Symbolbild
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BerlinIch habe nichts gegen Meinungen. Manchmal schreibe ich selbst welche auf. Eine Zeit lang war ich sogar dafür zuständig, die Meinung anderer Kollegen zu bearbeiten. Das darf man nicht derart missverstehen, dass ich so lange an deren Texten herumgeschraubt habe, bis meine Meinung dabei herauskam. Eher habe ich versucht, die Gedanken zu schärfen, obwohl ich sie nicht immer geteilt habe. Meinung wird oft überschätzt. Guter Journalismus basiert auf anderen Qualitäten.

Das berühmte Zitat, das Voltaire zugeschrieben wird, habe ich oft gelesen. Wie er würde ich mich für das Demonstrationsrecht anderer einsetzen. Bei den akuten Hygiene-Demos habe ich jedoch den Witz nicht verstanden. Sind sie nun für oder gegen das Händewaschen? Und sollte man überhaupt lange darüber reden? An den besorgten Bürgern, die nun gegen die strengen Corona-Maßnahmen auf die Straße gehen – mit Abstandswahrung und ohne – stört mich, dass sie genau zu wissen scheinen, um was es ihnen geht. Ich hingegen bin noch immer höchst ambivalent. Zur Meinungsbildung, da bin ich altmodisch, bedarf es einer soliden Wissensbasis. Ich habe zuletzt viel über Viren und Pandemien gelesen. Eine Meinung, für die ich auf die Straße gehen würde, traue ich mir allerdings nicht zu.

Der französische Soziologe Gabriel Tarde hat sich schon 1901 mit der Rolle von Meinungen befasst. „Alles stünde zum besten“, schreibt er, „wenn sich die Meinung darauf beschränkte, die Vernunft zu popularisieren, um sie nach und nach zur Tradition werden zu lassen. Die Vernunft von heute würde derart zur Meinung von morgen und zur Tradition von übermorgen. Doch statt als verbindendes Glied zwischen ihren Nachbarinnen zu dienen, schlägt sich die Meinung gern auf eine der beiden Seiten.“ Sie macht einfach nicht das, was sie soll, und oft entsteht daraus großer Ärger. Aber es wäre auch langweiliger ohne sie.