laura Tonke vor vier Jahren das Doppel.

Als beste Hauptdarstellerin wetteifert die elfjährige Helena Zengel („Systemsprenger“) mit ihren erwachsenen Kolleginnen Anne-Ratte Polle („Es gilt das gesprochene Wort“) und Alina Serban („Gypsy Queen“). Auch dieser Film über eine alleinerziehende Roma-Frau, die sich in Hamburg wortwörtlich als Boxerin durchschlägt, war noch nicht im Kino zu sehen. Momentan ist es auch überhaupt nicht absehbar, wann sich daran etwas ändern könnte. Die Filmbranche ist vom sogenannten Shutdown des öffentlichen Lebens noch stärker betroffen als manch eine andere kulturelle Institution. Was natürlich mit den Produktionsbedingungen zusammenhängt. Film reimt sich auf Wirtschaft, und auch hier sind Lieferketten unterbrochen.

Es geht ja nicht nur darum, eines Tages die Säle wieder zu öffnen und alles abzuspielen, was sich über Monate angestaut hat. Irgendwann ist der Vorrat aufgebraucht. Was heute nicht gedreht wird, kann morgen (oder übermorgen) nicht gezeigt werden. Und die Dreharbeiten ruhen derzeit nicht nur bei uns, sondern weltweit. Eine Liebesszene mit 1,50 Meter Sicherheitsabstand, um nur mal das Kinokerngeschäft zu erwähnen, ist dem Zuschauer schwer vermittelbar. Insgesamt werden an diesem Abend um die drei Millionen Euro Preisgelder vergeben, die in neue Projekte investiert werden müssen. Die Lola als Soforthilfeprogramm,  das ist das Filmjahr 2020.

Live in der ARD Freitag ab 22.15 Uhr.