Liv Lisa Fries als Charlotte Ritter.
Foto: ARD Degeto/X-Filme/Beta Film/Sky Deutschland/Frédéric Batier

BerlinEiner schießt sich in den Kopf. Einer hängt sich auf. Wertpapiere flattern von der Decke. Und mittendrin Kommissar Gereon Rath, der schwer angeschlagen durch die  Gänge der Börse taumelt. Die Eingangsszene der 3. Staffel von „Babylon Berlin“ lässt sich tagesgenau datieren. Es ist der 25. Oktober 1929, Schwarzer Freitag. Nach dem apokalyptischen Entrée wird die Chose allerdings noch einmal zurückgespult: „Fünf Wochen zuvor.“ Ein mittlerweile üblicher dramaturgischer Kniff, mit dem der Geschichte ein Spannungsbogen eingezogen wird, noch ehe sie begonnen hat.

Eine deutsche TV-Serie als Exportweltmeister

Bevor die zwölf neuen Episoden ab dem 24. Januar zunächst beim Bezahlsender Sky zu sehen sein werden, feierte „Babylon Berlin 3“ am Montagabend im Berliner Zoo-Palast seine Weltpremiere. Ein Superlativ, der hier sogar passt. Wer hätte es noch vor ein paar Jahren für möglich gehalten, dass das deutsche Serienfernsehen zum Exportweltmeister taugen würde. Die dritte Staffel der Serie „Babylon Berlin“ wurde schon vor ihrer Ausstrahlung in mehr als hundert Länder verkauft und ist damit mindestens so erfolgreich wie seinerzeit die Seifenoper „Derrick“. Nur dass diesmal auch die künstlerische Bilanz stimmt.

„Babylon Berlin“ hat so gut wie alle inländischen Fernsehpreise gewonnen, ist auf Festivals in Südkorea und China ausgezeichnet worden und wurde gerade in Berlin mit dem Europäischen Filmpreis geehrt. Für die Regisseure und Autoren Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries ist das Bestätigung genug, schon an der vierten Staffel ihres Bestsellers zu arbeiten. Aus dieser Nummer kommen sie so schnell nicht mehr raus. Das große Kino, für das sie einmal angetreten waren, ist auf absehbare Zeit der Flachbildschirm.

Die Vorlage für die Fortsetzung bildet Volker Kutschers Roman „Der stumme Tod“, der aber auch hier allenfalls eine grobe Orientierung bietet. Gereon Rath (Volker Bruch) ermittelt diesmal im Milieu einer Filmproduktion. Während der Dreharbeiten in Babelsberg wird eine gewisse Betty Winter, Star des Musikdramas „Dämonen der Leidenschaft“, von einem Studioscheinwerfer erschlagen. Natürlich war es Mord. Der Tatort in den Babelsberger Ateliers erlaubt es den Regisseuren, in einer tatsächlich exklusiven Kulisse zu arbeiten. Die Außenaufnahmen entstanden auf dem historischen Studiogelände, nur ein paar Gehminuten von dem modernen Kulissenaufbau mit seinem computeranimierten Berliner Straßenbild entfernt. Das hat schon was.

Die Zeit des Übergangs steht im Fokus

Hintergrund der Geschichte ist der Übergang vom Stumm- zum Tonfilm, was für die Produzenten mit einem enormen Risiko verbunden war und viele Künstler die Karriere kosten sollte. Kurz bevor Betty Winter zu Tode kommt, hat sie noch ihren großen Auftritt mit einem Couplet, in dem sie sehr schön programmatisch singt: „In keiner Welt sind wir noch geborgen.“ Die 20er-Jahre gingen damals zu Ende, wie sie heute beginnen: als eine Zeit des Übergangs. Neue Chancen, neue Ängste, neue Medien, neue Waffen, neue Künste, neue Drogen, neue Parteien und keine Ahnung, wohin das alles noch führen wird.

Eine Szene aus der Serie „Babylon Berlin“.
Foto: ddp/INTERTOPICS

Nach Sichtung der ersten Episoden lassen sich neben der Mordermittlung noch einige weitere Handlungsstränge identifizieren. Es geht um dubiose Finanzgeschäfte (Lars Eidinger) und Anlagebetrug, die Infiltration der Nationalsozialisten (Benno Fürmann) ins gesellschaftliche Leben, die komplizierte Liebesbeziehung des Kommissars zu seiner Schwägerin (Hannah Herzsprung) und nicht zuletzt macht auch die Emanzipation der Stenotypistin Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) weitere Fortschritte. Als Überhang aus der Staffel 2 wird das Bombenattentat gegen Regierungsrat Bender verhandelt, für das Charlottes Freundin Greta (Leonie Benesch) beim Prozess die ganze Verantwortung auf sich nimmt.

Premium-Schauspieler, doch die Massenorgien sind Vergangenheit

Die Parallelführung der Figuren durch dieses dicht gewobene Erzählgeflecht erfordert es, mal die eine und mal die andere Geschichte voranzutreiben. Über Budgets wird nicht mehr gesprochen, aber wenn nicht alles täuscht, wurde diesmal etwas sparsamer kalkuliert. Das Moka Efti ist nur noch eine Ruine. Die Massenorgien sind Vergangenheit.

Volker Bruch als Gereon Rath.
Foto: Foto: ARD Degeto/X-Filme/Beta Film/Sky Deutschland/Frédéric Batier

Das Personaltableau hat sich nur leicht verändert. Aber ein bisschen Schwund ist immer. Auf Peter Kurth und Matthias Brandt, deren Charakteren ein letales Ende beschieden war, muss man in der neuen Staffel verzichten. Für sie gibt es prominenten Ersatz. Neu dabei sind etwa Ronald Zehrfeld, Martin Wuttke, Bernhard Schütz, Saskia Rosendahl, Sabin Tambrea und noch etliche Premium-Gäste mehr. Wer noch nicht gefragt wurde, muss sich langsam Sorgen  machen.

Meret Becker grandios als verdämmerter Stummfilmstar

In den vier Folgen, die der Presse vorab gezeigt wurden, sticht von den Neuzugängen vor allem Meret Becker in der Miniatur eines verdämmernden Stummfilmstars heraus. Einige der schon bekannten Charaktere scheinen neu justiert zu sein. So nimmt Ernst Gennat (Udo Samel) als Chef der Mordkommission mehr Raum ein – im wahrsten Sinne des Wortes. Der „Buddha“ war nicht nur für seine modernen Ermittlungsmethoden berühmt, sondern auch für seine tortengesättigte Körperfülle. Was diese Serie  neben ihrer  breit angelegten Story und der reichen Ausstattung vom Durchschnittsfernsehen abhebt, sind auch diesmal wieder ihre surrealen Momente.

Als Gereon Rath eines Nachts wie so oft sich selbst nicht mehr kennt, geht er über die Straße vor seiner Wohnung, öffnet die Tür in einer Litfaßsäule und steigt in sein Unbewusstes hinab. Dort erwartet ihn schon der mysteriöse Doktor Schmidt, gespielt von Jens Harzer, Träger des Iffland-Ringes. Der höchst dekorierte Schauspieler deutscher Sprache in einer Nebenrolle, das leistet sich nur „Babylon Berlin“.

Babylon Berlin 3. Staffel, zwölf Teile à 45 Min., ab 24. Januar auf Sky, im Herbst 2020 in der ARD