Die Mutter der Abrafaxe: Die Comiczeichnerin Lona Rietschel ist gestorben

Der Jahresanfang 1976 hielt für die Comicfreunde in der DDR eine harte Zäsur bereit, teilte die Welt in ein Davor und ein Danach. Bis Ende 1975 hatte der Leser des Mosaiks Monat für Monat mit den drei Digedags mitgefiebert. Nun kamen auf einmal die drei Abrafaxe daher. Viele Mosaik-Leser gingen mit, manche aber stiegen aus. Sowohl Dig, Dag und Digedag als auch Abrax, Brabax und Califax wurden von derselben Frau gezeichnet – von Lona Rietschel.

Ihr Zeichenhandwerk hatte die 1933 im ostbrandenburgischen Reppen (heute das polnische Rzepin) Geborene gründlich in Berlin gelernt. Lona Rietschel träumte im grauen Nachkriegsberlin von schicker Mode, studierte zunächst an der Friedrichshainer Textil-Fachschule Modegrafik, wechselte dann aber nach Charlottenburg in eine Meisterklasse für Zeichentrickfilm.

Karrierebeginn in Karlshorst

Eine Anstellung beim Defa-Trickfilm wäre möglich gewesen, doch das Studio zog damals von Babelsberg nach Dresden. Lona Rietschel blieb in Berlin und stieß 1960 zum Zeichnerteam von Johannes Hegenbarth, der seit 1955 unter dem Kürzel „Hannes Hegen“ das Mosaik verantwortete und in Karlshorst seine Mitzeichner versammelte.

Mit den Digedags reisten die Leser in vergangene Zeiten und auf fremde Kontinente. Legendär und prägend sind die jeweils fünf Jahre währenden Abenteuer mit Ritter Runkel und die Schatzsuche im Amerika des Bürgerkriegs. 

„Lonöser Strich“

Obwohl die Zeichner damals nicht einzeln ausgewiesen wurden, erkannte der Geübte besondere Talente. „Lonas Strich war ein besonderer, stets schwungvoll und mit Leichtigkeit und selbst bei Bösewichten liebevoll“, betonen ihre aktuellen Nachfolger im Mosaik. Als größtes Kompliment gilt „lonös“ – gezeichnet wie von Lona.

Als Hegen 1974 sich mit dem Verlag Junge Welt überwarf und die Urheberrechte an seinen Digedags mitnahm, da schufen seine anonymen Mitarbeiter einfach drei neue Kobolde. Die Texte stammten weiterhin von Lothar Dräger – die Figuren wurden von Lona Rietschel entworfen.

Plagiatsvorwurf

Abrax, Brabax und Califax setzten sich äußerlich und charakterlich deutlicher voneinander ab als ihre Vorgänger. Hegen nahm seinen Nachfolgern den fließenden Übergang übel, sprach jahrzehntelang von Verrat und Plagiat. Erst 37 Jahre nach dem Zerwürfnis sollte Lona Rietschel den greisen Mosaik-Erfinder wieder sehen, der 2014 starb. Im vergangenen Sommer folgte ihm Mosaik-Texter Lothar Dräger.

Am Dienstag ist nun auch Lona Rietschel im Alter von 84 Jahren gestorben. Bis 1999 hatte sie regelmäßig die Abrafaxe gezeichnet, danach noch die Titelbilder für Sammelbände gestaltet. Mit einer Ausstellung in ihrem Heimatbezirk Treptow konnte Lona Rietschel noch einmal ihre Zeichenkunst vorführen, auch jenseits des Mosaiks. So gestaltete sie zusammen mit ihrem Mann, dem Grafiker Kurt Rietschel, Plakate für den Tierpark. In ihrer Autobiografie schrieb sie: „Ich hatte einen wunderschönen Job, hatte das große Glück, dass ich mein Hobby und mein Talent zu meinem Beruf machen konnte.“ Lona Rietschel, die Mutter der Abrafaxe, hat mehr als 400 Hefte geprägt und fast vierzig Jahre für das Mosaik gezeichnet. Längst sind ihre Abrafaxe länger unterwegs als die Digedags.