Jürgen Holtz nach seinem letzten Auftritt als Galileo Galilei im Berliner Ensemble. Links von ihm Andreas Döhler und Sina Martens.
Foto: Moritz Haase

BerlinDer wirkungsvollste Moment bei der Trauerfeier für den großen Theaterkünstler Jürgen Holtz, der zu Beginn des Sommers gestorben ist, war auch der niederschmetterndste. Es ist überhaupt kein Vorwurf an das Berliner Ensemble, das am Sonntagmittag ein würdiges, bewegendes, manchmal fast fröhliches Abschiedsprogramm aufgelegt hat. Man erlebte den elliptischen Abriss einer gelungenen Karriere, die ihm freilich viel zu wünschen und zu meckern ließ, mit Erinnerungen und Gedenkanstößen von Jutta Hoffmann, Jutta Ferbers, Robert Wilson, Oliver Reese, Frank Castorf, mit schön ausgewählten Liedern, Bildern, Tonaufnahmen, die Jürgen Holtz’ Spielgesicht, seine Gedanken, Sprechweise und Stimme noch einmal gegenwärtig machten. Ein kleiner Trost war es, sein bildnerisches Werk zu sehen – denn das bleibt ja, anders als das vergängliche des Mimen. Und anders auch als das Lebkuchenrezept seiner pommerschen Vorfahren, das Jürgen Holtz in der Überzeugung, das er der Letzte war, der so etwas backen konnte, mit ins Grab genommen hat.

Aber doch konnte einem das Ende dieser Trauerfeier nicht anders als peinlich vor dem Toten sein. Was für eine kleinkarierte Wortmeldung des Lebens und des Diesseits, die vor den ewigen Spiel- und Schaffensgründen auf ihr Dienstrecht pochen: Eben noch sang Angela Winkler Schuberts „Leiermann“, ganz allein ohne Klavierbegleitung, sicher in der Melodie und doch nicht weit vom Beten, Schweigen und Sterben entfernt: „Wunderlicher Alter, soll ich mit dir geh’n?“ Kaum war der Schlussapplaus verhallt, wurde das Band mit den Corona-Auslassregeln abgespielt: Bitte Mundschutz aufbehalten und das Haus nacheinander verlassen. Ja, schon klar, alles andere wäre unvernünftig, aber kannst du nicht einmal die Klappe halten, Vernunft? Es zerreißt einem das Herz.

Und es passt doch auch. Das Leiden, die Krankheit, Gift und Galle der Gegenwart waren Jürgen Holtz stets Anlass zur Klage, zu finsteren Gedanken in hellen Worten – und mithin ein Quell des Schönen. Wir verneigen uns mit Mundschutz, halten Abstand und verfluchen den Tod.