„Die Mutter meiner Mutter“ von Sabine Rennefanz: In der Fremde lauert ein dunkles Familiengeheimnis

Die Mutter meiner Mutter war fünfzehn, als sie ihr Dorf im Osten verließ. Wenn sie ihre Erinnerungen von der Flucht im Frühjahr 1945 erzählt, drehen sich ihre Geschichten vor allem ums Essen: das Ei, das ein Bauer ihr schenkt und das sie mit ihren Brüdern teilt, die grünen Äpfel, die Fredi, der älteste der drei Jungs, einmal aus einem Vorgarten stiehlt, das Stück Brot, das sowjetische Soldaten vom Lastwagen herunterwerfen. Ein Ei, ein Apfel, ein Stück Brot, das waren Delikatessen. An vielen anderen Tagen reißen sie Gras ab oder ein paar Blätter von den Bäumen und trinken das brackige Wasser aus den Pfützen. Sie lernen, dass Giersch und Breitwegerich essbar sind, Sauerampfer aber unbekömmlich.

Kurz bevor sie die Oder, den heutigen Grenzfluss, erreichen, wird Karl, der Kleinste, schwer krank. Es hat tagelang geregnet, ihre Sachen sind auch über Nacht nicht getrocknet. Sie können die provisorische Brücke, die die sowjetischen Soldaten errichtet haben, mit den Augen sehen, aber sie kommen nicht weiter. Die Kinder husten alle, Karl bekommt hohes Fieber. Sein kleiner Körper brennt, seine Haut bekommt einen ungesunden Schimmer, er sitzt im Handwagen, den Fredi gebaut hat und wimmert den ganzen Tag leise vor sich hin. Als das Weiße in den Augen gelb wird, wird Hedwig nervös. Sie brauchen einen Arzt, aber sie finden keinen. Sie lassen sich in einer leeren Scheune in der Nähe des Ufers nieder.

Anna liegt nachts wach, sie holt aus ihrer Brusttasche das Bild ihrer Mutter Clara. Vier Jahre war sie alt, als ihre Mutter starb. Kurz darauf heiratete der Vater eine neue Frau, Hedwig, und bekam mit ihr drei Söhne.

Das Foto ist zerknittert und feucht vom Regen und vom Schweiß. Clara trägt das weiße bodenlange Kleid und guckt ihre Tochter mit einem Lächeln an, das sie als spöttisch empfindet. Als würde sie sagen: Du denkst, jetzt geht es dir schlecht? Warte nur ab.

Am nächsten Morgen hat der Regen aufgehört, am Himmel steht die Sonne, doch der kleine Karl lebt nicht mehr. Hedwig wird ihn in den nächsten Tagen mit sich herumtragen. Sie will nicht, dass die Soldaten ihn finden und in einem Loch verscharren. Sie wird ihn in einem Waldstück auf der anderen Seite des Grenzflusses begraben, das sie später nicht mehr finden kann. Sie gräbt ein Loch mit ihren Händen. Nachts, ohne dass die anderen Kinder es mitbekommen, nur Anna bemerkt es. Sie hätte sich gern vom kleinen Karl verabschiedet. Sie verliert kein Wort darüber. Aber sie denkt später oft daran, wie der kleine, zarte Körper von Karl schutzlos in einem Erdloch in der Fremde liegt und wie die Würmer an ihm nagen werden.

Im Mai 1945 endet der Krieg. Millionen sind heimatlos geworden. Die Schwächsten lungern an den Bahnhöfen und warten auf den Tod, andere irren wochenlang durch die Wälder und Dörfer hinter der Oder und suchen nach einer Unterkunft. Die meisten sind Frauen und Kinder, wie meine Stiefurgroßmutter, meine Großmutter und ihre Brüder. Kaum jemand will die Landsleute aus dem Osten freiwillig aufnehmen. Wie Kriminelle werden sie behandelt. Manche Bürgermeister bringen Schilder an, die Flüchtlinge schon am Ortseingang abschrecken sollen. Typhus, steht auf ihnen.

Schließlich trifft die zuständige Zentralverwaltung der sowjetischen Besatzungszone eine Entscheidung, die auch meine Großmutter betreffen wird. Die Umsiedler, wie die Flüchtlinge hier genannt werden, sollen aus Platzgründen nicht in den Städten untergebracht, sondern auf die kleineren Dörfer verteilt werden. Weil man weiß, dass die Bauern freiwillig niemanden aufnehmen, werden Inspekteure durchs Land geschickt, um nach freiem Wohnraum zu suchen. So landet meine Großmutter in Kosakenberg. Einem Ort, in dem es weder Kosaken noch einen Berg gibt.

Sie steht an einem heißen Tag im August auf dem nahe gelegenen Hügel und schaut auf das Dorf hinab.

Es ist unwahrscheinlich, dass die Mutter meiner Mutter die Geschichte des Ortes und seiner Menschen kannte.

Die Kosakenberger gelten selbst für hiesige Verhältnisse als besonders misstrauisch gegenüber jedem Neuen. Es gibt in dem Dorf sechs Großbauern, alle sind untereinander verwandt oder verschwägert. Alle kennen sich von Kindesbeinen an, alle wissen, wer mit wem auf die Bäume geklettert ist, wer wen beim Tanz aufgefordert hat, welcher Junge welches Mädchen zuerst geküsst hat, wer welches Mädchen auf dem Hof hinter der Kirche verführt hat. Es führt zu einem engen, für Außenstehende undurchdringlichen Netz an Beziehungen, Abhängigkeiten und Regeln.

Eine dieser Regeln lautet, dass Kosakenberger nur untereinander heiraten. Man kennt die Familien, die Verhältnisse, frühere Krankheiten, künftige Erbschaften. Das soll Sicherheit schaffen. Wählt ein Bauer dennoch eine Frau aus dem Nachbardorf, führt das vielleicht nicht zu einer Katastrophe, aber man wird die Frau ihr Leben lang spüren lassen, dass sie nicht dazugehört, dass sie eine Zugezogene, eine Fremde ist.

Das Misstrauen Neuem gegenüber hat eine lange Tradition. Vor eintausend Jahren lebte niemand in Kosakenberg, die Anhöhe in der Umgebung, auf der Anna nun steht, galt als heiliger Ort, den nur geweihte Priester betreten durften. Es waren Fremde, die sechshundert Jahre nach Beginn der Zeitrechnung den Hain entweihten, auf dem die heidnischen Dorfbewohner ihre Gottheiten anbeteten. Es waren Fremde, die eintausend Jahre später im Dreißigjährigen Krieg das Dorf ausplünderten und verwüsteten. Es war ein Fremder aus Venedig, der 1750 den Samen nach Kosakenberg mitbrachte, der ihnen Unglück bringen sollte. Samen für Maulbeerbäume und Eier des Seidenspinners. Die Bauern sahen den Fremden, sie sahen, wie der Mond in seinem Gesicht funkelte, und wollten an ein Wunder glauben. Mit der Seide, die sie nun gewinnen würden, käme ein besseres, ein leichteres Leben. Aus einhundertzwanzig Körnern gingen sechsundzwanzig Pflanzen auf. Einmal verhungerten alle Raupen, weil der Frost die jungen Triebe vernichtete. Einmal faulten die Blätter, weil es zu viel regnete.

Die Bauern rissen ihre Maulbeerbäume heraus und bauten wieder Raps, Hirse und Winterroggen an. Sie sollten den Ratschlägen von Fremden nie wieder trauen.

Während Anna vom Hügel aus auf Kosakenberg hinabblickt, ahnt sie nicht, dass sie in dem Ort die nächsten sechzig Jahre ihres Lebens verbringen wird. Sie spürt, wie der Schweiß über ihr Gesicht rinnt, über ihren Nacken, ihren Rücken, und zwischen den Beinen herab. Sie trägt das Kopftuch unter dem Kinn zusammengebunden, sie hat es nicht abgesetzt seit der Nacht, in der sie ihr Haus im Osten verlassen haben. Sie trägt zwei Pullover übereinander, einen Rock aus schwerem Stoff, Strümpfe und Lederschuhe, die zuletzt vor acht Monaten poliert worden sind. Das ist alles, was sie besitzt. Sie schaut auf ein Dorf, das vom Krieg kaum berührt worden ist. Die Schäden sind zumindest nicht sichtbar.

Ein Vogel schreit. Ein Hund jault.

Anna denkt kurz an Polly, den Hund, den ihr Stiefmutter erschlagen hat, bevor sie ihr Heimatdorf verließen, dann wischt sie sich den Schweiß von der Stirn und überquert die provisorische Straßenbrücke. Ihre Stiefmutter geht voran, Anna zieht den Handwagen, den ihr Bruder gebaut hat, hinter sich her.

Die Welt ist zerfallen, aber der Handwagen hat gehalten.

Im Spätsommer 1945, als Anna in Kosakenberg ankommt, leidet das Dorf unter großer Hitze. Die Luft ist staubig und trocken, seit Monaten hat es nicht geregnet, das Getreide ist auf den Feldern verdorrt. Es gibt Mutmaßungen über das Wetter.

Eine weit verbreitete Meinung lautete, dass die Deutschen bestraft werden sollten für das, was Hitler getan hat. Es wird viel gebetet in jener Zeit, für Regen, für den Seelenfrieden des Kaisers, für die Männer aus dem Dorf, die von den Schlachtfeldern nicht zurückgekommen sind.

Die Menschen beten viel und leidenschaftlich, jeden Sonntag laufen sie in die Kirche. Der Parteifunktionär und Großbauer Herbert Kahlbaum, der vor Kurzem noch den Tod seines geliebten Führers betrauert und einen ihm zugeteilten jüdischen Zwangsarbeiter erschlagen hatte, findet seinen Glauben wieder und wendet sich vom Nationalsozialismus ab. Es wird nicht ausgeschlossen, dass Hitler ein Kind des Teufels war. Eine Mitteilung der Verwaltung warnt vor einer Typhus-Epidemie und davor, das Wasser aus den Pumpen ohne vorheriges Abkochen zu trinken. Ein Lager in der Nachbarstadt, in dem während des Krieges Franzosen, Holländer, Litauer und Polen inhaftiert und zur Arbeit gezwungen worden waren, wird von den sowjetischen Soldaten ausgebaut. Hunderte Männer, Frauen und Jugendliche werden eingesperrt.

Die Dorfbewohner stehen vor dem einzigen Geschäft und starren auf die leeren Regale. Wenn es Brot gibt, stellen sie sich geduldig in die Schlange. Überall bröckelt der Putz von den Wänden, durch die Dächer laufen Risse bis in die Grundmauern, doch es gibt kein Baumaterial, um die Schäden zu reparieren. Die Mutter vom Großbauern Schmidt wird von einem herabstürzenden Ziegelstein erschlagen. Die Kosakenberger sagen, dass es besser gewesen wäre, es hätte einen der Flüchtlinge getroffen.

Wer keine Arbeit hat, muss sich bei der sowjetischen Kommandantur melden, die in das schönste Haus des Ortes eingezogen war. Die Bevölkerung wird eingeteilt, um Kriegsschäden zu reparieren, jeder muss helfen. Es wird viel gebaut, trotzdem fehlt es an Wohnraum.

An dem Tag, an dem meine Großmutter ins Dorf kommt, sind die Straßen menschenleer. Als sei der Ort plötzlich geräumt worden. Keine Gardine bewegt sich. Vor dem Dorfladen bildet sich keine Schlange, seine Tür bleibt geschlossen. Anna zieht den Handwagen über das Kopfsteinpflaster. Den Grund, warum die Straßen so leer sind, wird sie erst später erfahren.

Am Morgen ist das Pferd des Großbauern Kahlbaum gestorben. Es war das letzte Pferd, das dem Dorf nach dem Kriegsende geblieben ist. Kahlbaum hatte sich geweigert, es den anderen Bauern auszuleihen, um das Getreide einzufahren, das noch nicht verdorrt war. Das Tier sei zu alt, es müsse geschont werden, damit es gesund bleibe.

Am Tag, als meine Großmutter ins Dorf kommt, ist es morgens im Stall tot aufgefunden worden. Das Tier sei vergiftet worden, stellte der Tierarzt fest. Es gibt an dem Tag kein anderes Gesprächsthema. Ein totes Pferd bedeutet Krankheit oder Tod. Oder beides.

Es wird unter großer Anteilnahme auf dem Acker hinter dem Haus des Großbauern Kahlbaum vergraben, der von der Straße nicht einsehbar ist. Um dorthin zu gelangen, muss man die Kirche umrunden, auf der Rückseite befindet sich ein schmaler Feldweg, der links und rechts von Sträuchern bewuchert ist, über ihn gelangt man zu Kahlbaums Acker. Dort hat sich das ganze Dorf versammelt, so dass sich niemand auf der Straße befindet, als meine Großmutter, ihre Stiefmutter und die Brüder eintreffen.

Sie stehen vor der Adresse, die auf dem Papier angegeben ist, das sie vom Wohnungsamt in der Kreisstadt erhalten haben. Es ist ein prächtiges, imposantes Haus, unbeschädigt, drei Stockwerke hoch, direkt gegenüber der Kirche. An der Mauer ist der Schriftzug Zu Kön von reußen zu lesen. Sie klopft an die Tür, doch niemand antwortet, das Gasthaus öffnet erst zwei Stunden später. Sie setzen sich auf die Treppe und warten.

Drei Wochen zuvor haben die Inspektoren Theodora Rünzel, die Gastwirtin, besucht. Sie haben entdeckt, dass Theodora Rünzel mit ihrem einzigen Sohn im obersten Stock drei Zimmer bewohnt, die bestückt waren wie ein Möbelgeschäft. Sie wollten in zweien der Zimmer Flüchtlinge einquartieren, das konnte die Wirtin verhindern. Sie zeigte ihnen eine Kammer hinter dem Gasthaus. Es war wirklich nicht mehr als eine kleine Kammer, mit einem kleinen Fenster, durch das kaum Licht hineinfiel. Eine einzelne Glühbirne hing von der Decke, es gab kein fließend Wasser, ein Plumpsklo befand sich auf dem Hof. Die Inspektoren machten sich Notizen und fuhren in die Kreisstadt zurück.

Als Theodora Rünzel von Kahlbaums zurückkommt, kann sie schon von Weitem die Fremden sehen, die auf ihrer Treppe sitzen. Eine ältere Frau mit hohen Wangenknochen, hager, streng, daneben ein Mädchen, vielleicht vierzehn oder fünfzehn, viel zu warm angezogen für die Jahreszeit, sie hat ein schmales, zartes Gesicht, wirkt eher weich, ist wohl nicht die Tochter der älteren Frau, dazu zwei Bengel, beide von gleicher Statur, gedrungen, breitschultrig, mit schmutzigen Gesichtern. Wahrscheinlich eine Oma mit ihren Enkeln. Sie ahnt, dass sie wegen der Kammer gekommen sind. Sie muss verhindern, dass diese Leute in ihr Haus ziehen, sie beklauen und alles schmutzig machen. Sie will keine Polacken im Haus.

Hedwig steht auf, als sie die Wirtin näher kommen sieht.

„Das ist hier nichts für Kinder“, sagt Theodora Rünzel.

„Meine Jungs sind artig“, antwortet Hedwig, sie hält den Zettel vom Wohnungsamt hin.

„Wie lange wollen Sie bleiben?“, fragt die Wirtin.

Hedwig hebt die linke Schulter und lässt sie wieder fallen.

„Vielleicht ist ja schon jemand anders in der Kammer“, sagt die Wirtin.

Theodora Rünzel nimmt den Zettel vom Wohnungsamt und schließt die Tür auf. Sie steigt die Treppe hinauf in den ersten Stock, es riecht nach abgestandenem Rauch und Bier. Die Kammer ist staubig, es gibt nur einen Stuhl und ein Bett, auf dem eine schmutzige Matratze liegt. Gleich nebenan ist der Gastraum. Die Jungs lassen sich auf das Bett fallen. Sie wollen bleiben. Die Wirtin lässt ihre neuen Mieter allein.

Am ersten Abend geht es Hedwig schlecht. Die beiden Brüder teilen sich das Bett, sie schlafen, als sie von Krämpfen geschüttelt wird. Vielleicht ist es die Hitze, vielleicht auch die Erschöpfung. Anna holt von der Wirtin einen Eimer, Hedwig beugt sich darüber und erbricht sich. Dann lässt sie sich auf den Boden fallen.

Anna reibt ihrer Stiefmutter im Dunkeln über den Rücken, nicht zu weich, nicht zu fest. Es ist etwas, das sie sonst nie machte. Fass mich nicht an, zischt ihre Stiefmutter. Doch Anna hört nicht auf, sondern massiert weiter, bis ihre Stiefmutter zu weinen anfängt, ganz leise, damit die Jungs nicht aufwachen. Die Stiefmutter liegt ganz lange so da, bis Anna nicht mehr weiß, ob sie wach ist oder schläft. Anna nickt ein, sie träumt von ihrem Dorf, von dem Schloss und ihrem Vater, der mit einem Hut und in Gummistiefeln am Teich steht und Forellen angelt.

Auf den Höfen fehlen überall Arbeitskräfte, meine Großmutter findet bei den Wendlers eine Stelle, ihr Hof liegt am Ende der Straße, die durch Kosakenberg führt.

Sie scheuert die Steinböden, sie fegt die Ställe, füttert das Vieh, jeden Tag. Sie klagt nicht, auch wenn jeder Muskel schmerzt, denn die Bauern, ein kinderloses, freundliches Paar, behandeln sie gut und helfen ihr, sich in Kosakenberg einzuleben.

Anna hatte sich auf dem Weg in den Westen an die bettelnden, hungrigen Gesichter gewöhnt, Städter, die umhergingen und einen Mantel gegen ein Stück Brot eintauschten, Menschen, die sich um einen Apfel oder um ein Stück Brot prügelten, so dass es fast ein Schock ist zu sehen, wie gut es den Bauern geht. Als Anna zum ersten Mal zum Essen gerufen wird, wird ihr übel.

Die Küche ist der größte Raum im Haus, eine komplette Seite nimmt ein riesiger gusseiserner Ofen ein, der ungefähr doppelt so groß ist wie der Ofen, den Anna von zu Hause im Osten kannte. In der anderen Ecke hängt das weiß-blaue Ausgussbecken. Die Regale sind mit Tellern voller künstlicher Trauben und Weinblätter dekoriert.

In der Mitte des Raums steht ein eckiger Holztisch, auf dem sich in großen Schüsseln Schinken, Brot, Kartoffeln, Weißkäse türmen. Anna weiß nicht, wohin sie zuerst schauen soll, ihre Hände zittern, sie presst die Lippen aufeinander und konzentriert sich darauf, nicht loszuweinen. Sie ist stolz, sie will nicht, dass man ihr ansieht, wie sehr sie der Anblick überwältigt. Sie schämt sich für ihren Hunger und ihre Armut.

Amalie Wendler, die Bäuerin, mustert ihre Magd, ihr gefällt der Blick nicht, mit dem Anna den Abendbrottisch mustert, und wie sie die Lippen zusammenpresst. Fehlt ihr etwas? Ist sie zu fein, ein kaltes Abendbrot zu essen? Amalie wird nicht recht schlau aus ihrer Magd.

Meine Großmutter hat später öfter davon erzählt, wie es war, an diesem vollen Tisch zu stehen, wie sehr sie sich für ihren Hunger geschämt hat. Und dass sie an ihre Brüder gedacht hat, die hungrig nebenan in der Kammer im Gasthaus Zum König von Preußen saßen.

Um den Tisch herum sitzen der Bauer und zwei Frauen, seine Schwester und seine Mutter. Sie kommen so fast jeden Abend zusammen und tauschen Neuigkeiten aus. Anna setzt sich dazu auf einen der freien Stühle und hört aufmerksam zu. Es geht um einen brutalen Überfall, von dem die Zeitung damals berichtet. Einer Bäuerin aus der Kleinstadt T. ist mit einem Hammer das Schädeldach zertrümmert worden. Wegen eines Einweckglases, das Fleisch enthielt. Das ist jedenfalls alles, was die Räuber erbeutet haben. Die Menschen werden zu Tieren, sagt Luise, Erichs Schwester.

Anna erfährt, dass überall im Land kriminelle Diebesbanden unterwegs sind. Erst neulich sei ein Lager mit Diebesgut aufgedeckt worden, weiß Erich Wendler zu berichten. Er rezitiert die Liste der Fundstücke, als sei es ein Gedicht:

fünf Zentner Frühkartoffeln; zwei Töpfe Pflaumenmus; Mehl; Brote; ein Radio der Marke Lorenz; Unterhosen; Schmuck; mehrere Damenräder; eine Schreibmaschine der Marke Torpedo; Taschentücher; Handwagen; Bezug eines Liegestuhls; einen Gartenschlauch; drei Räder eines Handwagens; ein Strafgesetzbuch aus dem Jahre 1944.

Kahlbaum, den Bauern, dem das Pferd vergiftet wurde, soll es schon wieder erwischt haben. Ihm seien vierzig Kilo Frühkartoffeln gestohlen worden, direkt vom Feld. Kahlbaum ist sicher, dass dahinter die berüchtigte Fleischer-Bande stecke. Anna lernt, dass die Bande so genannt wird, weil der Kopf der Truppe angeblich ein gelernter Fleischer aus Essen sein soll.

Die Frauen hören mit einer Mischung aus Abscheu und wohligem Schauer zu.

Erich Wendlers Schwester wiederholt noch einmal, dass die Menschen zu Tieren würden, und Bertha, ihre Mutter, ergänzt, dass man sich in unchristlichen Zeiten befände, in denen man niemandem mehr trauen könnte. Während sie spricht, wirft sie einen kurzen Blick auf Anna, die schüchtern auf ihren Teller zwei Stück Brot und ein Stück Schinken legt, beides aber nicht anrührt. Ich stelle mir vor, dass sie sich unwohl gefühlt hat in der Runde. Sie hat zwar bei keiner kriminellen Bande mitgemacht, aber wenn man es genau nimmt, ist sie auch nicht besser als eine Diebin. Am Anfang hat sie auf dem Weg nach Westen noch gebettelt, aber es brachte nichts ein, die meisten Bauern guckten sie an und schickten sie weg. Sie hat Kartoffeln gestohlen, Brot, Getreide, alles, was sie kriegen konnte. Sie war auch schon auf dem Feld beim Bauern Kahlbaum und hat nachts Kartoffeln aufgesammelt, so viel sie tragen konnte.

Was würden die Wendlers von ihr denken, wenn sie davon wüssten? Macht sie das auch zu einem Tier? Wissen die Wendlers, wie es schmeckt, brackiges Wasser aus Pfützen zu trinken? Sich Birkenblätter in den Mund zu stopfen, um den Magen zu beruhigen?

Anna überlegt, doch dann sagt sie keinen Mucks. Sie hat einen anderen Plan.

Sie bestreicht die Brote mit Butter, klappt sie in der Mitte zusammen und lässt sie in ihre Schürzentasche gleiten. Sie steht schweigend auf, während die anderen noch diskutieren.

„Moment mal“, ruft Bertha Wendler, und alle schauen auf sie.

„Die hat doch was in ihrer Schürze“, sagt sie, und zeigt mit dem Finger auf die gewölbten Taschen. Sie springt auf und greift in Annas Taschen, sie holt nacheinander vier belegte Brote heraus.

Sie fasst sie mit spitzen Fingern an, wie Polizisten im Film Beweisstücke eines Verbrechens anfassen, und legt sie auf den Tisch.

Anna steht da wie eine Schaufensterpuppe und wehrt sich nicht.

„Die Flüchtlinge fressen uns noch alles weg“, zischt Bertha Wendler und schaut Anna mit einem giftigen Blick an.

„Setz dich hin, Mutter“, flüstert Erich Wendler. „Anna, du auch.“

Meine Großmutter setzt sich hin, sie sagt später, sie sei sicher gewesen, dass Erich Wendler sie nun rauswerfen werde.

Zu Recht. Sie ist eine Diebin, keinen Deut besser als die Fleischer-Bande.

Wendlers Frau steht auf und wickelt die Brote ein.

„Du darfst deinen Brüdern etwas mitnehmen, aber du musst auch essen“, sagt Amalie Wendler.

Meine Großmutter wird rot. „Danke“, flüstert sie.