„Allein der Umstand, dass ich immer noch weitermache, empfinde ich als Punk“: Inga Humpe, 64, Popstar.
Foto: Berliner ZeItung/Markus Wächter

BerlinMitte ist noch immer Inga Humpes Revier. Hier, im Bermudadreieck zwischen Rosenthaler Platz, Oranienburger Tor und Hackescher Markt, kennt sie jede Ecke. Hier wohnt sie, hier ist ihr Büro, und hier ist auch ihr Studio. Und hier, in einem Café in der Auguststraße, sind wir auch zum Interview verabredet.

Wir wollen über ihre Band 2raumwohnung reden, die sie mit ihrem Lebenspartner Tommi Eckart betreibt und die in diesem Jahr ihr 20. Jubiläum feiert. Im Zentrum der Feierlichkeiten steht die Werkschau „20 Jahre 2raumwohnung“, die am 28. Februar erscheint. Wir wollen aber auch über Berlin reden und darüber, wie sich die Stadt und Inga Humpe gegenseitig prägen, seit mehr als 40 Jahren.

Frau Humpe, Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten erzählte neulich, er hätte Sie an seinem Geburtstag im Januar im Crackers getroffen – er hat ja einen Tag vor Ihnen Geburtstag.

Stimmt. Da hat er mir auch einen Song vom kommenden Neubauten-Album vorgespielt: „Seven Screws“. Der ist super! Ich hab sofort losgeheult. Ich heule aber eh schnell. Und hatte schon drei Wein getrunken.

Machen Sie nicht gerade eine Alkoholpause?

Ja, aber Geburtstag ist Ausnahme! Ich lasse es ja gerne krachen, aber bis zur Tour muss ich ein bisschen kürzer treten.

Sie kennen Blixa Bargeld schon seit 1978. Wie haben Sie sich kennengelernt?

Das war in einem Laden, wo der ganze Boden voll Sand war. An viel mehr kann ich mich nicht mehr erinnern. Blixa und ich hatten sogar mal eine Band zusammen – für einen Tag.

„Es ist nicht die reine Harmonie. Ist es nie gewesen“: Inga (l.) und Annette Humpe in den 80er-Jahren. Imago
Foto: Imago

Wie war es damals in Berlin, so in den späten 70ern, frühen 80ern? Man stellt sich das heute alles sehr cool vor.

Das war es, aber im wörtlichen Sinne: sehr kalt. Nicht schön.

Nein? „Ich fühl mich gut, ich steh auf Berlin“, sang ihre Schwester Annette damals.

Nicht für mich jedenfalls. Blixa hat mir damals den Namen Inga Dilemma verpasst – und das traf es. Ich wusste nicht, wer ich bin und wo ich hingehöre – auch musikalisch nicht. Menschlich war das ebenfalls eine sehr harte Zeit. Herzenskontakte sind damals kaum entstanden. Jeder war damit beschäftigt, möglichst cool zu sein – oder zumindest so zu wirken.

Sie stammen aus Herdecke, einer 20.000-Einwohner-Stadt in Nordrhein-Westfalen. Als Sie 1977 nach Berlin zogen: War das ein Kulturschock?

Klar. Und eine willkommene Abwechslung. Das Leben kennenlernen, in Kneipen arbeiten, keinen universitären Leistungsdruck – das gefiel mir. Der Druck war aber da, in mir drin. Es ging um existenzielle Fragen wie: Wie kann ich mich verwirklichen? Wer bin ich? Und wer will ich sein?

Wo haben Sie damals gewohnt?

In einer WG in Schöneberg, am Nollendorfplatz. Da war ja auch der erste Dschungel, wo ständig Leute wie Rio Reiser, Iggy Pop und David Bowie abhingen. Stets betrunken. Das hat mir gut gefallen.

Haben Sie mit denen geredet?

Nein. Damals achtete man penibel darauf, das nicht zu tun. Total bekloppt. Das Sozialverhalten war auf das Nötigste reduziert.

Sie haben nicht die Chance ergriffen, mal mit David Bowie zu quatschen?

Nein, nie. Bloß keinen ansprechen, sich keine Blöße geben, sich ja nicht als Fan aufführen. Das ging gar nicht. Obwohl: Es gab mal eine Situation mit Rio Reiser.

Erzählen Sie!

Rio hat damals oft sein Keyboard im Dschungel aufgebaut und ein bisschen darauf gespielt – ich fand den toll! Also bin ich mal zu ihm hin, nicht mehr ganz nüchtern, und rufe ihm zu: „Ich bin verliebt in dich!“ Da sieht er mich nur an und sagt: „So’n Pech!“

Sie wussten nicht, dass er schwul ist?

Ich wusste noch nicht mal, was schwul sein bedeutet. Aber ich ahnte es dann.

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Als Sie damals nach Berlin kamen, hatten Sie angeblich vor, sich der RAF anzuschließen.

Ja, aber das war zum Glück schnell vorbei. Das kam aus einer aufsteigenden Depression heraus. Ich hatte vorher Kunstgeschichte und Komparatistik in Aachen studiert, weil mir nichts anderes einfiel – wusste aber gar nicht, was ich damit machen sollte.

Hinzu kam, dass dem Staat und dessen Regeln damals nicht zu trauen war. Das empfanden wir alle so. Die RAF war ja auch bloß ein Akt kompletter Verzweiflung. Das hatte aber immerhin was Echtes, zu dem ich mich hingezogen fühlte.

Sie haben nie jemanden aus der Szene kennengelernt?

Nein, zum Glück. Die waren ja sehr manipulativ. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich dem hätte entziehen können.

Sie hatten aber offenbar einen starken Drang, zu provozieren. Wie muss man sich das vorstellen?

Ich habe einfach versucht, mich schlecht zu benehmen und möglichst unfreundlich zu sein. Wenn ich Sie damals getroffen hätte – ich hätte Sie komplett ignoriert. Ich habe Leute extrem schnell abgeurteilt. Für mich war diese Zeit damals sehr schwierig, weil es verpönt war, Gefühle zu zeigen – insbesondere als junge Frau.

Sie waren aber immer noch das Mädchen aus Herdecke.

Genau, aber das durfte unter keinen Umständen zum Vorschein kommen!

Der Künstler Martin Kippenberger hat Sie als Hertie-Punk bezeichnet.

Genau – und das war unfassbar zutreffend! Damals habe ich mich natürlich höllisch darüber geärgert.

Sie haben sich erkannt gefühlt.

Ja, auch wenn darin womöglich auch eine Sympathiebekundung versteckt war. Wissen Sie, Berlin war für mich, als kleines Mädchen aus Herdecke, wie ein Bootcamp, das mich durch die ruppige Zeit gebracht hat.

Ich habe das gesucht, wollte den Stress und die Herausforderung. Gleichzeitig hat es mir meine Selbstfindungsphase schwergemacht – und vielen anderen auch. Es gab damals unglaublich viele Regeln.

Was für Regeln?

Na, zum Beispiel war es für emanzipierte Frauen verpönt, sich irgendwie hübsch zu machen. Stöckelschuhe und Feminismus, das schloss sich aus. Da war man streng. Also, ich war sehr froh, als das dann in den 90ern alles freier wurde.

Gab es dafür einen speziellen Moment?

Ja, den Mauerfall. Vorher herrschte gähnendes Grau in Berlin. Ich war deshalb schon nach London abgehauen, weil es für mich in Berlin nicht weiterging. Meine erste Band Neonbabies hatte ich schon erfolgreich zerstört, dann mit DÖF noch diesen komischen „Codo … ich düse im Sauseschritt“-Schlager an der Backe, mit dem keiner gerechnet hatte. Die musikalische Karriere, wie ich sie mir vorstellte, die war noch lange nicht sichtbar.

Und in London haben Sie dann eine musikalische Linie gefunden?

Damals begann es dort mit der Rave-Kultur, es gab Bands wie die Happy Mondays, Stone Roses, Primal Scream – da habe ich wieder etwas gespürt. Ich lernte Bands wie The Orb und The KLF kennen, das fand ich musikalisch interessant. Es war aber unglaublich schwer, das auf meine eigene Musik und auf Berlin zu übertragen.

Ich habe dann mit Leuten wie Trevor Horn gearbeitet (dem Produzenten u. a. von Frankie Goes to Hollywood und The Art of Noise, Anm. d. Red) – das war aber sehr poppig. Nach meinem ersten Soloalbum „Planet Oz“ hatte ich dann so die Schnauze voll, dass ich keinen Ton mehr singen wollte. Dann fiel die Mauer. Dann kam Techno. Und dann musste man nicht mehr singen.

Es hat sich also alles gefügt.

Das war ein magischer Moment – in vielerlei Hinsicht. Man konnte das nicht steuern, und das war das Tolle daran. Sampler wurden erschwinglich, man konnte am Rechner produzieren. Dadurch konnte der Sound, den wir dann für 2raumwohnung nutzten, ja überhaupt erst entstehen.

War London nicht damals schon ziemlich teuer?

Meine Plattenfirma hat damals alles finanziert, auch mein Zimmer. Ich wohnte bei der Ex-Freundin von Martin Gore von Depeche Mode. Die musste ein Zimmer vermieten, als Martin sich von ihr getrennt hatte.

Wie kam denn das zustande?

Das weiß ich gar nicht mehr so genau. Aber Depeche Mode waren damals viel in Berlin und haben auch mit meinem damaligen Sound Engineer Gareth Jones gearbeitet, der zudem der Freund meiner Schwester war.

Welches waren Ihre Lieblingsorte in Berlin?

Das Club-Bermudadreieck: E-Werk, Tresor, WMF. Die waren toll! Ich mochte aber auch das Panasonic in der Invalidenstraße.

Überkommt Sie Nostalgie, wenn Sie heute durch Mitte laufen?

Nein. Die Erinnerungen bleiben ja.

Früher war nicht alles besser, sagen Sie in dem Buch „Wir trafen uns in einem Garten“.

Nein, aber ich denke aber gerne an früher zurück – auch an die sogenannten schwierigen Zeiten. Das sind alles tolle Erfahrungen gewesen. Und heute weiß ich zu schätzen, dass ich da durchgekommen bin. Wenn ich daran denke, was mit Anfang zwanzig für ein Chaos in meinem Kopf herrschte: all die Ängste, Wünsche, Hoffnungen, Bedenken, Unsicherheiten. Da finde ich es heute schon wesentlich besser.

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Woher kamen eigentlich diese Ängste und Unsicherheiten?

Die hat man eben, wenn man jung ist. So ist das Leben. Man muss seinen Platz darin finden. Als Kind verfolgt man ja nur ein einziges Ziel: den eigenen Vorteil. Und manch einer bleibt ewig darauf hängen. Aber die meisten merken irgendwann, dass das eine Last ist. Dann entwickelt man ein echtes Interesse an anderen Menschen und Vorgängen. Das ist immer wieder eine Erleichterung.

Haben Sie Herdecke als besonders einengend empfunden?

Ich will diese arme Stadt nicht immer schlechtmachen. Das habe ich in den 80er-Jahren zur Genüge getan. Einerseits habe ich dort eine sehr behütete Kindheit verbracht, andererseits habe ich mich dort permanent beobachtet gefühlt – das habe ich irgendwann nicht mehr ausgehalten. Da musste ich raus.

In den 70ern schwang bei jungen Erwachsenen auch immer die oft unbeantwortete Frage mit, welche Rolle die eigenen Eltern im Nationalsozialismus gespielt haben. Sie haben Ihre Familie mal zur Rede gestellt, wobei herauskam, dass ein Onkel von Ihnen bei der SS war.

Ja, schlimm. Dieser Umstand hat die ganze RAF-Bewegung ja erst ausgelöst. Wir konnten unserer Elterngeneration einfach nicht trauen – so traurig das klingt. Teilweise wurde das totgeschwiegen, teilweise hat mein Vater die ganze Zeit die Russen in den Himmel gelobt, weil sie ihm das Leben gerettet und Schachspielen beigebracht haben – deshalb waren bei uns ständig irgendwelche Russen zu Hause.

Meine Mutter war ein eher zurückgezogener Mensch, hatte die Musik, fand Politik schlimm. Die ist nie so richtig zum Glühen gekommen. Deswegen gab es für mich auch so wenige Frauenorientierungsbilder.

Ist das auch der Grund, warum Sie nie eine Familie gegründet haben?

Ja, auch. Mir hat das Vertrauen in die Gesellschaft gefehlt, um ein bürgerliches Leben zu führen. Das kam einfach nicht infrage. Ich hätte nicht gewusst, wie. So jedenfalls nicht.

Gab es denn Menschen, die Ihnen geholfen haben, sich ins Erwachsenenleben zu hangeln?

Aufgrund meiner Familiengeschichte habe ich das lange nicht zugelassen. Am ehesten waren das andere Musikerinnen: Patti Smith, Debbie Harry, Joni Mitchell – und Dolly Parton. Wenn ich heute mal nicht mehr weiterweiß, frage ich mich immer: Was würde Dolly Parton wohl machen?

Sie sind gewissermaßen vor den Nazis aus dem Westen nach Berlin geflohen. Heute kommen die Nazis aus dem Osten wieder zurück. Wie sehen Sie die Situation?

Das ist die Quittung für die Ignoranz, die die herrschenden Parteien und die Diktatur der Wirtschaft diesen Menschen vor dreißig Jahren entgegengebrachte. Es gibt nach wie vor zu wenige ostdeutsche Politiker, die was zu sagen haben, und zu wenig Aufmerksamkeit auf die Qualität dieser Leute. Bis heute läuft zu viel schief. Und das werfe ich den alten weißen Männern vor. Jemand wie Angela Merkel ist doch immer noch die totale Ausnahme.

Weil sie aus dem Osten und eine Frau ist, meinen Sie?

Ja, genau. Ich bin Merkel-Fan – obwohl ich ihre Partei grauenhaft finde.

Haben Sie sie mal getroffen?

Ja.

Wann war das?

Damals war sie noch nicht Bundeskanzlerin. Tommi Eckart und ich waren zu irgendeinem schicken Essen eingeladen. Am Tisch ging es um Kreative. Alle beschwerten sich, dass es in Deutschland keine tollen Serien gäbe. Damals war ich noch recht frech und sagte: „So einen Quatsch habe ich ja schon lange nicht mehr gehört.

Ihr lasst die tollen Autoren hier doch gar nicht erst tolle Projekte entwickeln, weil ihr alle immer nur nach Amerika schaut. Wie soll denn da was eigenes Gutes entstehen?“ Kaum hatte ich das gesagt, kam ein Typ zu mir und meinte: „Würden Sie sich mal neben Frau Merkel setzen? Die würde sehr gerne mit Ihnen sprechen.“

Was hat sie gesagt?

Das weiß ich leider nicht mehr. Aber: Wir hatten uns lieb.

Sie hat hoffentlich nicht gesagt: „Sie waren doch mal bei Ideal. Die mochte ich gerne.“

Haha. Nein. Aber das ist mir schon sehr oft passiert. Meiner Schwester Annette passiert es umgekehrt aber auch, dass sie für „die von 2raumwohnung“ gehalten wird.

Mit Ihrer Schwester haben Sie Mitte der 80er-Jahren das Duo Humpe & Humpe gebildet. Wie steht es mit einer Reunion?

Die ist sehr unwahrscheinlich. Dazu haben wir zu unterschiedliche Vorstellungen von Sound und dem, was wir erzählen wollen. Wir sind beide froh, wenn wir ein Privatleben zusammen haben – das war oft schwierig genug.

Inwiefern?

Wir sind halt Geschwister. Und als Zweitgeborene bin ich immer ein bisschen zu lässig in vielen Sachen und anscheinend immer darauf aus, der Erstgeborenen die Show zu stehlen. Das ist einfach meine Konditionierung, und das wird wohl auch immer so bleiben.

Sprechen Sie denn über Musik?

Da werden schon mal Meinungen losgeknallt, ja. Es ist nicht die reine Harmonie. Ist es nie gewesen. Trotzdem schätze ich Annette sehr. Sie ist eine tolle Songschreiberin. Aber wieder gemeinsam auf der Bühne zu stehen, das will keine von uns.

Nun veröffentlichen Sie mit „20 Jahre 2raumwohnung“ eine Werkschau. In Ihren Songs geht es oft um „den Moment“. Was sind die schönsten Momente aus den vergangenen zwei Dekaden?

Das ist schwer zu greifen. Beim Proben für die Tour merke ich aber gerade, dass auf den Liedern wahnsinnig viele Gefühle liegen. Manchmal fangen wir an, alte Stücke zu spielen, und ich muss direkt losheulen. In diesen Songs ist so viel gespeichert. Und wenn wir die Stücke live spielen, sind die unterschiedlichen Gefühle der Leute alle in einem Raum. Das ist wahnsinnig toll.

Gibt es eine lustige Entstehungsgeschichte zu einem Song?

Einige. Zum Beispiel die von „Wir trafen uns in einem Garten“: Das waren anfangs nur zwei Strophen, von denen eine Kurzversion in einem Werbespot der Zigarettenmarke Cabinet verwendet wurde. Dann verschwand das Stück zwei Jahre lang in der Versenkung. Cabinet wollten dann aber eine Kompilation rausbringen mit zwölf Künstlern, alle aus dem Osten. Und wir – offenbar dachten die: 2raumwohnung, das muss auch aus dem Osten sein. Die meinten: „Schickt uns doch mal die ganze Nummer.“ Und wir so: „Die gibt es gar nicht.“

Und dann?

Dann hat Tommi die verstaubte Gitarre wieder rausgeholt, und wir haben das Lied binnen kürzester Zeit zu Ende geschrieben. Im Hof zu unserem damaligen Studio gab es einen Autoschrauber, der da immer rumgehämmert hat. Als wir den finalen Song dann bei offenem Fenster noch mal spielten, kam gerade der Autoschrauber vorbei, haute mit seinem Schraubenzieher ans Fenster und sagte: „Ey, ditt hört sisch rischtich juut an!“

Da wussten Sie: Aus dem Song wird was.

Ja, genau. Das war ja auch wirklich märchenhaft. Mobiltelefone und soziale Medien gab es damals ja noch nicht. Als das Stück mal bei Radio eins lief, riefen ganz viele Leute dort an und wollten wissen, was das für ein Lied sei. Das war wahnsinnig toll, weil ich damals das erste Mal das Gefühl hatte, eins mit dem Sound zu sein.

Und den Leuten ging es offenbar nur um die Musik, nicht um den Interpreten – das fand ich schön. Das war ja etwas, was ich aus der DJ-Kultur mitgenommen hatte: dass im Club alle Musik hörten, es aber nicht darum ging, von wem sie stammte, sondern nur darum, dass sie da war.

Sie sind jemand, der sich einem Song aber zuallererst über den Text nähert, oder?

Ja, schon, aber das muss nicht viel Text sein. In den 90ern reichten Sätze wie „Can you feel it?“ oder „It’s alright“ völlig aus. Ich fand es befreiend, dass man nicht die ganze Zeit eine Geschichte erzählen musste, um etwas zu spüren. Auch der Sound kann Bilder und Gefühle vermitteln.

Haben Sie eine Lieblingstextzeile von sich selbst?

Zum Beispiel die erste Zeile aus „Kommt zusammen“, dem ersten Song unseres Debütalbums: „Man kann nicht alles denken, was man fühlen kann.“ Das finde ich immer noch unglaublich gut. Eine Zeile, die einfach ist, im Kopf aber dennoch etwas bewegt.

2raumwohnung haben im weitesten Sinne immer Tanz- und Clubmusik gemacht. Was bedeutet Ihnen Tanzen?

In den 90ern haben sich viele Leute aus ihren Depressionen herausgetanzt – ich auch. Dieses Laute, das Hämmern – das hat mich total befreit. Auch die vielen tanzenden Leuten an einem Ort fand ich toll. All diese unterschiedlichen Menschen, die im Alltag kaum sichtbar waren, nachts dann aber zu so schönen Paradiesvögeln wurden, zu Selbstausdruckstänzern. Das hat mich immer dankbar und friedlich gestimmt.

Inga Humpe ...

... kam 1956 zur Welt und wuchs in Herdecke an der Ruhr auf. 1977 ging sie nach Berlin, wo sie 1979 mit ihrer Schwester Annette die Band Neonbabies gründete. Annette wechselte ein Jahr später zu Ideal, Inga wurde 1983 als Sängerin der Gruppe DÖF und deren Hit „Codo“ republikweit bekannt. In den späten 80ern nahmen die beiden als Humpe & Humpe zwei Alben auf.

... bildet seit 2000 mit ihrem Lebenspartner Tommi Eckart das Duo 2raumwohnung. Von ihren acht Alben und Hits wie „Wir trafen uns in einem Garten“, „Ich und Elaine“ oder „36 Grad“ verkaufte das Paar mehr als eine Million Tonträger. Am 28. 2. erscheint das Best-of-Album „20 Jahre 2raumwohnung“. Im März starten die beiden zu einer Deutschland-Tour.

Können Sie das erklären?

Alles war so frei, nicht zielgerichtet. Es gab keine Hintergedanken. Man sagt ja immer, die Club-Kultur sei so oberflächlich, aber da bin ich mir nicht so sicher. Ich habe nachts Bekanntschaften mit Leuten gemacht, mit denen ich mich immer noch gut verstehe.

Was bedeutet Tanzen heute für Sie?

Heute mache ich Sport und Cantienica. Bewegung ist einfach gut für die Psyche. Aber ich gehe nicht mehr Freitag, Samstag und Sonntag aus wie früher. Es gab ja Zeiten, da bin ich abends aufgetreten, habe dann noch ein DJ-Set gespielt und bin dann selbst bis morgens auf die Tanzfläche. Das habe ich zwei Jahre lang durchgezogen. Danach war ich so was von tot.

Fehlt Ihnen das manchmal?

Nein, ich habe das gespeichert. Das ist im Körper drin. Neulich war ich seit bestimmt zehn Jahren mal wieder im Berghain, weil Carl Craig aufgelegt hat: Das war so toll, so Berlin! Das Berghain ist so ein supersexuell aufgeladener Ort, man hört alle Sprachen, es gibt alle Hautfarben, sowohl Männer als auch Frauen tanzen oben ohne, und trotzdem gibt es keine Übergriffe.

Jeder stellt sich dar. Ich hätte vor Glück echt heulen können. Das ist ein so toller Freiraum für so viele Menschen, und das ist nicht selbstverständlich. In meinen Augen haben die Macher dafür einen Friedensnobelpreis verdient.

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Sehen Sie sich als die „Legende des Berliner Nachtlebens“, als die Sie die Wochenzeitung Die Zeit mal bezeichnet hat?

Nein, aber ich freue mich über so lustige Zuschreibungen. Umgekehrt kann ich mich aber auch ärgern. Man kann mich schnell auf die Palme bringen.

Tatsächlich? So wirken Sie gar nicht.

Das täuscht. Das kann ganz schnell gehen: rausrennen, Tür schlagen, fick dich!

Sehen Sie sich als Star?

In Berlin bin ich Weltstar – das interessiert hier bloß keinen. Aber ich fühle mich durchaus geschmeichelt, wenn ich in München bin und die Leute sagen ...

...   „Mensch, Annette!“

Hahaha ... nein, wenn sie sagen: „Ach, Frau Humpe, sind Sie wieder in der Stadt? Geben Sie ein Konzert?“ Da freue ich mich natürlich. Aber Star? Stars sind Leute wie Dolly Parton.

Sie haben mit Punkmusik angefangen und mal gesagt: „Einmal Punk, immer Punk.“ Wie viel Punk steckt noch in Ihnen?

Allein der Umstand, dass ich immer noch weitermache, empfinde ich als Punk – als Provokation. Ich könnte mich ja auch vornehm zurückziehen und die Jungen machen lassen. Aber solange es mir Spaß macht und es Leute gibt, die zu den Konzerten kommen, höre ich nicht auf – gerade weil Frauen ab einem bestimmten Alter in den Medien nicht mehr vorkommen.

Wie meinen Sie das?

Wo sind denn die Frauen meines Alters in der Öffentlichkeit? Ist doch kaum noch jemand da. Und das empfinde ich durchaus als ein gesellschaftliches Problem. Frauen haben nach wie vor jung und formbar zu sein. Das hat mir an der Musikindustrie immer schon missfallen. Aber ich halte eisern dagegen.