Dustin Hoffman und Rene Russo in dem Film „Outbreak“ von Wolfgang Petersen, 1995.
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BerlinWir sind selber schuld. Denn dass die Natur mit ihrem biologischen Waffenarsenal über die Menschheit herfällt, ist nicht ihrer inhärenten Bösartigkeit zuzuschreiben, sondern der Hybris von Homo sapiens. Dass Viren und Bakterien erst schleichend, schließlich unaufhaltsam ihr tödliches Werk zu tun in der Lage sind und die Menschheit an den Rand der Vernichtung treiben, hat die Literatur, später auch den Film immer schon fasziniert.

Wenn die Götter in Homers „Illias“ den Griechen vor Troja eine Epidemie bescherten, dann weil sie sich über den Willen der Transzendenz hinweggesetzt hatten. Und noch mehrere Jahrtausende später schwingt in den krudesten Biothrillern Hollywoods mit heroischem Gerade-noch-mal-gut-gegangen-Ausgang der Vorwurf mit, dass der Mensch seine Fähigkeiten nicht mehr im Griff hat.

Und ob Meisterwerk der Katastrophenliteratur oder katastrophaler Genreabsturz, für alle gilt der ängstlich-scheele Blick auf einen Helden Goethes, der dem Faust als kulturelle Leitfigur den Rang abgelaufen hat: auf den Zauberlehrling, der Prozesse auslöst, die er nicht beherrschen kann.

Meteorit mit Bio-Ladung

In frühen biologischen Schreckensszenarien kamen die Angriffe der Mikroben allerdings noch aus dem All. Der notorische Schwarzseher H. P. Lovecraft lässt in der Kurzgeschichte „Die Farbe aus dem All“ (1927) einen Meteoriten einschlagen, der eine verheerende Bio-Ladung mitbringt. Auftreten lässt er die Substanz jedoch als tödliche Farbe und umgeht damit ein Problem, das später besonders den Film plagen sollte: Diese Feinde sind mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen.

Entsprechend fiel es Hollywood schwer, sich aus der breiten Palette möglicher Weltuntergangsszenarien wie Atomkrieg, Planetenkollisionen oder Wetterkatastrophen auf das biologische Desaster einzulassen. Kamerafahrten durch Mikroskope lassen sich nicht endlos wiederholen, die Attraktivität der Stars in unförmigen Schutzanzügen ist begrenzt, die immer gleichen Flüchtlingsströme, Straßensperren, hilflos herumirrenden Kinder und Plünderungen von Supermärkten machen die Filme schwerfällig und die Handlung absehbar. Entsprechend sind etwa Steven Soderberghs „Contagion“ (2011) und Wolfgang Petersens „Outbreak – Lautlose Killer“ (1995) eher groß angelegte Sozialstudien mit breiter Nebenhandlung als dezidierte Katastrophenthriller. Beide gehören derzeit zu den meistgefragten Filmen bei den Streaming-Diensten.

Ein Satellit der US-Army

Auch der Jurassic Park-Erfinder Michael Crichton ließ in seinem frühen Roman „Andromeda“ (1969) die tödlichen Bazillen noch aus den Weiten des Alls kommen. Neil Armstrong hatte soeben den Mond betreten, schon importierte eine amerikanische Raumsonde die Verheerung. Crichton setzt dem grimmigen Optimismus des US-amerikanischen Militärs die antike Metapher der Pandorabüchse entgegen: Ursprünglich war der Satellit unterwegs, um in der oberen Atmosphäre Mikroorganismen für mögliche Biowaffen ausfindig zu machen. Was er zurückbringt, hat das Potenzial für eine Katastrophe. Die wird in den Folgejahrzehnten zum Nonplusultra der Endzeitfantasien.

Der französische Philosoph Jacques Derrida hatte in den 80er-Jahren im Anschluss an den Optimismus der vorangegangen Jahrzehnte einen „apokalyptischen Ton“ gewittert. Literatur und Film sollten ihm sehr schnell Recht geben. Eine neue Generation von Science-Fiction- und Thrillerautoren beließ jetzt den Ursprung verheerender Pandemien auf der Erde und machte unmissverständlich klar, dass wir an den unausweichlichen Katastrophen selber schuld sind.

Ganz Los Angeles in Quarantäne

In Frank Herberts „Die weiße Pest“ (1982) entwickelt ein Molekularbiologe aus Rachsucht ein gentechnisch verändertes Virus – und löscht die halbe Menschheit aus. In „Blutmusik“ (1985) von Greg Bear entweicht ein neuartiger, intelligenter Mikroorganismus – und verwandelt die USA in ein Niemandsland voller fremdartiger Kreaturen. Dustin Thomason schickt in „Virus“ (2012) ganz Los Angeles in Quarantäne und findet eine Lösung in einem alten Maya-Codex. Marc Elsberg, österreichischer Fachmann für Apokalyptik, vermengt in „Helix“ (2016) geschickt die Bedrohung durch genmanipulierte Viren mit Visionen einer gezüchteten Menschheit. Klaus-Peter Wolf, berühmt geworden mit einer Reihe von Ostfriesenkrimis, spielt in „Todesbrut“ (2010) mit der Quarantäne und ihren sozialen Konsequenzen.

Auch der große Stephen King bringt in „The Stand“ (1978 und erweitert 1990) die Menschheit per Virus an den Rand der Auslöschung. Die Liste der literarischen Endzeitfantasien, besonders aus den letzten drei Jahrzehnten, ließe sich beliebig fortsetzen. Sogar den Genre-Abgründen eher ferne Autoren wie Margaret Atwood – in „Oryx und Krake“ (2003) – oder der portugiesische Nobelpreisträger José Saramago – in „Stadt der Blinden“ (1995) – konnten dem Reiz der tödlichen Mikroben nicht widerstehen.

Die Zukunft als Drohung

Die Wiener Germanistin Eva Horn hat in ihrem Standardwerk zur Lust der Kultur am Weltuntergang, „Zukunft als Katastrophe“ (2014) die Werke der schwarzseherischen Zunft in aller Ausführlichkeit beschrieben und dabei den Schluss gezogen, dass so gut wie alle eines gemeinsam haben: Die Katastrophen sind kaum noch einzudämmen und betreffen damit auch etwas, was davor noch so hell und verheißungsvoll geleuchtet hatte – unsere Zukunft.

Zwar traut sich keiner der Sci-Fi- und Thriller-Autoren, die Menschheit untergehen zu lassen, dezimiert wird sie jedoch allemal und muss sich etwas neues für ihr Fortkommen einfallen lassen. Nach Hiroshima stand die Möglichkeit der Auslöschung der Menschheit durch die Atombombe schon einmal im kulturellen Raum und infizierte ein Jahrzehnt lang reichlich die Fantasien. Trotzdem war nach Weltkrieg und Holocaust der Optimismus flächendeckende Lebensauffassung. Erst in den letzten zwanzig Jahren hat sich der Pessimismus nicht mehr nur in den Schmuddelecken der Genrekultur durchgesetzt. „Zukunft ist kein Versprechen mehr sondern eine Drohung“, so Eva Horn.

Das Virus Wuhan-400

Das war sie hin und wieder auch beim Vielschreiber Dean R. Koontz, der in seinem Thriller „Die Augen der Dunkelheit“ bereits 1982 ein Virus aus China zur Weltvernichtung loslässt: Wuhan-400! In der (west)deutschen Übersetzung wurde damals daraus – es herrschte der Kalter Krieg! – das Virus Gorki-400 aus einem russischen Labor. Es steht jedoch zu vermuten, dass Koontz bei weit über 100 Romanen in 50 Jahren einfach nicht viel Zeit hatte und mit dem Finger über der Landkarte bei Wuhan hängenblieb. Oder? Naturgemäß sehen das die Verschwörungstheoretiker im Internet ganz anders.